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16:42 19 September 2019
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    LNG-Terminal im polnischen Świnoujście (Archiv)

    Schlechter Deal mit Trump: Warum Polen auf seinem Gas sitzen bleibt

    © Sputnik / Aleksej Witwicki
    Wirtschaft
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    Warschau hat zugestimmt, zusätzliches Flüssiggas aus den USA zu kaufen. Das teilte US-Donald Trump bei einer Pressekonferenz mit dem polnischen Präsidenten Andrzej Duda mit. Angesichts der geplanten Gaslieferungen über die Baltic Pipe aus Norwegen und der eigenen Förderung wird Polen bald einen Überschuss an importiertem teurem Gas haben.

    Womit die polnischen Politiker rechnen und wie realistisch ihre Pläne sind – das lesen Sie in diesem Artikel.

    Aufgedrängte Ware

    „Unsere Länder haben einen Zusatzvertrag für die Lieferung von zwei Milliarden Kubikmeter Gas unterzeichnet“, sagte Donald Trump am 12. Juni. Der Gesamtwert des Vertrags beläuft sich auf rund acht Milliarden Dollar. Auf Seiten des polnischen Gasnetzbetreibers PGNiG wird präzisiert, dass die Flüssiggasmenge, die vom US-Terminal Plaquemines nach Polen geliefert wird, ab 2023 von 1,35 auf 3,38 Milliarden Kubikmeter erhöht wird. Das ist bereits der dritte Vertrag. Im Oktober des vergangenen Jahres unterzeichneten PGNiG und die US-Firma Venture Global nach einem ähnlichen Treffen des polnischen Präsidenten mit Trump ein 20-jähriges Abkommen über zwei Millionen Tonnen Flüssiggas ab 2022.

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    Im November verpflichteten sich die Polen, von 2019 bis 2022 bei Cheniere Energy 0,73 Milliarden Kubikmeter pro Jahr und von 2023 bis 2042 bereits 1,95 Milliarden zu kaufen.

    Im Ganzen werden die US-Lieferungen ab 2023 auf 3,5 Millionen Tonnen pro Jahr steigen. „Wir werden insgesamt 3,5 Millionen Tonnen Exportkapazitäten von Venture Global LNG im Bundesstaat Louisiana im Golf von Mexiko bekommen, was rund 4,73 Milliarden Kubikmeter nach der Regasifizierung sind“, sagte PGNiG-Vizepräsident Maciej Woźniak.

    Zudem sicherte der US-Präsident die Unterstützung des Baus der Gaspipeline Baltic Pipe zu, die 2022 in Betrieb genommen werden soll. Über diese Leitung sollen jedes Jahr rund zehn Milliarden Kubikmeter Gas aus Norwegen nach Polen kommen. Damit will Warschau von den USA und Norwegen mindestens 14,73 Milliarden Kubikmeter pro Jahr erhalten, und das sind nicht die endgültigen Zahlen. „Wir erwarten mit Ungeduld noch mehr in den kommenden Monaten und Jahren“, sagte US-Energieminister Rick Perry.

    Der jährliche Gasverbrauch in Polen liegt bei rund 15 Milliarden Kubikmetern, wobei rund ein Drittel durch eigene Förderung gedeckt wird. Mit anderen Worten: Es wird einen massiven Gas-Überschuss geben, selbst wenn Warschau auf russisches Gas verzichtet und keine neuen Verträge mit den USA abschließt, was kaum wahrscheinlich ist.

    Auf der Jagd nach einem Trugbild

    Die polnischen Behörden sehen darin kein Problem. Warschau geht bewusst ständig neue Verträge ein und will zum größten europäischen Gashub aufsteigen, der mit Russland und Deutschland konkurrieren kann.

    Doch es geht nicht nur um Wirtschaft, sondern vor allem um Politik. In Warschau wird seit mehreren Jahrhunderten die Idee der Schaffung eines Gürtels von osteuropäischen Ländern vom Baltikum bis zum Mittelmeergebiet diskutiert, der eine Art Eiserner Vorhang zwischen Europa und Russland sein würde.

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    Zuvor lief dieses Vorhaben unter dem Namen „Intermarium“, vor einigen Jahren wurde die „Drei-Meere-Initiative“ (Baltic-Adriatic-Black Sea, BABS) in Umlauf gebracht. Ein neuer Impuls entstand nach der Machtübernahme durch Donald Trump, der versprach, Europa mithilfe von US-Flüssiggas vom russischen Gas zu befreien.

    Die Stütze der BABS im Baltikum ist natürlich Polen. Die Südflanke soll von Kroatien abgedeckt werden, dessen Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarović 2016 den Start eines internationalen Projektes zur Koordinierung der Gasverteilungs- und Gastransport-Kapazitäten der Länder Osteuropas angekündigt hatte.

    Im Sommer 2017 wurde die BABS-initiative von Washington unterstützt. Trump zufolge soll dieses Projekt den BABS-Teilnehmern Wohlstand und Sicherheit bringen. Er schlug den Europäern vor, Terminale für US-Flüssiggas zu bauen – in Klaipeda in Litauen, im polnischen Świnoujście und auf der kroatischen Insel Krk an der Adria.

    Angenommen wurde, dass sich ein Gaspipelinenetz von diesen Terminalen nach Tschechien, Ungarn, in die Slowakei, nach Slowenien, Bulgarien, Rumänien, Estland und Litauen erstrecken wird, womit eine Barriere gegen russisches Gas errichtet wird.

    Allerdings klangen die Pläne nur auf dem Papier so vielversprechend, denn die USA stellten kein Geld bereit. Washington setzte Brüssel unter Druck, allerdings weigerten sich die Europäer kategorisch, Milliarden Euro für einen grundlegenden Umbau des Gastransportsystems auszugeben.

    Im Ergebnis bauten die Polen einen Terminal in Świnoujście, der noch nicht seine volle Kapazität erreicht hat. Der Terminal in Klaipeda wurde offiziell als zukunftslos bezeichnet. Wie die litauische Zeitung „Lietuvos zinios“ berichtete, wurde er zu einer unerträglichen Last für das Land. Für die Kosten dieses Projekts wurden die Bürger zur Kasse gebeten.

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    „Experten zufolge würde jede Lösung – ob der Verkauf eines Depotschiffs des Gasterminals Klaipeda bzw. eine Pacht für weitere 10 bzw. 20 Jahre – die offensichtliche Tatsache nicht ändern, dass das Modell des Baus, Betriebs bzw. der Finanzierung des Terminals sich im Prinzip nicht ändern wird“, so die Zeitung.

    Gone with Turkish Stream

    Ein herber Dämpfer für die Drei-Meere-Initiative war das Projekt zum Bau von Turkish Stream 2, die viel attraktiver für Bulgarien, Ungarn, die Slowakei sowie Slowenien und Serbien ist. Die Idee des antirussischen Gas-Streifens vom Baltikum bis zur Adria musste endgültig fallengelassen werden.

    Zudem ist Turkish Stream 2 selbst zum Eisernen Vorhang für das geplante Flüssiggas-Terminal auf der Insel Krk geworden. Deswegen wurde der Beschluss zur Investition in dieses Projekt mehrmals verschoben.

    Die Angelegenheit ging so weit, dass sich die Koordinatorin des US-Außenministeriums für internationale Energie, Sue Saarnio, einmischen musste. Sie erinnerte Zagreb daran, dass der Bau eines Flüssiggasterminals in der nördlichen Adria „von den USA umfassend unterstützt wird“.

    Im Januar 2019 sagte der kroatische Energieminister Tomislav Coric dann, dass der Bau einer Regasifizierungsanlage auf der Insel Krk unabhängig vom Interesse der Gasabnehmer erfolgen werde. Anfang Februar wurde der endgültige Investitionsbeschluss zu dem Projekt getroffen.

    Allerdings ist die Umsetzung der Drei-Meere-Initiative im Gasbereich nun fast unmöglich. Es stellt sich eine logische Frage – wo könnte Polen sein von den USA erworbenes überschüssiges Gas loswerden?

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    Es wird schwerfallen, dieses Gas weiterzuverkaufen. Laut Einschätzung von Rystad Energy unterscheidet sich das russische Gas, das nach Europa geliefert wird, durch den niedrigen Preis der Verlustlosigkeit – rund fünf Dollar für eine Million BTU. Die Kennzahlen für das US-Gas einschließlich Verflüssigung, Beförderung, Regasifizierung und minimaler Rentabilität liegen bei sechs bzw. sieben Dollar. Um mit Gazprom auf dem europäischen Markt zu konkurrieren, muss Warschau US-amerikanisches Gas zum eigenen Nachteil verkaufen. Zudem muss das Problem der Verkehrsinfrastruktur irgendwie gelöst werden.

    Flüssiggas aus den USA auf die asiatischen Märkte weiterzuschicken, ist ebenfalls kaum eine aussichtsreiche Idee – in China und Japan sind die Preise höher als in Europa, aber auch die Konkurrenz ist höher. Dort muss Warschau mit Russland, Australien, Katar und Saudi-Arabien konkurrieren, die über geografische Vorteile gegenüber den USA verfügen.

    Mit dem Erlangen der „Gasunabhängigkeit“ wird Polen vielleicht versuchen, sich auch in Sachen Kohle von Russland unabhängig zu machen, nämlich bei den Heizwerken von russischer Kohle zu Gas zu wechseln. Allerdings macht allein die Vorstellung Angst, welche Kosten der Austausch von Kohlekesseln gegen Gasturbinen verursachen wird und wie die Stromtarife steigen werden.

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