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04:52 20 Juli 2019
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    Einkommensungerechtigkeit nimmt auch in der Schweiz obszöne Ausmaße an

    Einkommensungerechtigkeit nimmt auch in der Schweiz obszöne Ausmaße an

    CC0 / Pixabay / moritz320
    Wirtschaft
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    Andreas Peter
    144013

    Der Schweizer Gewerkschafts-Dachverband „Travail.Suisse“ hat seine neueste Untersuchung vorgelegt, wie sehr sich die Entlohnungen von Managern und normalen Gehaltsempfängern inzwischen in der Eidgenossenschaft unterscheiden. Demnach hat sich die Spreizung zwischen Spitzenverdienern und den unteren Einkommensgruppen 2018 weiter vergrößert.

    „Unten wird geknausert – oben gekleckert“, so ist die 22-seitige Zusammenstellung der „Travail.Suisse“ überschrieben. Seit 17 Jahren untersucht diese Dachorganisation von Gewerkschaften die Entwicklung von Managergehältern in Schweizer Unternehmen und vergleicht sie mit den Einkommen der anderen Beschäftigten dieser Unternehmen. Die Untersuchungen des Geschäftsjahres 2018 haben einmal mehr einen Trend der zurückliegenden Jahre zementiert. Die Gewerkschafter erklärten am Montag auf einer Pressekonferenz in Bern, dass seit nunmehr 15 Jahren ohne Unterbrechung die Schere zwischen den absurd hohen Managereinkünften und den Entlohnungen der normalen Beschäftigten immer weiter auseinandergefallen sei.

    Exorbitante Zuwächse Oben – Einkommensverluste Unten

    Ein Trend scheint geradezu wie in Stein gemeißelt. In der Studie von „Travail.Suisse“ heißt es:

    „Seit 2011 haben damit die Cheflöhne um 19 Prozent zugenommen, während sich die normalen Arbeitnehmenden im gleichen Zeitraum mit 4.3 Prozent mehr Lohn zufrieden geben mussten.“ De facto hätten die unteren Einkommensgruppen sogar real Verluste bis zu 0,4 Prozent hinnehmen müssen. Adrian Wüthrich, Präsident der Travail (was im Französischen für „Arbeit“ steht), der zugleich auch für die Sozialdemokraten in der Bundesversammlung sitzt, beklagte vor den anwesenden Journalisten in Bern: „Während bei den normalen Arbeitnehmenden auf die Lohnbremse getreten wird – scheint dies in der Chefetage nicht zu gelten.“

    Lag die Lohnschere zwischen Oben und Unten in den untersuchten Schweizer Unternehmen 2011 im Durchschnitt schon bei einem Verhältnis von 1:45, war sie im vergangenen Jahr noch einmal auf 1:51 angewachsen. Dabei zieht sich dieses angewachsene Ungleichgewicht durch alle Unternehmensbereiche und ist keineswegs nur auf das Spitzenmanagement beschränkt, stellten die Gewerkschafter fest. So rechnete in Bern Gabriel Fischer, Leiter der Abteilung Wirtschaftspolitik von „Travail.Suisse“, vor, dass beispielsweise der Vorstandschef der Credit Suisse, Tidjane Thiam, einen Einkommenszuwachs von 30 Prozent hatte. Aber auch normale Mitglieder der Geschäftsführung beispielsweise beim Nahrungsmittelmulti Nestlé hätten mehr als 37 Prozent Einkommenszuwächse verzeichnet.

    Obszöne Einkommensunterschiede

    Davon können die normalen Lohn- und Gehaltsempfänger nur träumen. Sie haben zwischen 2011 und 2018 nur Einkommenszuwächse von gerade einmal 4,3 Prozent erfahren, was meistens von der Inflation wieder aufgefressen wird. Im gleichen Zeitraum aber sind die Gehälter in den Chefetagen um 19 Prozent angestiegen. Dabei stachen von den 26 untersuchten Unternehmen die Konzernleitungen von 19 Firmen hervor, in denen die Manager mehr als zwei Millionen Schweizer Franken kassierten. Das betraf konkret 114 Vorstandsfunktionäre. Und von denen gehören 37 einem so genannten Lohnkartell an. So bezeichnet „Travail.Suisse“ eine Gruppe von Managern, die mindestens 100-mal mehr erhalten, als ihre Untergebenen. Dazu gehören die Konzernleitungen der Großbanken UBS und Credit Suisse, der Zurich Versicherung, der Pharma- und Chemiekonzerne Novartis und Roche, der Technologieriesen ABB und Swatch und des Nahrungsmittelmultis Nestlé.

    Die Gewerkschafter von „Travail.Suisse“, die immerhin 170.000 Schweizer Arbeitnehmende repräsentieren, wissen, dass ihnen auch in der Schweiz sofort das Totschlagsargument der angeblichen „Neiddebatte“ entgegengeschleudert wird. Doch sie müssen gar nicht auf dieses peinliche und verlogene Diskussionsniveau einsteigen. Denn in der Schweiz gibt es bekanntlich das demokratische Instrument der Volksabstimmung, das vor allem bei der Politik im großen nördlichen Nachbarland der Schweiz regelrecht verhasst ist.

    Die „Abzockerinitiative“ von 2013 stärkt „Travail.Suisse“ den Rücken

    Und „Travail.Suisse“ kann sich auf die Volksinitiative „gegen die Abzockerei“ von 2013 berufen. Seinerzeit stimmten mehr als 67 Prozent des eidgenössischen Wahlvolkes für diese Initiative und damit gegen absurde und durch keine noch so einzigartige Leistung mehr zu rechtfertigende Managergehälter und insbesondere aber Boni-Zahlungen. Das seinerzeitige Ergebnis der als „Abzockerinitiative“ bis heute in der Schweiz populären Volksinitiative ist die dritthöchste Zustimmungsrate zu einer Volksinitiative überhaupt. Das verleiht dieser Abstimmung ihr Gewicht. Und genau deshalb sind die Gewerkschafter von „Travail.Suisse“ auch so empört, dass der Wille des Schweizer Wahlvolkes seit 2013 geschickt, aber auch dreist immer wieder arrogant ignoriert wurde.

    Ausgangspunkt der Initiative war der Zusammenbruch der ehemaligen nationalen Luftfahrtgesellschaft Swissair 2001. Im Zuge dieses Bankrotts, der nach übereinstimmender Meinung durch katastrophales Missmanagement verursacht wurde, erhielt der damalige Konzernchef Mario Corti dennoch fünf Jahresgehälter im Voraus. Dagegen blieb der Zulieferer Trybol, der Kosmetika an die Swissair-Gruppe lieferte, zunächst auf seinen Forderungen sitzen. Das empörte den Firmenchef Thomas Minder derart, dass er die „Abzockerinitiative“ ins Leben rief.

    „Travail.Suisse“ fordert bessere Maßnahmen zur Umsetzung des Ergebnisses der Initiative

    Die „Travail.Suisse“ kritisierte auf der Pressekonferenz in Bern, dass ihre neuesten Untersuchungsergebnisse ein weiterer Beweis dafür sind, dass die von der Schweizer Bundesregierung nach dem Referendum ergriffenen Maßnahmen weitgehend wirkungslos sind und deshalb dringend nachgebessert werden müssen. Dazu präsentierten die Gewerkschafter vier Forderungen:

    1. Individuelle Ausweisung der Vergütungen für die Mitglieder der Konzernleitungen.
    2. Änderungen der Abstimmungsmodalitäten in den Generalversammlungen der Konzerne, um zu verhindern, dass Abstimmungen über fixe und variable Zahlungen für Manager verbunden werden. Diese Praxis führt beispielsweise dazu, dass enorme, angeblich leistungs- und ergebnisabhängige Boni ausgeschüttet werden, die aber in keinem Verhältnis zu den oft miesen und/oder verlustreichen Aktienkursen stehen.
    3. Endlich einen Riegel vor obszöne Antritts- und Abgangsentschädigungen schieben.
    4. Endlich einen Riegel vor überzogene Boni-Zahlungen schieben.

    Konzerne verweigerten Angaben zu Tiefstlöhnen

    Besonders unangenehm fiel den Travail-Forschern auf, dass sie Angaben zu den Tiefstlöhnen in den 26 untersuchten Unternehmen regelrecht hinterherrecherchieren mussten, oftmals aber an der Kooperationsunwilligkeit der Konzernchefs scheiterten. Konkret weigerten sich die Führungsetagen von ABB, Bobst, Lonza, Nestlé, Novartis, Schindler, Swatch und Zurich auf Nachfrage Angaben zu den ausbezahlten Jahrestiefstlöhnen ihrer Beschäftigten zu machen.

    Untersucht wurden die Einkommensspreizungen der Belegschaften folgender Schweizer Konzerne: ABB, Ascom, Bâloise, Bobst, Clariant, Coop, Credit Suisse, Georg Fischer, Helvetia, Implenia, Lindt&Sprüngli, Lonza, Migros, Nestlé, Novartis, Oerlikon, Post, Roche, Ruag, Schindler, Swatch, Swiss Life, Swisscom, UBS, Valora und Zurich.

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    Tags:
    Schweiz