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14:46 16 Oktober 2019
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    Hauptstandort der Deutschen Bank in Frankfurt (Archiv)

    Kohle ist aus, es lebe die Kohle! – So entlassen deutsche Riesen Hunderttausend „für guten Zweck“

    © REUTERS / Ralph Orlowski
    Wirtschaft
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    Zuletzt haben mehrere Konzerne der Deutschland-AG einen massiven Stellenabbau angekündigt. Dies trifft auf gute Stimmung in der Börse. Die Geschäftsmodelle sollen letztendlich dem innovativen Wachstum zugunsten an die Marktanforderungen angepasst werden. Am Ende werden die Profite allerdings über die Menschen gestellt.

    Es ist eine zu bekennende Realität: bis zu 20.000 Jobs soll die Deutsche Bank 2019 streichen, 13.000 mehr als im Vorjahr. Damit würde mehr als jede fünfte der zuletzt knapp 91.500 Vollzeitstellen gestrichen, vor allem im Investmentbanking. „Wir sind zu harten Einschnitten bereit. Wir werden die Transformation beschleunigen, indem wir unsere Bank konsequent auf die profitablen und wachsenden Bereiche ausrichten, die für unsere Kunden besonders relevant sind“, sagte Konzernchef Christian Sewing Ende Mai. Die entsprechende Ankündigung zum ersten Stellenabbau wird nun nächste Woche erwartet. Die Bank müsse ja endlich profitabler werden. Allein die Erwartung eines rasanten Umbaus hat dem Konzern sofort einen besseren Aktienwert gebracht. 2018 erzielten die Dax-Konzerne ihr schlechtestes Ergebnis seit 2010.

    Der deutsche Arbeitsmarkt steht aber anders als die Aktienwerte am Ende des Booms: der Stellenindex der Bundesagentur für Arbeit ist in den letzten 15 Jahren zwar von 100 auf 250 Punkte gestiegen, schwankt aber schon und ist zum Absturz bereit. Denn mehrere weitere Dax-Konzerne wollen in den nächsten paar Jahren ebenfalls massenhaft Stellen abbauen. Der Chemiekonzern Basf hat am Donnerstag angekündigt, bis Ende 2021 rund 6.000 seiner weltweit etwa 120.000 Stellen streichen zu wollen. Effizienter werden heißt weniger Arbeitskosten, 3.000 in Ludwigshafen raus, 3.000 im Ausland, denn die Investorenvertreter, die dem Vorstand auf der Hauptversammlung ein Wachstums- und Profitabilitätsproblem attestiert hatten, dürfen nicht ignoriert werden.

    Basf folgt auch der Pharma-Riese Bayer AG, der dieses Jahr etwa 4.500 von den bis 2021 angekündigten 12.000 Stellen streichen soll, vor allem in der Verwaltung, IT und Forschung. Am Ende sollen die in der Geschichte des Konzerns mit zehn Prozent der gesamten Belegschaft größten Strukturmaßnahmen seine Wettbewerbsfähigkeit verbessern. Auch Siemens soll seine Energiesparte restrukturieren, was für etwa 2.700 Menschen den Verlust ihres Arbeitsplatzes bedeuten wird. 2018 waren es noch 2.900 Menschen, und in den Werken in Leipzig und Görlitz kämpfen die Arbeitnehmer weiter um ihre Jobs. Sie haben 2018 die Werke übrigens auch vor der 2017 angekündigten  Schließung bisher gerettet. 

    Auch Volkswagen streicht Schritt für Schritt seit 2016 bis 2022 insgesamt 21.000 Stellen in Deutschland. 2023 sollen dazu weitere 4.000 Jobs wegfallen, wie die Konzernleitung Mitte Juni mitteilte. Auch das Stahlunternehmen Thyssenkrupp baut 2019 weitere 4.000 Arbeitsplätze ab. Insgesamt wollen 30 Dax-Konzerne in den nächsten Jahren rund 100.000 Stellen abbauen, um dadurch etwa 20 Milliarden Euro einzusparen.

    Fertigung und IT am wenigsten betroffen

    Auch die Integration der Deutschen Bank mit der Postbank sieht voraus, dass weitere 750 Stellen abgebaut werden müssen. Ende Juni bestätigte die Bank jedoch, sich mit den Arbeitnehmern über deren Mitarbeitervertreter und Gewerkschaften geeinigt zu haben.

    Der Bankenexperte der Gewerkschaft Verdi und Aufsichtsratsmitglied der Deutschen Bank, Jan Duscheck, kommentierte gegenüber der DPA  jedoch, man beteilige sich nicht an den Spekulationen rund um einen möglichen Personalabbau von bis zu 20.000 weiteren Stellen. Da der Jobabbau dem s. g. Zukunftssicherungsprogramm zufolge wie bei der Bayer AG dann auch über Abfindungen und Frühverrentungen erreicht wird, wirkt dieser für den Arbeitsmarkt angeblich unsichtbar. Die wirklich Betroffenen sind aber die jüngeren Generationen.

    Sieht man sich die Kündigungspläne von Volkswagen an, wird klar, dass gerade Fertigung und IT jedoch am wenigsten betroffen werden. Die wegfallenden Arbeitsplätze in der Verwaltung sollen dem Unternehmen zufolge dank Investitionen in Digitalisierung, verbesserte Prozesse und E-Autos überflüssig werden. In der IT sollen dafür nur rund 2.000 neue Stellen entstehen. 

    Deutschland AG gehört nicht mehr den Deutschen

    Laut dem Beratungsunternehmen Ernst & Young hatten ausländische Investoren ihr Engagement in Deutschland im vergangenen Jahr merklich reduziert. Demnach sank die Zahl der Projekte im vergangenen Jahr zum ersten Mal um 13 Prozent auf 973. „Deutschland ist nicht mehr Wachstumsmotor der europäischen Wirtschaft“, kommentierte der deutsche Unternehmenschef Hubert Barth das Ergebnis. Was die ausländischen Investoren abschreckt, sind laut der Studie vor allem hohe Steuern und allerdings teure Arbeitskräfte.

    Auch aus diesem Grund dürften dann die internen Investitionen wie bei Volkswagen ins Ausland fließen. So hat VW-Chef Herbert Diess am 1. Juli, nach seinem Treffen mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan angekündigt, in der Türkei ein neues Produktionswerk errichten zu wollen. Der Konzern will dafür zwei Milliarden Euro investieren. Zwar gehört Volkswagen überwiegend immer noch den deutschen Investoren, 85 Prozent des Dax jedoch befinden sich schon in ausländischer Hand. Aus Sicht des Finanzanalytikers Folker Hellmeyer ist das ein weiteres deutliches Risiko für den Industrie- und Investitionsstandort Deutschland. „Die Aufsichtsräte und Beteiligungsverhältnisse könnten dazu führen, dass die Investitionen in Deutschland nicht mehr stattfinden“, so Hellmeyer kürzlich gegenüber Sputnik.

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    Tags:
    IT, Volkswagen, Investitionen, Industrie, Markt, Abbau, Arbeitsplätze, Kohle, Deutschland