11:39 16 Dezember 2019
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    Ölförderung im Schiefervorkommen Bakken in North Dakota (Archiv)

    Neue Ära beginnt: Gas wird billiger, weil Öl teurer wird

    © AFP 2019 / Andrew Burton/Getty Images
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    Im zweiten Quartal haben sich die Gaspreise an der Börse endgültig von den Ölpreisen losgelöst. Während das Öl durchschnittlich 65 Dollar pro Barrel kostet, hat der Gaspreis an der europäischen Börse seinen niedrigsten Stand seit zehn Jahren erreicht: 110 Dollar pro 1000 Kubikmeter. In Asien liegt der Preis bei 170 Dollar.

    An dieser Stelle sei zu erwähnen, dass der russische Energieriese Gazprom zwei Drittel seines Brennstoffs im Sinne von langfristigen Verträgen verkauft, wobei die Preise an die Ölpreise gebunden sind. Deshalb ist die jüngste Gaspreissenkung für die russischen Produzenten weniger wichtig als die Schwankungen der Ölpreise. Dabei muss man daran denken, dass die neuen Verträge von Gazprom und Novatek immer mehr an die Gaspreise gebunden sein werden.

    Zum Vergleich: Die Gaspreise im Sinne der an den Ölpreis gebundenen Verträge sind aktuell fast doppelt so hoch wie die Gas-Börsenpreise in Europa und Asien.

    Warum ist eine solche Situation entstanden? Dafür gibt es mindestens zwei Gründe: Erstens widerspiegeln die Börsenpreise nur einen Teil (vermutlich weniger als die Hälfte) des internationalen Gas- und LNG-Handels. Auch das Flüssiggas aus Katar und Australien, das auf den asiatischen Markt geliefert wird, ist mit den Ölpreisen verbunden.

    Dementsprechend ist die Nachfrage nach dem Börsengas nicht besonders groß im Vergleich zum globalen Handel, und deshalb führt selbst ein geringes Überangebot zur Preissenkung. Und das Angebot ist wegen des LNG-Überangebots gewachsen: Es entstehen ständig neue Gasverflüssigungsbetriebe.

    Dennoch lautet die wichtigste Frage: Wie geht es weiter? Da ist es schwierig, etwas zu prognostizieren. Einerseits wird die Gasnachfrage weiterwachsen, und zwar noch schneller als die Ölnachfrage. Aber auch das Angebot wird zulegen.

    Angesichts dessen lassen sich die Ölpreise (Öl gilt ja als „veralteter“ Energieträger) mittel- und längerfristig paradoxerweise viel besser vorhersagen – im Unterschied zum „aussichtsreichen“ Energieträger Gas.

    Laut Prognosen wird die Ölnachfrage nachhaltig wachsen, der Höhepunkt wurde noch nicht erreicht, und das wird voraussichtlich frühestens in zehn Jahren passieren. In vielerlei Hinsicht hängt das mit den mäßigen Erfolgen bei der Preissenkung für Akkus und mit einem mäßigen Wachstum der Nachfrage nach Fahrzeugen zusammen.

    Vor diesem Hintergrund gibt es bereits gewisse Beschränkungen beim Angebot.

    Ölförderung im Schiefervorkommen Bakken in North Dakota (Archiv)
    © AFP 2019 / Getty Images/Andrew Burton
    Erstens gibt es immer weniger Öl, das leicht zu fördern ist. Zweitens könnte die Ölnachfrage dank Schieferöl gedeckt werden, allerdings bei höheren Ölpreisen. Aber wenn die Brent-Sorte 60 Dollar pro Barrel kostet, sinkt die Förderung des Schieferöls schon, weil sie dann kaum noch profitabel ist. Drittens gibt es auf dem Ölmarkt das OPEC+-Abkommen, dank dem die Ölpreise ziemlich stabil bleiben.

    All diese Faktoren können zwar die Stabilität der Ölpreise nicht 100-prozentig garantieren, tragen dazu aber wesentlich bei.

    Was das Gas angeht, so ist die Situation eher unbestimmt: Bei einem definitiven Anstieg der Nachfrage wächst auch das Angebot. Und falls die LNG-Preise in Asien langfristig bei 270 Dollar pro 1000 Kubikmeter liegen (das ist die Marke, die das Geschäft richtig rentabel macht), sind auch Windkraftmaschinen bei der Stromproduktion durchaus konkurrenzfähig. Und die Gas-OPEC gibt es ja immer noch nicht.

    Zu den Besonderheiten der LNG-Produktion gehört auch die Arbeit unter solchen Bedingungen, wenn die Preise wesentlich geringer als die vollständigen Selbstkosten der Förderung sind. Im Fall mit dem Schieferöl führt diese Situation dazu, dass die Fördermenge für mehrere Monate geringer wird, und der Markt wird wieder besser ausgeglichen.

    Mit dem Flüssiggas ist die Situation anders: Betriebe werden nur nach dem Prinzip des operativen Gewinns (exklusive der Kapitalausgaben – denn die Betriebe sind bereits gebaut worden) arbeiten, selbst wenn der LNG-Preis unter den Selbstkosten liegt (und der Unterschied zwischen den vollständigen Selbstkosten und der Arbeit zwecks Ausgleichs der laufenden Kosten beträgt etwa 100 Prozent).

    Gerade deshalb produzieren die Amerikaner ihr Flüssiggas schon seit langem zu Preisen, die unter den vollständigen Selbstkosten liegen. Mehr noch: Nur sehr niedrige Gaspreise in den USA (80 Dollar pro 1000 Kubikmeter) machen den operativen Gewinn beim Export möglich. So hatte das Pipelinegas in den USA 105 bis 110 Dollar gekostet – genauso wie jetzt in Europa. Bei einem ausbleibenden Preisunterschied wäre der LNG-Export nach Europa sinnlos. Denn selbst ohne die Kapitalausgaben bleiben die operativen Ausgaben für die Verflüssigung und Beförderung. Aber auch bei einem Preis von 80 Dollar pro 1000 Kubikmeter in den USA bleibt die Produktion nahezu unrentabel. Und sollten die internationalen Preise noch weiter sinken (oder die Binnenpreise steigen), müssten die Produzenten ihre Betriebe stoppen.

    Und schließlich gibt es noch ein Paradox: Teures Öl setzt die Gaspreise unter Druck. Die sehr niedrigen Preise in den USA lassen sich großenteils auf die Begleitgasproduktion mit einem hohen Kondensatgehalt zurückführen, was die Selbstkosten des Gases gering macht. Den Unternehmen in den USA, die so genanntes „Trockengas“ (Methan ohne Kondensat) herstellen, geht es bei den aktuellen Preisen ziemlich schlecht. Die Aktien der Firma Chesapeake, die überwiegend eben Trockengas gewinnt, sind von 3,5 Dollar vor drei Monaten auf inzwischen zwei Dollar geschrumpft.

    Das LNG aus Katar ist sehr billig (nach den Selbstkosten), weil das verflüssigte Gas bei solchen Projekten „negative Selbstkosten“ hat – unter anderem weil sich die Förderung dank dem Export des Kondensats rentiert. Auch der russische Konzern Novatek verwies darauf, dass alle operativen Ausgaben im Rahmen des Projekts „Jamal SPG“ durch den Verkauf des gleichzeitig gewonnenen Kondensats ausgeglichen werden. Es gibt auch andere ähnliche Beispiele.

    Und umgekehrt: Man stelle sich vor, dass die Ölpreise einstürzen würden (beispielsweise wegen einer sensationellen Neuentdeckung im technologischen Bereich) – dann wäre die Situation entgegengesetzt. Das auf einmal billig gewordene Öl würde die niedrigen Selbstkosten des Gases nicht mehr aufrechterhalten können, und es würde ein Anstieg der Stromnachfrage hinzukommen – und damit auch ein Anstieg der Gasnachfrage für die zusätzliche Stromproduktion.

    Das alles bedeutet keineswegs, dass das Gas billig sein wird. Es ist durchaus möglich, dass die Preise mittelfristig wieder 250 bis 270 Dollar pro 1000 Kubikmeter erreichen (und auf diesem Niveau bleiben), so dass die meisten Produzenten Geld verdienen können. Dennoch bleibt die Situation ziemlich unbestimmt: Die Nachfrage hängt unter anderem von der Umweltpolitik Chinas und auch von der Konkurrenz mit erneuerbaren Energiequellen ab. Dabei gibt es auf diesem Gebiet keine Mechanismen zur Aufrechterhaltung der Preise, wie auf dem Ölmarkt. Und das LNG-Angebot wird immer größer, weil immer neue Unternehmen auf den Markt kommen, die immer neue Projekte starten.

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    Tags:
    Vergleich, Förderung, Preise, Gas, Öl