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12:59 18 Juli 2019
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    Ein Man verlässst das Büro der Deutschen Bank in London am 8. Juli 2019

    Deutsche Bank: Untergang eines Titans

    © REUTERS / Simon Dawson
    Wirtschaft
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    Natalja Dembinskaja
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    Die Deutsche Bank, wie sie allgemein bekannt ist, gibt es laut Generaldirektor Christian Sewing nicht mehr. Das größte Finanzinstitut Deutschlands zieht sich aus dem Aktienhandelsgeschäft zurück, verzichtet auf die meisten Investitionsoperationen und wird demnächst sein Personal von 92 000 auf 74 000 Stellen reduzieren.

    Das alles ist Teil des Plans zu einem Radikalumbau, damit die Bank irgendwann wieder schwarze Zahlen schreiben kann. Warum die Deutsche Bank seit Jahren kriselt und ob es aus der aktuellen Situation einen Ausweg gibt, lesen Sie in diesem Beitrag.

    Radikale Transformation

    Dass die Deutsche Bank, die in Problemen versinkt, etliche Mitarbeiter entlassen müsste,  wurde schon seit Ende Juni kolportiert. Laut dem "Wall Street Journal" müssten 15 000 bis 20 000 Angestellte sich einen neuen Job suchen. Jetzt wurde diese Information bestätigt: Die Bank kündigte die Entlassung von 18 000 Mitarbeitern bis 2022 an.

    Laut der entsprechenden Pressemitteilung muss das Geschäftsmodell der Deutschen Bank radikal transformiert werden, damit sie längerfristig wieder profitabel werden könnte.

    Deutsche Bank Zentrale in Frankfurt am Main
    © REUTERS / Kai Pfaffenbach
    Unter anderem geht es im Rahmen dieses Plans um eine wesentliche Kürzung der Investitionsabteilung und um die Schließung vieler Geschäfte in Asien. So wird die Bank nicht mehr mit Aktien und Schuldverschreibungen handeln, allerdings auf verschiedenen Aktienkapitalmärkten aktiv bleiben. Dann könnte man sich auf seine profilierten Aktiva wie korporatives Banking, Bankdienstleistungen für Privatpersonen und Devisenoperationen konzentrieren.

    Laut dem „Business Insider“ werden Mitarbeiter des Londoner Hauptquartiers der Deutschen Bank bereits entlassen. Einer von ihnen, der das Büro „mit einem Rucksack, mehreren Mappen und einem Turnbeutel verlassen“ hat, bestätigte das. Andere erzählten, schon wenige Stunden nach der offiziellen Ankündigung der Personalkürzung aufgefordert worden zu sein, ihre persönlichen Sachen bis 11.00 Uhr abzuholen, solange ihre digitalen Einlasskarten funktionieren würden.

    Die Deutsche Bank ist einer der größten Arbeitgeber in der Londoner City. Ihre dortige Angestelltenzahl erreicht nahezu 8000. Sewing sagte am Sonntag, er „bedauere“ die massenhafte Entlassung, aber diese Maßnahme entspreche „den langfristigen Interessen der Bank“.

    Durch die Umstrukturierung soll das Schlüsselproblem in den Griff bekommen werden: zu große Ausgaben bei sehr geringen Einnahmen. Bis 2022 sollen die Ausgaben um ein Viertel (sechs Milliarden Euro pro Jahr) gekappt werden.

    Gleichzeitig räumte die Bank ein, dass ihre Verluste im zweiten Vierteljahr wegen der Umstrukturierung beinahe drei Milliarden Euro erreichen werden, und 2022 solle die Summe bei 7,4 Milliarden Euro liegen.

    Schwere Zeiten

    Der Aufsichtsratschef der Bank, Paul Achleitner, erinnerte, dass die Deutsche Bank „schwere Zeiten“ durchlebt habe.

    Probleme waren nach der Weltfinanzkrise 2008 bzw. 2009 entstanden, als die Bank zwölf Milliarden Euro verlor. Aber der damalige Bankchef Josef Ackermann fälschte Finanzberichte und überzeugte die Aktionäre, mit dem Geld würde es keine Probleme geben. Zudem genoss die Deutsche Bank die Unterstützung der Bundesregierung. Aber das Defizit wurde immer größer, und die Bankführung ergriff immer riskantere Maßnahmen, um die Situation wieder gut zu machen. Unter anderem beteiligte sie sich an den Libor-Manipulationen (neben der Barclays Bank und der Royal Bank of Scotland, der UBS und der Societe Generale). Als diese Affäre aufflog, wurde die Deutsche Bank mit einer Strafe von 2,5 Milliarden Dollar belegt, und S&P senkte ihre Kreditzuverlässigkeit von der höchsten A-Ebene auf nur BBB+.

    Später kamen auch andere Betrugs- und Missbrauchsfälle ans Licht. Hinzu kamen auch Geldwäsche-Vorwürfe. Viele Partner gingen gegen die Deutsche Bank gerichtlich vor, und ihre Verluste wurden dramatisch.

    Eine mögliche Insolvenz der Deutschen Bank wurde zum ersten Mal 2013 zum Thema, als die Bankführung einräumte, zusätzliches Kapital zu brauchen. Man versuchte, das Problem durch den Verkauf von Aktien für 4,5 Milliarden Euro zu lösen. Bald wurden Investoren schon Wertpapiere für acht Milliarden Euro angeboten, aber mit einer Vergünstigung um 30 Prozent im Vergleich zum Marktpreis. Das löste Empörung bei denjenigen aus, die ihre Aktien früher gekauft hatten.

    Zwei Jahre später stellte sich bei Stresstests heraus, dass der Deutschen Bank nach wie vor Geld fehlte. Ende 2016 meldete die Chefetage der Bank zum ersten Mal nach der Weltfinanzkrise einen Reinverlust von fast sieben Milliarden Dollar.

    2018 wurde die Ermittlung des so genannten „Panama-Dossiers“ zu einem neuen Tiefschlag für die Deutsche Bank – es wurde allgemein bekannt, dass sie ihren Kunden bei Steuerhinterziehung geholfen hatte, indem diese ihre Gelder in Steueroasen ausführen konnten. Umso schlimmer wurde die Situation, als die Bank im vorigen Jahr beim Aktienhandel 750 Millionen Dollar verlor.

    Gefahr für die Weltwirtschaft

    Der Internationale Währungsfonds (IWF) erkannte die Deutsche Bank 2018 als „größte Risikoquelle unter den systematisch wichtigsten Banken der Welt“ an, weil der deutsche Bankensektor die Schlüsselrolle in der globalen Wirtschaft spielt. Also könnte wegen der Deutschen Bank eine allgemeine Krise ausbrechen, wie die Weltfinanzkrise 2008 nach dem Zusammenbruch der Bank Lehman Brothers ausgebrochen war. Experten schätzen nämlich die Derivate in Besitz der Deutschen Bank auf 46 Billionen Euro (14 Mal so viel wie das deutsche Bruttoinlandsprodukt).

    Die Notwendigkeit der Umstrukturierung wurde nach dem Scheitern der Fusionsverhandlungen mit der Commerzbank offensichtlich, die aktuell ebenfalls mit großen Problemen konfrontiert ist. Der Deal hätte eine der Rettungsvarianten für die Deutsche Bank werden können, aber die Bundesbank hielt ihn am Ende für zwecklos, weil die Fusion zusätzliche Risiken für die Commerzbank bedeutet hätte.

    „Eine Fusion von zwei ‚Zombie-Banken‘ würde keinen ‚nationalen Champion‘ herausbilden, sondern nur einen noch größeren ‚Zombie‘“, schrieb dazu die Wirtschaftsnachrichtenagentur Bloomberg.

    Manche Experten sind und bleiben allerdings überzeugt, dass eine neue Weltfinanzkrise wegen der Deutschen Bank nicht infrage käme, weil sie ihre Probleme früher oder später doch in den Griff bekommen würde. Die Bank, die in den 1990er- und 2000er-Jahren intensiv wuchs, konnte auf die Finanzkrise nicht rechtzeitig reagieren und ihre Geschäfte kappen, um die Stabilität zu erhöhen. Jetzt versucht man, das doch noch zu tun.

    Allerdings warnen Investoren: Der Umstrukturierungsplan könnte nicht nur viel zu radikal, sondern auch viel zu optimistisch sein. Sollte der Plan scheitern, würden sich die Probleme der Deutschen Bank vor dem Hintergrund der Verlangsamung der Weltwirtschaft noch viel mehr verschärfen.

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    Tags:
    Mitarbeiter, Abbau, Deutsche Bank, Großbritannien, Deutschland