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    Mitarbeiter der Deutschen Bank in New York am 08. Juli 2019

    „Kunde war Mittel zum Zweck" – Deutsche Bank auf dem richtigen Weg?

    © REUTERS / ANDREW KELLY
    Wirtschaft
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    Die Deutsche Bank hat mit der Entlassung von rund 18.000 Mitarbeitern begonnen – hauptsächlich in London und New York. Diese drastische Maßnahme ist Teil eines Komplett-Umbaus von Deutschlands größtem Bankhaus. Das Ziel: Weniger Investment-Banking, mehr Kundenkontakt. Kann das gelingen? Und welche Folgen wird das national und international haben?

    Sputnik hat mit dem Finanzexperten Folker Hellmeyer gesprochen. Der Chefanalyst des Anlageberaters „Solvecon Invest GmbH“ war bis 1990 selbst Mitarbeiter der Deutschen Bank. Er sagt, zuletzt sei man als Kunde der Deutschen Bank nur noch ein Mittel zum Zweck gewesen, Privatkunden hätten nicht mehr im Mittelpunkt gestanden.

    Herr Hellmeyer, die Deutsche Bank hat bereits die ersten Mitarbeiter entlassen. Insgesamt sollen 18.000 Stellen abgebaut werden. Was plant das Bankhaus genau?

    Das Bankhaus plant anzuerkennen, dass die letzten 30 Jahre des Umbaus ein massiver Fehler waren. Um es ganz deutlich zu machen: Als ich die Deutsche Bank 1990 verlassen hatte, da hatte die Deutsche Bank stille Reserven in ihrer Bilanz in Höhe der Börsenkapitalisierung. Davon ist heute nichts mehr da. Ganz im Gegenteil, es sind eher stille Probleme in der Bilanz. Deswegen auch die Diskussionen über eine interne oder externe Bad Bank.

    Das heißt, mit der Adaption des angelsächsisch-amerikanischen Bankenmodells der letzten 30 Jahre ist der stärkste Player der gesamten globalen Finanzbranche zu einem schwachen Glied geworden. Der jetzige Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Christian Sewing, macht mit dem neuen Umbau nun nichts anderes, als diese Realität anzuerkennen und daraus notwendige Maßnahmen zu ziehen. Dabei soll das Modell genau dorthin zurückgebaut werden, wo es früher einmal stand: Nämlich in die Rolle einer echten Bank. Auch hier noch einmal ein paar Daten: Als ich 1990 die Deutsche Bank verlassen hatte, da hatte sie ca. 54 Prozent ihrer Bilanz im direkten Kreditgeschäft. Es war also eine kundenorientierte Bank. Doch mit der späteren Fokussierung auf Investmentbanking und auf andere Geschäftsfelder lag der Anteil dann nur noch 10 bis 12 Prozent.

    Was ich aktuell sehe, ist ein Rückbau auf eine Kundenorientierung, eine Fokussierung auf bestimmte Regionen, in denen man auch eine Verankerung hat - und zwar nicht nur geschäftlich, sondern auch kulturell. Dieser kulturelle Aspekt ist wichtig, denn es gibt einen kulturellen Unterschied zwischen angelsächsisch-amerikanischem Banking und dem klassischen europäischen Banking. Letzteres war früher ein Relationship-Banking: Man kannte den Kunden, man ist mit dem Kunden einen Marathon durchs Leben gelaufen und hat sich mit dem Kunden als Bank auch entwickelt. Man war ein antizyklischer Player. Das heißt, in der Krise hat man erhaltenswerte Strukturen unterstützt und im Boom hat man nicht alles finanziert, was bei drei nicht auf den Bäumen war. Und ich sehe in der Tendenz die Deutsche Bank zu diesem Ansatz zurückkommen.

    Die Gewerkschaften hier in Deutschland stellen sich hinter den Umbau. Den Finanzmärkten gehen die Pläne teilweise nicht weit genug, Nun ist der Abbau von 18.000 Arbeitsplätzen nicht wenig, warum gibt es da keinen öffentlichen Aufschrei?

    Das hat damit zu tun, dass dieser Abbau zum größten Teil im Investmentbanking stattfindet. Der Kahlschlag findet insbesondere an den Plätzen New York und London statt. Dort gibt es auch viele kurzfristige Arbeitsverhältnisse, denen man sich schnell entledigen kann. Und das wird eben strukturell von den deutschen Gewerkschaften als richtig wahrgenommen. Diese Sichtweise teile ich.

    Man muss auch schauen, was am Ende hier in Deutschland passiert. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, denn wir arbeiten auch mit den Banken in Deutschland zusammen, dass man am Ende für Europa und Deutschland neue Voraussetzungen braucht: Mit Personal, das belastbar ist und das dem Leistungsprofil in den Geschäftsfeldern entspricht, in dem man dann noch tätig sein wird. Nur so kann man konkurrenzfähig sein.

    Welche internationalen Folgen dürfte der Umbau der Deutschen Bank mit sich ziehen?

    Die Europäer werden sich immer mehr von den Finanzplätzen in London und insbesondere in New York zurückziehen. Für mich gibt es da auch mehrere Hintergründe: Die USA sind eben nicht der verlässliche Spieler, wie man sich das in den 90er Jahren vorgestellt hat. Da hat man beispielsweise an einem Tag erfahren, dass am nächsten Tag irgendetwas sanktioniert wird, losgelöst von Grundlagen. Das sind Eingriffe in Geschäftsmodelle.

    Ein Man verlässst das Büro der Deutschen Bank in London am 8. Juli 2019
    © REUTERS / Simon Dawson
    Man hat auch gesehen, insbesondere die  Schweizer Großbank UBS, die Deutsche Bank und auch die Credit Suisse in Zürich, dass man zwar nach New York eingeladen wurde, aber bei den großen Spielen am Ende immer nur am Katzentisch landete. Man hat also sehr viel investiert, ohne das zu bekommen, was man erwartet hatte.

    Eine faire Teilhabe an diesen Märkten ist in dieser Form in New York nicht gegeben. Das gilt nur für US-Banken und für einige ausgewählte angelsächsische Banken, aber das gilt nicht für kontinentaleuropäische Banken. Ich glaube, das hat man nun erkannt. Und von daher ist dieser Rückzug sinnvoll.

    Sie selbst waren bis 1990 bei der Deutschen Bank. Seitdem hat sich das Unternehmen sehr verändert. Welche Bestrebungen steckten dahinter?

    Ich bin frühzeitig gegangen, ohne von den späteren Plänen zu wissen. Man hat diesen Banker-Typus, der in Deutschland noch Mitte der 80er Jahre ausgebildet worden ist, bis Anfang der 2000er Jahre vollkommen aus der Bank entfernt. Denn wir entsprachen nicht mehr dem Anspruch. Dieser war primär Investmentbanker, Transaktionsbanking, schnelle Geschäfte, viele Geschäfte. Der Kunde war ein Mittel zum Zweck und der Kunde stand nicht im Mittelpunkt.

    Was man jetzt erkennt, ist dass diese kundenorientierten Systeme, in Märkten in denen man sich auskennt, wo man ein loyaler und langfristiger Partner ist, dass sich diese Modelle besser auszahlen. Und wenn Sie die Reaktionen aus der deutschen Wirtschaft sehen, dann erkennen Sie genau das: Es gibt einen Hunger nach dem Modell der Deutschen Bank der 80er Jahre, was Verlässlichkeit und gemeinsame Interessen angeht. Darin sehe ich eine Chance. Ob diese Chance am Ende umgesetzt wird, sei dahingestellt.

    Reden wir über die kritischen Analysten: Es wurden in den vergangenen Jahren sehr viele Strukturveränderungen von der Deutschen Bank angekündigt, aber am Ende ist nie geliefert worden. Das Problem ist: Wenn man einen Unternehmenskörper mit den zur Verfügung stehenden Mitarbeitern auf Kurzfristigkeit getaktet hat und sich denen entledigt hat, die für wirkliches Banking mit antizyklischem Gedankengut stehen, dann kann man nicht einfach auf einen Knopf drücken und morgen ist wieder alles so, wie es früher war. Da wurde eine alte Kultur zerstört und eine neue Kultur etabliert.

    Um aus dieser Nummer jetzt wieder herauszukommen bedarf es eine gewisse Zeit. Von daher kann man in Teilen die Skepsis mancher Analytiker nachvollziehen, was die neuen Ziele der Deutschen Bank bis zum Jahr 2022 angeht. Aber der jetzt eingeschlagene Weg mit diesen starken Entlassungswellen an den Plätzen London und New York sagt mir, dass ein Strukturwandel in den letzten 15 Jahren noch nie so ernsthaft verfolgt worden ist, wie derzeit. Und dem sollte man auch eine Chance geben.

    Häufig ist mit Blick auf Banken von „Haien in Nadelstreifen" die Rede. Und spätestens seit der Finanzkrise 2007/2008 haben Banken in der Öffentlichkeit keinen guten Ruf. Wohin entwickelt sich aktuell die Finanzbranche?

    Die Finanzbranche entwickelt sich in eine neue Dimension, die immer elektronischer wird und immer weniger menschlich. Die Regulierung zwingt Bankkaufleute eigentlich in die Funktion von Controllern digitaler Prozesse. Das handwerkliche Momentum wird dem Banker immer mehr entzogen. Man kontrolliert also Prozesse und ist nicht mehr als Kaufmann tätig. Diesen Eindruck habe ich gewonnen und das wird sich auch verstärkt so fortsetzen.

    Deutsche Bank Zentrale in Frankfurt am Main
    © REUTERS / Kai Pfaffenbach
    Dennoch gibt es gerade im Großkundengeschäft und im Firmenkundengeschäft genügend Möglichkeiten, sich dem noch ein stückweit zu entziehen. Denn die Anforderungen der Kunden lassen sich nicht so digitalisieren, wie das in vielen anderen Produktklassen möglich ist. Also: Der Wandel wird sich fortsetzen.

    Wir brauchen ein Transmissionsmittel zwischen Finanzmärkten und der Realwirtschaft. Und wir brauchen verlässliche Partner. Gerade wenn Sie das Kreditgeschäft jetzt auch einmal im regionalen Banking sehen – bei Sparkassen und Volksbanken – dann ist das ein gesundes Mittel. Ein Mittel, dass zum Teil auch antizyklische Mittel hat, in einer sehr prozyklischen Welt. Das brauchen wir und da brauchen wir eben auch Sachverstand.

    Ich wünsche der Deutschen Bank dabei viel Erfolg. Auch wenn ich in den letzten 20 Jahren in diesem Laden nicht mehr gearbeitet habe, hat das Herz schon manchmal geblutet, wenn man sich das Institut so angesehen hat.

    Das komplette Interview mit Folker Hellmeyer zum Nachhören:

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    Tags:
    Entlassung, Umbau, Deutsche Bank, Deutschland