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02:44 13 November 2019
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    Eröffnung des ersten Blocks der Gaspipeline South Stream nahe der russischen Stadt Anapa 2012 (Archivbild)

    Warum wird in Südrussland das South Stream-Projekt plötzlich wiederbelebt?

    © Sputnik / Ramil Sitdikow
    Wirtschaft
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    Der russische Energiekonzern Gazprom will die Infrastruktur der 2015 auf Eis gelegten Gaspipeline South Stream mit der geplanten Route nach Europa über Bulgarien nun doch weiter ausbauen. Für den Binnenmarkt, so die offizielle Botschaft. Die Experten gehen aber auch von den EU-Aussichten aus.

    Es geht dem Konzern darum, die Ferngasleitung von der Kompressionsstation Potschinki in der Region Nischni Nowgorod zur Kompressionsstation Russkaja bei Anapa an der Schwarzmeerküste doch fertigzustellen. Die Entscheidung war offenbar noch Ende 2018 getroffen worden, wird aber erst heute ans Licht gebracht.

    Zwischen 2012 und 2015 wurden eigentlich schon rund 500 von den geplanten 1600 Kilometern verlegt, als Teil einer Gaspipeline, die russisches Gas über das Schwarze Meer und weiter durch Bulgarien nach Südeuropa und bis nach Österreich liefern sollte. Doch plötzlich rief Bulgarien 2014 unter dem Druck der USA und Brüssels die Baugenehmigung zurück, wobei dem Land auch Millionen potenzieller Transitgebühren entgingen. Gazprom verwendete die bestellten Rohre dann für den Bau von Nord Stream 2 und hatte sich beinahe entschieden, die verlegten 500 Kilometer abzubauen.

    Verlauf der South Stream Gaspipeline
    Verlauf der South Stream Gaspipeline

    Und dann hatte Konzern-Chef Alexej Miller eine Idee. Warum nicht doch fertig bauen? Aus der Konzernzentrale in Sankt Petersburg heißt es, der Bau der Leitung von Potschinki nach Anapa ermögliche es, „die Kapazität des Gastransportsystems in Richtung Gebiet Krasnodar zu erhöhen, um den steigenden Gasbedarf in der Region und eine zuverlässige Füllung der Gasspeicher im Nordkaukasus sicherzustellen.“ Doch die Lieferung durch die schon bestehende Infrastruktur deckt den Gasverbrauch in der Region von 33 Milliarden Kubikmetern pro Jahr bereits ab, auch der wegen der Krim erwartete Anstieg um zwei Milliarden Kubikmeter pro Jahr würde den Bau einer ganzen neuen Pipeline mit potenziell 32 Milliarden Kubikmetern Kapazität nicht rechtfertigen. Was steckt also dahinter?

    „Sollte Europa künftig mehr Gas aus Russland brauchen…“

    2018 war für den russischen Gasriesen mit allein in Europa abgesetzten 200 Milliarden Kubikmetern schon ein Rekordjahr. Zwar waren die Absätze im ersten Halbjahr 2019 wegen des warmen Winters  mit einem Minus von rund sechs Prozent leicht rückläufig, der im Vergleich zum US-Flüssiggas niedrigere Preis war es aber, der die europäischen Energieversorger ihre Gasspeicher vollpumpen ließ. Auch der bulgarische Präsident Rumen Radew äußerte seit Mai 2018 in Interviews mit den Medien, aber auch in Gesprächen mit dem Regierungschef Dmitri Medwedew und dem Präsidenten von Russland Wladimir Putin, Bulgarien bräuchte doch direkte Gaslieferungen aus Russland.

    „Allerdings weiß niemand, wie viel Gas die EU in fünf bis zehn Jahren mit Blick auf ihre Klimapolitik verbrauchen wird“, konstatiert der Leiter des Instituts für nationale Energetik und Chefredakteur der Fachzeitschrift „Gazprom“, Sergei Prawossudow, gegenüber Sputnik. Prawossudow zufolge könnte ein langfristig stabiler Gasmangel in der EU im Winter ein Anreiz für den weiteren Bau der Leitung sein. Momentan verstärke Russland bei Bedarf im Winter in der Regel den Gastransit durch die Ukraine. Ende 2019 läuft der Transitvertrag mit der Ukraine aus, eine langfristige Verlängerung scheint nicht im Interesse Gazproms zu sein, schon rein wirtschaftlich ist der Transit mit etwa drei Milliarden Dollar Gebühren pro Jahr teuer. Auch bedürfen die ukrainischen Rohrleitungen einer  umfassenden Modernisierung. „Sollte Europa künftig mehr Gas aus Russland brauchen, wird Gazprom neue Kapazitäten brauchen, ob ukrainische oder eigene“, sagt Prawossudow abschließend.

    Übrigens: Sollte der Gasbedarf in den südeuropäischen EU-Ländern tatsächlich steigen, gibt es laut dem Experten zwei weitere Optionen. Da zwei Drittel der Routen der noch fertigzustellenden Turkstream sowie der South Stream identisch seien, könnte eine dritte Leitung der Turkstream den Bedarf schon abdecken, allerdings  mit dem Haupttransit durch die Türkei. „Die bulgarische Regierung würde aber einen Transit durch das eigene Land vorziehen, allein schon wegen der Transitgebühren und der Investitionen“, sagt der Experte. Bulgarien habe ja schon seine eigenen Rohre, aber auch diese bräuchten eine Modernisierung. Prawossudow rechnet im Fall des kompletten Baues der South Stream mit etwa viermal so viel Gebühren für Bulgarien als beim Transit durch die Türkei. Auch sollten die Kapazitäten von South Stream von Anfang an zweimal so groß wie bei Turkstream sein.

    Bis jetzt befinden sich die Erwartungen nur im Rahmen der Gespräche zwischen Bulgarien und Russland. Brüssel hat da laut Prawossudow zwar das Recht, die Innenpolitik der EU zu bestimmen, kann aber die Durchsetzung von Bulgariens Interessen rechtlich nicht unterbinden. Am heutigen Mittwoch hat übrigens auch der ukrainische Gasversorger Naftogaz Gazprom und der EU vorgeschlagen, technische Konsultationen über den künftigen Gastransit durch die Ukraine zu vereinbaren. Die ukrainische Seite pocht auf eine langfristige Verlängerung der ablaufenden Transitvereinbarungen.

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    Tags:
    Gaspipeline, South Stream, Gazprom