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    Bau der Gaspipeline Nord Stream 2 in der Ostsee (Archivbild)

    Europäer werden Anschluss an Nord Stream 2 anstreben – Experte

    © Sputnik / Thomas Eugster
    Wirtschaft
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    Dänemark verweigert weiterhin, den Bau von Nord Stream 2 in seinen Hoheitsgewässern zu genehmigen, weshalb das Gaspipeline-Projekt bis Ende 2019 vielleicht nicht abgeschlossen werden kann. Bedeutet das, dass Russland Kiew um Erlaubnis für den Transit seines Gases bitten muss?

    Das Pipeline-Vorhaben im Wert von 9,5 Milliarden Euro, das russische Gaslieferungen nach Deutschland sichert, bekam bereits die notwendigen Genehmigungen von allen baltischen Staaten, durch dessen Territorialgewässer die Pipeline verlaufen wird – außer von Dänemark. Russland wartet seit vielen Monaten auf einen Beschluss der Dänischen Energieagentur bezüglich zwei vorgeschlagener Routen, was den Abschluss der Bauarbeiten in der geplanten Frist gefährdet. Dänemark zeigt bislang überhaupt keine Reaktionen auf die russischen Vorschläge.

    Die Zeitung „Financial Times“ schreibt, dass jede Verzögerung beim Bau der Pipeline einen weiteren Schlag gegen das Gasleitung-Projekt bedeutet. Der für Jahresende geplante Abschluss der Bauarbeiten stimmt zeitlich mit dem Auslaufen des Gastransit-Vertrags zwischen Gazprom und der Ukraine überein. Bedeutet das, dass Russland damit in eine Sackgasse gerät und „die Ukraine dann um eine Transitgenehmigung inständig bitten muss“? Welche Folgen gibt es für Lieferanten und Empfänger des russischen Gases in dem Fall, dass Dänemark weiterhin schweigen wird? Diese Fragen beantwortete der Direktor des Moskauer Instituts für nationale Energie, Sergej Prawossudow.

    „Selbst wenn Nord Stream 2 bis zum Jahresende in Betrieb genommen wird, wird es nicht sofort in vollem Maße funktionieren. Das war auch theoretisch nicht vorgesehen. Denn gleichzeitig mit der Verlegung des Rohres über den Meeresboden werden Arbeiten zur Schaffung der Infrastruktur und Gastransportnetzes auf dem Kontinent zum weiteren Gastransport geführt. Deutsche Unternehmen bauen die Gaspipeline Eugal zum zentraleuropäischen Gashub bei Baumgarten in Österreich. In Tschechien wird die Gaspipeline Capacity4Gas mit einer Inbetriebnahme in zwei Etappen 2019 und 2021 gebaut. Neue Gaspipeline laufen nie in voller Leistung. Es sind zwei beziehungsweise drei Jahre notwendig, bis sich Verbraucher an eine neue Route gewöhnen. Dieselbe Situation ist auch bei der Schaffung des Transportsystems auf dem Festland bei Turkish Stream zu erkennen“, sagte Prawossudow.

    Dem Experten zufolge wird es natürlich notwendig sein, einen Vertrag für den Gastransit über die Ukraine abzuschließen. Dabei stellen sich folgende Fragen: mit welchen Mengen, für welchen Zeitraum und mit welchen Tarifen? Die Ukraine fordert einen Vertrag für zehn Jahre mit einer Transitmenge von 60 Milliarden Kubikmeter und einem wesentlich höheren Tarif als aktuell.

    Laut Prawossudow ist das Gazprom-Management der Ansicht, dass der Preis für den Ukraine-Transit schon jetzt viel höher als bei allen alternativen Routen ist: „Was die Vertragsfristen betrifft, ist die einfachste Variante – den schon existierenden Vertrag für ein Jahr zu verlängern und erst dann beschließen, welche Änderungen vorgenommen werden sollen. Es ist ein Kompromiss erforderlich. Ich hoffe, dass er gefunden wird“, so Prawossudow.

    Der Artikel in der Zeitung „Financial Times“ wurde auch vom ehemaligen Industrieminister Polens, Jerzy Markowski, kommentiert.

    „In Europa gibt es Menschen, die besonderes Vergnügen daran finden, Russland zu ärgern, wobei eine merkwürdige Sturheit gezeigt wird – nicht politisch, sondern irgendwie primitiv. Doch ich sehe darin ein tieferes wirtschaftliches Ziel. Keine Pipeline ist tatsächlich für die Inbetriebnahme mit sofortiger hundertprozentiger Kapazität geplant. Die Empfänger sollen sich anpassen. Ich erinnere mich noch daran, wie es mit Nord Stream 1 war. Das dauerte lange – vier Jahre waren notwendig, bis die Höchstleistung in vollem Umfang erreicht und die Möglichkeit der Abnahme von Endstationen – den Gasverbrauchern – erreicht wurde. Zudem denke ich, dass man auch damit rechnet, dass wenn sich die Fristen der Inbetriebnahme von Nord Stream 2 verschieben, man die Möglichkeit in Europa bekommt, in dieser Zeit mehr Gas über eine Pipeline aus Norwegen und Dänemark zu beziehen. Ihre Effizienz hängt auch von der Zahl der Abnehmer – also der Gasmenge – ab. Man kann darin einen politischen Hintergrund sehen, doch bei einem solchen Herangehen geht es eigentlich nur darum, dem Konkurrenten eins auszuwischen“, sagte Markowski.

    Er hat keine Zweifel daran, dass das Nord-Stream-2-Projekt umgesetzt wird.

    „Nord Stream 2 wird gebaut, das ist offensichtlich. Vielleicht entsteht nach einiger Zeit sogar eine Situation, bei der andere europäische Länder selbst den Anschluss zum Nord Stream 2 anstreben werden, weil sich herausstellen wird, dass es eine der attraktivsten Routen mit dem größten Vorteil ist“, so Markowski. 

    Nach dem aktuellen Zeitplan soll die Nord-Stream-2-Pipeline Ende 2019 fertiggestellt werden. In dieser Zeit laufen auch die früheren Liefer- und Transitabkommen mit der Ukraine ab. Ein möglicher neuer Vertrag wird bei dreiseitigen Treffen Russlands, der Ukraine und der EU-Kommission besprochen.

    Wie der Vertreter des ukrainischen Präsidenten in der Regierung, Andrej Gerus, im Interview mit der Zeitung „RBC Ukraine“ sagte, plant Kiew schon in der nächsten Zukunft die Wiederaufnahme der Verhandlungen mit Moskau über den Transit und den Ankauf von Gas. Zuvor hatte Gazprom-Chef Alexej Miller Ende Juni gesagt, dass Moskau bereit ist, die früher abgeschlossenen Verträge unter der Bedingung zu verlängern, dass sie umsetzbar sind.

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    Tags:
    Polen, Europa, Russland, Ukraine, Gastransit, Gaspipeline, Nord Stream 2