12:32 20 November 2019
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    Tiefpumpen in den USA (Archiv)

    Preis der Unabhängigkeit: Pleitewelle rollt durch US-Ölsektor

    © AFP 2019 / MARK RALSTON
    Wirtschaft
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    Während die Ölfördermengen in den USA von einem Rekord zum nächsten jagen – fast zwölf Mio. Barrel pro Tag - sind immer mehr Produzenten von der Insolvenz bedroht. In der US-Schieferölindustrie, die dem Markt großartige Wachstumszahlen beschert hat, geht die schiere Angst um.

    Die Nachfrage geht sukzessive zurück. Im kommenden Jahr wird auf dem Ölmarkt eine starke Übersättigung erwartet. Welchen Preis die Branche für die jetzigen Rekordwerte zahlen wird – das erfahren Sie in diesem Artikel.

    Immer mehr fördern

    Die globale Ölnachfrage steigt ungefähr um 1,2 Prozent pro Jahr und bleibt hinter der Ölförderung zurück. Die Ölproduktion in den USA wuchs um knapp 12 Prozent (von 10,96 auf 12,45 Mio. Barrel pro Tag), 2020 ist ein Anstieg von weiteren 7,5 Prozent auf 13,39 Mio. Barrel zu erwarten.

    Vor 20 Jahren wuchs die Ölnachfrage etwa dreimal schneller als heute. Doch die zunehmende Effizienz der Kraftstoffnutzung und die Verlangsamung der Wirtschaftsentwicklung Chinas veränderten die Situation. Das Streben des US-Präsidenten Donald Trumps nach der Eskalation des Handelskriegs mit China – dem größten Verbraucher von Energieressourcen -  würde diese Verlangsamung noch verstärken. Das ist besonders kritisch für kleinere Frackingfirmen. Die Schiefervorkommen gehen schnell zur Neige. Es müssen ständig neue Bohrlöcher gebohrt werden, um die Förderung auf dem hohen Niveau zu halten und rentabel zu bleiben. Wegen der hohen Kosten bei der Erschließung neuer Vorkommen fehlt es den Frackingfirmen an Geld für ein aggressives Wachstum und Ausschüttungen an die Aktionäre. Die Sache wird dadurch erschwert, dass die Ölpreise bei etwa 60 Dollar liegen, während es früher mehr als 75 Dollar waren.

    Wie die Internationale Energieagentur (IEA) im Mai warnte, ist in Zukunft trotz der Rekordfördermengen der Fracker ein Schock auf dem Markt zu erwarten. Nach IEA-Einschätzungen wird der Weltmarkt bereits Anfang 2020 auf ein Überangebot wie 2014-2015 stoßen – die Förderung wird fast zwei Mio. Barrel pro Tag höher als die Nachfrage sein.

    Kritisches Niveau

    Die OPEC-Anstrengungen zur Drosselung der Förderung reichen nicht aus, wie IAE-Analysten anmerken. Ergo: Die Preise werden weiter nach unten gehen. Das sind schlechte Nachrichten für die Frackingprojekte, die gewöhnlich bei Preisen von mehr als 50 Dollar je Barrel rentabel sind.

    Wie der Chef einer der größten US-Fracker Hess, John Hess, bereits im März sagte, würde ein unbedeutender Anstieg der Anleihepreise bei WTI-Preisen um die 57 Dollar vielen Unternehmen die Gewinne kaputt machen. Für den Start neuer Projekte müssen die WTI-Preise stabil bei rund 60 Dollar liegen.

    2010-2014 führten die Entwicklung neuer Technologien und hohe Ölpreise zu einem explosiven Wachstum der Investitionen in die Ölförderung auf Schiefervorkommen. Doch 2015 wurde Öl massiv billiger, die Frackingfirmen mussten um ihr Überleben kämpfen. Allein innerhalb eines Jahres gingen rund hundert Produzenten pleite, die insgesamt mehr als 70 Mrd. Dollar Schulden angehäuft hatten.

    Nach Angaben der US-Kanzlei Haynes and Boone wurden seit 2015 192 Insolvenzverfahren mit Schulden von mehr als 106 Mrd. Dollar und weitere 185 Insolvenzen von Ölserviceunternehmen mit Schulden von 65 Mrd. Dollar registriert. Der Grund seien die niedrigen Preise für Energieträger vor dem Hintergrund eines zyklischen Wirtschaftsrückgangs, so Marktbeobachter.

    Etwas Ähnliches ist auch jetzt zu erkennen. Vom April bis Juni sank der WTI-Preis um 23 Prozent. Im Mai musste die Firma Weatherford Konkurs anmelden – einer der größten Bohrlöcher-Betreiber. Auch California Resources, die auf die Erschließung und Förderung von Öl und Gas spezialisiert ist, steckt in Schwierigkeiten. Mehrere kleinere durch Schulden belastete Akteure gingen ebenfalls pleite – Bristow Group, PHI, Jones Energy und Rex Energy.

    Allerdings zeigt die Entwicklung auf dem Markt, dass auch teures Öl die Frackingbranche nicht vor dem Aus schützt. Seit Jahresbeginn ist Öl 20,7 Prozent teurer geworden. Doch die Probleme sind immer noch da. Anfang August meldete die texanische Firma Halcon Resources, die nach Schieferöl bohrte, Konkurs an. Der Gewinn bei Concho Resources ging um 25 Prozent zurück. Die Frackingfirma Whiting Petroleum kündigte einen Personalabbau um 30 Prozent an, um die Finanzprobleme in den Griff zu bekommen.

    Keine Investitionen

    Die Situation könnte durch Investitionen verbessert werden, doch viele Investoren haben den Fracking-Projekten bereits den Rücken zugekehrt.

    „Die Investoren von mehreren problematischen Produzenten, die auch von der Preis-Krise 2015 betroffen waren, haben wohl die Hoffnung aufgegeben, dass das Wachstum der Ölpreise die Lage zum Besseren wenden wird“, hieß es in Haynes and Boone.

    In den vergangenen zehn Jahren gaben die 40 größten Frackingunternehmen fast 200 Mrd. mehr aus als verdient wurde. Tausende Bohrlöcher auf Schiefervorkommen pumpen deutlich weniger Öl und Gas, als den Investoren versprochen wurde. Im vergangenen Jahr investierte die Wall Street in die Branche um das Doppelte weniger als 2017. Die führende US-Investmentbank Goldman Sachs warnte, dass die Frackingbranche zum Jahr 2025 wirtschaftlich keinen Sinn mehr habe  – die Anzeichen auf zur Neige gehenden Schiefervorkommen verdichten sich.

    Dieses Problem scheint zu einem Dauerzustand zu werden. Die Förderung in Schiefervorkommen geht rapide bergab. Deswegen müssen die Schieferunternehmen ständig neue Bohrlöcher setzen, was enorme Kosten verursacht.

    Ein weiterer Grund des Rückgangs der Investitionen sind Umweltbeschränkungen bei den Bohrungen bzw. der Übergang zu alternativen Energiequellen.

    „Investoren sind darüber besorgt, dass die Ölfirmen Geld dafür ausgeben, wo der Verfall droht. Das ist mit zunehmend beliebter werdenden Elektro- und Hybridautos unvermeidbar“, sagte David Katz, Präsident des New Yorker Investmentfirma Matrix Asset Advisors.

    In den vergangenen sechs Jahren sank der Anteil der Aktien der US-amerikanischen Öl- und Gasunternehmen im Wertausdruck im S&P500-Index von 8,7 auf 4,6 Prozent.

    „Jedes Mal, wenn sie mit den Bohrungen beginnen, fließen Milliarden in das Rohr. Es ist nicht verwunderlich, dass die Aktien der Schieferunternehmen fallen“, so Steve Schlotterbeck, ehemaliger Direktor des Gasproduzenten EQT.

    Angesichts der globalen Übersättigung, die die Preise unter Druck setzt, verlieren Schieferunternehmen ständig Geld – sie halten sich nur dank dem Verkauf von Aktiva und neuen Krediten über Wasser.

    Die USA träumten seit Jahrzehnten von Unabhängigkeit von ausländischen Ölproduzenten. Dieses Ziel wurde erreicht – die eigenen Ölfirmen produzieren Rekordmengen an Rohöl und Erdgas und sind Spitzenreiter unter den Exporteuren. Doch wie die Zeitung „New York Times“ berichtet, ist der Preis dafür zu hoch.

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    Tags:
    Markt, Öl, USA