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02:31 12 November 2019
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    Sitz der Zentralbank des Vereinigten Königreichs Großbritannien und Nordirland in London (Archiv)

    Auch du, Brutus? Briten wollen Dollar als Leitwährung abschaffen

    © AFP 2019 / DANIEL LEAL-OLIVAS
    Wirtschaft
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    Viele der größten Wirtschaftsmächte der Welt sind bereit, auf den US-Dollar als Reservewährung zu verzichten. Der Chef der Bank of England, Mark Carney, hat die Zentralbanken der Welt aufgerufen, eine globale Alternative für den US-Dollar zu schaffen. Warum sich der US-Dollar für die meisten Länder nicht eignet und was Carney konkret vorschlägt – das lesen Sie in diesem Artikel.

    Nicht adäquat hoch

    Vor genau einem Jahr stellten Wirtschaftsexperten der Weltbank fest – der Prozess der Entdollarisierung ist eingeleitet und nicht mehr zu stoppen. Laut der Europäischen Zentralbank sind die Positionen des US-Dollars nach dem vergangenen Jahr stark ins Wanken geraten – sein Anteil an den globalen Reservewährungen fiel auf 61,7 Prozent. Der Anteil des Euro ist hingegen auf 20,7 Prozent gestiegen.

    Seit der globalen Finanzkrise 2008 verringerten die Zentralbanken weltweit den Anteil der US-Währung in ihren Finanzreserven um sieben Prozentpunkte. Im vergangenen Jahr gingen vor allem die Schwellenländer dazu über, Dollar und US-Staatsanleihen abzustoßen. Die einen taten dies, um die eigene Währung zu stabilisieren, die anderen wegen der Konflikte mit Washington.

    Dieser Trend hält weiter an. Doch auch viele westliche Industrieländer wenden sich vom Dollar ab. Großbritannien stieß allein im April US-Staatsanleihen im Wert von 16,3 Mrd. Dollar ab. Anscheinend ist London entschlossen gestimmt. Bei einer Wirtschaftskonferenz in Jackson Hole (US-Bundesstaat Wyoming) sagte der Chef der Bank of England Carney, dass der Dollar den Status als globale Leitwährung nicht mehr verdiene, weshalb die Zentralbanken sich zusammenschließen und einen Ersatz finden sollten.

    Carney verwies darauf, dass der Anteil der Schwellenländer an der Weltwirtschaft seit 2008 von 45 auf 60 Prozent gestiegen sei. Doch zu einem proportionalen Anstieg der Popularität der Währungen dieser Länder ist es nicht gekommen. Zumindest die Hälfte aller internationalen Zahlungen erfolgt weiterhin in Dollar. Die Bedeutung der US-Währung im Welthandel sei „inadäquat hoch“, was die Weltwirtschaft destabilisiere, so Carney.

    Vertrauen untergraben

    Carney zufolge schafft die Dominanz des Dollar im internationalen Handel und Finanzsystem Probleme bei der Steuerung der Inflation und der Sicherung der Stabilität. Die Liquiditätsrisiken würden wegen sehr niedriger Zinssätze und des geringen Wirtschaftswachstums steigen.

    Zur Stabilisierung der globalen Finanzen sollte als Reservewährung nicht die nationale Währung eines Landes, sondern eine „globale digitale Alternative“ auftreten – eine virtuelle Währung, die auf einem Warenkorb basiert und aus einem Netz der digitalen Währungen der Zentralbanken geschaffen wurde.

    Carney zufolge ist die Abhängigkeit vom US-Dollar wegen des von Trump entfachten Handelskrieges zu riskant. Von Ausfällen bei Lieferketten in den Bereichen Automobilbau, Stahlguss und Technologie werden auch Länder betroffen, die nicht unmittelbar an den Handelskriegen beteiligt sind. Allerdings sehen Experten die Idee einer einheitlichen digitalen Währung eher skeptisch – alle Staaten bei diesem Thema auf einen Nenner zu bringen, ist nicht einfach, weshalb der Vorschlag Carneys auch die Einschränkung der Souveränität der Zentralbanken vorsieht.

    INSTEX als Umweg

    Allerdings gibt es auch andere Vorstöße. So kündigten Großbritannien, Frankreich und Deutschland Ende Juni den Start des INSTEX-Mechanismus an, um die US-Sanktionen beim Erwerb iranischen Öls umgehen zu können. Die Lieferungen werden nicht in Dollar, sondern in Euro bezahlt. Seit 28. Juni ist der Mechanismus für alle EU-Länder zugänglich, demnächst können sich auch andere Länder anschließen.

    INSTEX ist eine Art Mechanismus für den Zwischenhandel, der den Warenaustausch ohne Geldüberweisungen zwischen Unternehmen im Iran und in der EU gewährleistet. Teheran wird faktisch weiterhin Öl und andere Waren nach Europa liefern. Doch das Geld dafür wird nicht an iranische Banken, sondern an europäische Unternehmen, die Erzeugnisse in den Iran exportieren, geschickt.

    Bislang handelt es sich um Medikamente, medizinische Ausrüstung und Landwirtschaftserzeugnisse. Mit der Zeit wird sich die Bandbreite der Exporte erweitern.

    INSTEX wurde seit dem vergangenen Jahr auf seinen Start vorbereitet. Beobachter bemerkten sofort, dass es die erste ernsthafte Bedrohung für den US-Dollar seit der Bretton-Woods-Konferenz ist, als die US-Währung ihre dominante Rolle in der Weltwirtschaft bekam. Experten zufolge würde der INSTEX-Mechanismus dem Streben der USA einen Schlag versetzen, die globale Wirtschaftsordnung zu kontrollieren, weil sich nicht nur die Europäer vom Dollar befreien können, sondern jedes  Land, welches die Sanktionen des Weißen Hauses umgehen will.

    Russland im Rekordtempo

    Während Europa nach Möglichkeiten sucht, wie man den Dollar verdrängen und die US-Sanktionen umgehen kann, baut Russland seine Dollar-Zahlungen im Rekordtempo ab. Innerhalb von fünf Jahren senkte Moskau seine internationalen Dollar-Zahlungen um fast 13 Prozent, wobei der Anteil von Euro und Rubel um 26 bzw. 14 Prozent erhöht wurde.

    Noch vor fünf Jahren entfielen auf die US-Währung bei den russischen Zahlungen für ausländische Verträge mehr als 80 Prozent, derzeit sind es nur noch 56 Prozent. Der Grund dieser beschleunigten Entdollarisierung sind die Drohungen der USA, Russland vom SWIFT-System abzuschalten.

    Am aktivsten läuft dieser Prozess beim Handel zwischen Russland und China.

    Moskau und Peking beschlossen bereits im Dezember 2014, zu ihren Nationalwährungen zu wechseln. Seitdem werden die russisch-chinesische Handelsabkommen in Rubel abgerechnet -  ohne Teilnahme von Banken in den USA, Großbritannien und der EU. Allerdings waren  die Fortschritte bislang bescheiden – im vergangenen Jahr stieg der Euro-Anteil in den Zahlungen um das Doppelte, der Dollar-Anteil sank um weniger als zwei Prozent. Auf den Rubel entfallen nicht mehr als 15 Prozent, doch in den kommenden Jahren soll diese Kennzahl um das Fünffache steigen. Anfang Juni unterzeichneten Russlands Finanzminister Anton Siluanow und der Vorsitzende der chinesischen Volksbank, Yi Gang, ein Abkommen über die Schaffung eines neuen Zahlungssystems, das eine „Schleuse zwischen den russischen und chinesischen Analoga für SWIFT“ werden soll.

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    Tags:
    Währung, Dollar, Großbritannien, USA