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    Die Menschen fotografieren „Independence“, ein Flüssiggas-Speicherschiff im Seetorhafen von Klaipeda, Litauen, am Montag, 27. Oktober 2014

    Operation „Unabhängigkeit“ gescheitert? Warum das Baltikum nun doch russisches Flüssiggas kauft

    © AP Photo / Kestutis Vanagas
    Wirtschaft
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    Der estnische Energiekonzern „Eesti Energia“ will ab September über das litauische „Independence“-Terminal von Klaipėda erstmals russisches Flüssigerdgas (LNG) erhalten. Die baltische Wirtschaft befürwortet laut dem Gas-Experten Sergei Prawossudow anders als die Politik den vorteilhaften Energiehandel mit Russland.

    Ein entsprechender Liefervertrag zwischen Eesti Energia und dem litauischen Betreiber des Terminals, Klaipėdos nafta, ist der Nachrichtenagentur BNS zufolge am 22. August geschlossen worden, gerade vor den Feierlichkeiten zum sogenannten „Baltischen Weg“, einer Bewegung, die 1989 einen Austritt der baltischen Länder aus der Sowjetunion und damit ihre Unabhängigkeit vorbereitet hatte. Der Lieferant des LNG ist das westsibirische Energieunternehmen Nowatek, gesprochen wird im Moment über ein Schiff mit 6.000.000  Kubikmeter Flüssiggas. Merkwürdig ist die Entwicklung schon, weil gerade mit diesem Terminal die baltischen Staaten früher mehr Energieabhängigkeit vom russischen Gas bezweckt hatten. Estland, Lettland und Litauen sind auch immer im Vordergrund, wenn es um die Proteste gegen die Pipeline Nord Stream 2 und eine allgemeine Diversifizierung der Gaslieferungen geht. 

    „In der längeren Konfrontation der politischen Kampfansagen an Russland mit der ökonomischen Realität hat diesmal die Wirtschaft gewonnen“, kommentiert der Leiter des Instituts für nationale Energetik und Chefredakteur der Fachzeitschrift „Gazprom“, Sergei Prawossudow, gegenüber Sputnik.

    „Im Fall Estlands liegt es an den kurzfristig niedrigeren LNG-Preisen auf den europäischen Börsen.“ Während die Leitungsgas-Preise bei Gazprom auf die Ölpreise angewiesen seien, die nun höher seien, als die Gaspreise auf den Börsen, neige Nowatek dazu, das LNG an Estland zu niedrigeren, also zu den Börsenpreisen zu verkaufen, erklärt Prawossudow. 

    Litauen kauft schon russisches LNG

    Litauen ließ 2014 das südkoreanische Unternehmen Hyundai Heavy Industries ein eigenes LNG-Terminal bauen, um das deklarierte russische Gasmonopol im Baltikum loszuwerden. Litauen stellt sich aber auch als Trendsetter heraus, was die Lieferverträge mit Russland angeht - trotz aller Unabhängigkeitserklärungen der Politiker. So soll das litauische staatliche Energieunternehmen Lietuvos Energija der Berichterstattung zufolge sich Ende 2018 mit Nowatek über erweiterte Gaslieferungen 2019 verständigt haben. Die Volumen werden nicht preisgegeben, die litauischen Medien aber verweisen aber auf zwei Tanker je 10.000 Tonnen LNG alleine im April.

    Auch der Leiter der Abteilung für internationale Entwicklung der Lietuvos Energija, Mantas Mikalajūnas, bestätigte im April gegenüber der BNS, dass sein Konzern unter Bedingungen des zunehmenden Wettbewerbs arbeiten müsse und sich für das billigste Gas entscheide, darunter auch fürs russische. Er schloss auch nicht aus, mit Nowatek einen direkten Liefervertrag unterschreiben zu wollen, sobald ihm gute Bedingungen vorliegen. Kaum werden die Forderungen der Parlamentarier Laurinas Kasciunas und Audronius Ažubalis von der Partei „Union des Vaterlandes - Christdemokraten von Litauen“ (Lietuvos krikščionių demokratų partija) nach einem Gesetz zur Beschränkung des Kaufs von Flüssigerdgas aus Russland etwas daran ändern.  

    Allerdings kauft Klaipėdos nafta auch das US-amerikanische sowie das norwegische LNG. 2018 soll das Independance-Terminal der Berichterstattung der litauischen Medien zufolge lediglich nur zwei große Gastanker empfangen haben. Prawossudow verweist weiter, dass das US-LNG für den litauischen Betreiber kostspielig und für den Verbraucher letztendlich zu teuer sei. 

    „Independence“-Projekt verlustbringend?

    Dabei mieten die Litauer einen norwegischen Gasspeicher, der Klaipedos nafta 60 Millionen Euro pro Jahr kostet. Hier ist ein weiterer Haken in der Rentabilität des „Independence“-Projekts: Die tatsächliche Auslastung des Terminals betrug 2018 nur 28 Prozent bei einem obligatorischen technischen Minimum von 20 Prozent. Es stellt sich also heraus, dass das Terminal so wenig blauen Treibstoff bekommt, dass die Verluste fast unausweichlich sind.

    „Egal, ob man ein privates oder ein staatliches Unternehmen ist, man kann nicht lange Verluste hinnehmen - es ist also klar, dass die Leute auch über Gewinne nachdenken“, kommentiert Prawossudow weiter. „Sie haben einfach die Gelegenheit ergriffen, Gas zu einem niedrigeren Preis zu kaufen. Bis Winter wird sich die Lage wohl ändern, und da wird man wieder mehr Leitungsgas kaufen.“

    Allein im Jahre 2017 sollen die Gazprom-Gaslieferungen nach Estland, Lettland und Litauen insgesamt um etwa 165 Prozent gestiegen sein.  

    Jetzt soll das LNG-Terminal von Klaipeda laut Klaipedos nafta schon bis Ende September nächsten Jahres ausgebucht sein. Im Juni habe sich die Versorgung mit Flüssigerdgas fast verdoppelt. Die Nachfrage nach dem litauischen Terminal ist also wegen der niedrigen LNG-Preise aufgestiegen und ist eben auf die Inbetriebnahme der mittelgroßen russischen LNG-Anlage Kriogas Wysotsk in der Inselstadt Wysotsk nahe der finnischen Grenze angewiesen. Die Kunden des Projekts sind übrigens die größten Verbraucher Litauens - das staatliche Lietuvos Energija und der größte Hersteller von Stickstoffdüngern im Baltikum, Achema Konzern.

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    Tags:
    Nowatek, Gasprom, Flüssiggas, LNG, Lettland, Litauen, Estland