22:10 16 November 2019
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    LNG-Tanker Independence (Symbolbild)

    „Aasgeier-Party“: Was hinter dem Gasdeal zwischen USA, Polen und Ukraine steckt

    CC BY-SA 4.0 / AB Klaipėdos Nafta / Wikimedia Commons (cropped a photo)
    Wirtschaft
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    Anfang November wird die Ukraine die erste LNG-Partie aus den USA bekommen: Der Brennstoff wird ins polnische Swinoujscie (Swinemünde) gebracht, dort regasifiziert und durch polnische Pipelines in die Ukraine gepumpt.

    Das Gas aus Übersee wird viel teurer als das europäische oder russische sein. Wer von diesem Deal profitieren könnte, erklärt RIA Novosti in diesem Beitrag.

    Kuschelgespräche 

    Die für November geplanten US-Lieferungen von Flüssiggas werden zum ersten Schritt zur Umsetzung des dreiseitigen Abkommens „Über das Zusammenwirken zwecks Festigung der regionalen Sicherheit der Gaslieferungen“ zwischen der Ukraine, den USA und Polen, das am 31. August in Warschau unterzeichnet wurde. Das Dokument sieht den Ausbau des LNG-Exports und die Entwicklung der dafür erforderlichen Verkehrsinfrastruktur vor.

    Wie der polnische Regierungssprecher Piotr Naimski erläuterte, wäre Warschau angesichts einer fehlenden Verbindungspipeline zwischen der Ukraine und Polen derzeit nur in der Lage, Kiew 1,5 Milliarden Kubikmeter Gas jährlich zu verkaufen. Nach dem Bau einer solchen Leitung könnten die Lieferungen auf sechs Milliarden Kubikmeter aufgestockt werden. Dadurch könnte Polen die Kapazität ihres LNG-Terminals in Swinemünde um 50 Prozent ausbauen.

    Vor der Vertragsunterzeichnung hatte sich US-Vizepräsident Mike Pence mit dem ukrainischen Präsidenten Wladimir Selenski getroffen. „Ich möchte vor allem das Thema der energetischen Unabhängigkeit der Ukraine und unsere mögliche Kooperation auf dem Gebiet Energiewirtschaft und Wirtschaft besprechen“, sagte Pence vor dem Treffen.

    Die Ergebnisse könnten den Amerikanern nicht besser passen: US-Energieminister Rick Perry nannte die Unterzeichnung des trilateralen Memorandums einen „außerordentlichen Erfolg“.

    „Die USA helfen Polen bei der Senkung seiner Abhängigkeit vom russischen Gas und unterstützen Warschau bei der Etablierung als regionales LNG-Exportzentrum“, sagte er. „Das wird unserem anderen Verbündeten, der Ukraine, helfen, die Gefahr des Rückgangs der Gaslieferungen aus Russland zu bannen. Für die Ukraine geht es bei der Energiesicherheit um ihre nationale Sicherheit.“

    Rätselhafter Zwischenhändler

    Unabhängige Beobachter verweisen inzwischen auf einen merkwürdigen Moment: Als Schlüsselelement der neuen Vereinbarungen fungiert eine kleine und praktisch unbekannte Firma mit dem Namen „Energetitscheskije Ressursy Ukrainy“ (Energetische Ressourcen der Ukraine, ERU). Ausgerechnet sie wird das amerikanische Flüssiggas beim polnischen Öl- und Gaskonzern PGNiG kaufen und dem ukrainischen Unternehmen Naftogas Ukrainy verkaufen.

    Wenn es bei solchen Deals um Staatsinteressen geht, beteiligen sich daran normalerweise Großkonzerne. In diesem Fall wäre ein direkter Vertrag zwischen PGNiG und Naftogas Ukrainy logisch. Aber aus irgendwelchen Gründen wollte jemand den Vermittler ins Spiel bringen, zumal seine Aktivitäten eher fraglich sind.

    ERU ist eine der Firmen, die den US-Bürgern Andrej Faworow und Dale Perry gehören. In den 2000er-Jahren waren die beiden Mitarbeiter der US-amerikanischen AES Corporation, die sich mit der Privatisierung von Bergwerken, Ölfeldern und Kraftwerken in den früheren Sowjetrepubliken wie Russland, Kasachstan, Georgien und der Ukraine beschäftigte.

    2015 starteten die Partner ihr eigenes Geschäft, indem sie eine ganze Unternehmensgruppe gründeten, der unter anderem die ERA Corporation in den USA, ERA finance Ltd. in Zypern, ERU in Kiew usw. angehören.

    Im März 2016 gründeten ERA finance Ltd. und ERU in Kiew die Firma ERU-Trading, deren Generaldirektor Faworow wurde. Im August 2016 kaufte die neue Firma bei PGNiG eine große Erdgaspartie, die sofort dem Staatskonzern Naftogas Ukrainy (genauer gesagt, seiner Tochter Ukrtransgas) verkauft wurde.

    Seit dieser Zeit gewinnt ERU-Trading praktisch alle Ausschreibungen von Ukrtransgas, bei denen es um Gaslieferungen geht – inzwischen beläuft sich ihre Gesamtsumme auf über sechs Milliarden Griwna.

    Im November 2018 wurde Andrej Faworow von Naftogas-Chef Andrej Kobolew an die Spitze des integrierten Gasgeschäfts von Naftogas Ukrainy gestellt. Jetzt kauft Ukrtransgas bei ERU-Trading auch den Strom. (Es wurden bis dato 16 Verträge für insgesamt 46,96 Millionen Griwna abgeschlossen.)

    Unternehmer wurde Funktionär

    Nach seiner Ernennung zum Naftogas-Beamten stieg Faworow aus dem Führungsgremium von ERU aus und verkaufte seinen Anteil seinen Partnern.

    Aber vor ein paar Monaten fanden Wirtschaftsprüfer von KPMG heraus, dass Faworow einen Interessenkonflikt hatte bzw. hat. „Es wurde festgestellt, dass die Firma ERU-Trading im Jahr 2018 mit Herrn Faworow verbunden war“, teilte der Exekutivdirektor von Naftogas Ukrainy, Juri Witrenko, Anfang Juni mit.

    Nach seinen Worten haben die KPMG-Experten außerdem herausgefunden, dass Naftogas Ukrainy damals eine beträchtliche Gasmenge aus seinen Depots zu einem Preis verkauft hatte, der wesentlich unter dem Marktpreis lag. „Der größte Käufer war die Firma ERU-Trading“, präzisierte Witrenko.

    Der Skandal wurde allerdings schnell vertuscht, und Mitte August präsentierte Faworow, der seinen Posten behalten durfte, die neue Position von Naftogas Ukrainy zur Entwicklung der Branche. „Wir müssen nicht Gas um jeden Preis gewinnen, wenn wir die Möglichkeit haben, es aus Europa für 4300 bis 4500 Griwna pro 1000 Kubikmeter zu importieren“, betonte er.

    Mit anderen Worten sollte man die kostspielige eigene Gasförderung einstellen und den billigen Import ausbauen. Nur zwei Wochen später wurde der erwähnte Gasdeal in Warschau unterzeichnet. Als Vermittler tritt, wie gesagt, die Firma „Energetitscheskije Ressursy Ukrainy“ auf.

    Aber ERU ist nicht nur für Herrn Faworow wertvoll. Auf eine unbegreifliche Weise gelang es dieser kleinen ukrainischen Privatfirma, Partner der US-amerikanischen staatlichen Overseas Private Investment Corporation zu werden. Diese unterstützt laut Gesetz „amerikanische Unternehmen bei Investitionen auf Entwicklungsmärkten und treibt die Prioritäten der Außenpolitik und der nationalen Sicherheit der USA voran“.

    Das bedeutet, dass man in Washington die Firma ERU aus irgendwelchen Gründen für ein „amerikanisches Unternehmen“ hält, das im Interesse der USA handelt. Vor diesem Hintergrund ist es nicht mehr so merkwürdig, dass US-Vizepräsident Pence und US-Energieminister Perry in Warschau die Interessen dieser Firma im Grunde lobbyiert haben.

    Der Schwache zahlt für alle

    Der Warschauer Gasdeal garantiert den US-amerikanischen Flüssiggasproduzenten Port Arthur LNG und Cheniere Markeding, mit denen der polnische Konzern PGNiG Lieferungsverträge abgeschlossen hat, dem Konzern PGNiG selbst, aber vor allem der Firma ERU Gewinne.

    Experten zufolge könnte der Gaspreis für Kiew 170 bis 180 Dollar pro 1000 Kubikmeter kosten, wenn das Flüssiggas auf dem amerikanischen Spotmarkt zu aktuellen Preisen gekauft, nach Polen befördert und regasifiziert und dann in die Ukraine geliefert wird. Die Gasbeförderung vom LNG-Terminal in Swinemünde bis zur Ukraine wird die Firma ERU zusätzlich 20 Dollar pro 1000 Kubikmeter kosten.

    Am Ende werden die Selbstkosten des Brennstoffs im Moment seines Verkaufs an Ukrtransgas 200 Dollar erreichen. Dabei ist im Finanzplan für November und Dezember ein Gaspreis von 284,5 Dollar pro 1000 Kubikmeter für die ukrainische Bevölkerung vorgesehen. Für Industriebetriebe wird er bei 296 Dollar liegen.

    Also beläuft sich die Rentabilität dieser Lieferungen für ERU auf knapp 30 Prozent. Selbst wenn einen Teil dieser Summe Naftogas Ukrainy bekommt, ist sie jedenfalls einfach phänomenal.

    Aber wo es einen Sieger gibt, gibt es auch einen Verlierer. Und das ist vor allem die ukrainische Bevölkerung, die jetzt fast drei Mal so viel für Gas zahlen muss. Denn die Reverse-Lieferungen aus Europa kosten Naftogas Ukrainy 130 Dollar pro 1000 Kubikmeter.

    Zum Vergleich: Der Chef des russischen Energieriesen Gazprom, Alexej Miller, hatte im Mai versprochen, dass russisches Gas im Falle der Unterzeichnung eines neuen Transitvertrags etwa 100 Dollar pro 1000 Kubikmeter kosten würde.

    Aber dann würden die Unternehmen Port Arthur LNG, Cheniere Marketing, PGNiG und ERU ihre Profite verlieren. Das können Washington und Warschau keineswegs akzeptieren – und jetzt müssen einfache Ukrainer 300 statt 100 Dollar pro 1000 Kubikmeter Gas zahlen. Und das ist nur der Preis für die nächsten Monate.

    Aber die größten Verlierer sind der Präsident und die Regierung der Ukraine. Denn sie müssen jetzt ihren Bürgern erklären, warum die Gastarife demnächst in die Höhe schießen werden.

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    Tags:
    Abhängigkeit, Gaslieferung, LNG, Ukraine, Polen, USA, Russland