00:30 22 November 2019
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    Die Total Raffinerie in Leuna (Archiv)

    Nach der Treuhand kam „Total“: Wie Öl aus Russland Arbeitsplätze in Ostdeutschland sichert

    © AP Photo / Eckehard Schulz
    Wirtschaft
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    Viele Unternehmen in Ostdeutschland pflegen bis heute eine enge Beziehung zu Russland. In Leuna (Sachsen-Anhalt) ist der französische Öl-Konzern „Total“ von russischem Öl abhängig. Dort wird seit der Wende ein alter DDR-Industriestandort weiterentwickelt.

    Energie-Experte Behrooz Abdolvand aus Potsdam erläutert im Sputnik-Interview die Hintergründe.

    Die Ansiedlung französischer Mineralöl-Konzerne in Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung sei „ein kluger Schachzug Kohls“ gewesen. Das erklärte Abdolvand, Rohstoff-Analytiker, Energie-Experte und Politologe, im Sputnik-Interview. Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) konnte so Bedenken Frankreichs entgegen wirken, Deutschland könne wieder eine industrialisierte Militär-Großmacht werden. Zudem habe diese Entscheidung bewirkt, dass das deutsch-russische Wirtschaftsverhältnis im Öl-Bereich bis heute sehr stabil sei. Dazu trage auch ein Öl-Unternehmen aus Frankreich bei, das Raffinerien in Leuna betreibe.

    „Das Öl kommt aus Russland und Franzosen investieren in die Raffinerien“, sagte der aus dem Iran stammende Energie-Experte, der auch Managing Director bei der „DESB GmbH“ in Potsdam ist. „Das heißt, auch westliche Wirtschaftsinteressen werden berücksichtigt. Das ist eine Art ‚balance of power‘ (dt.: ‚Balance der Macht‘ – Anm. d. Red.) aus wirtschaftspolitischer Perspektive.“ Also eine Art „Win-Win-Situation“ für alle Beteiligten.

    Russland: Größter Öl-Exporteur für Sachsen-Anhalt

    Zahlen belegen die Analyse des Rohstoff-Experten Abdolvand: Für das ostdeutsche Bundesland Sachsen-Anhalt ist Russland der größte Exporteur von Erdöl und Erdgas.

    „Russland steht bei den Importen ins Land auf Platz eins“, berichtete Ende August die Magdeburger Zeitung „Volksstimme“. „Verarbeitet wird fast ausschließlich Öl, das über die sogenannte Druschba-Pipeline in die Vorratstanks nach Leuna strömt. 30.000 Tonnen Rohöl am Tag. Etwa 1300 Tankstellen erhalten ihren Nachschub aus Leuna.“ Demnach ist die „Total“-Raffinerie in Leuna das „umsatzstärkste Unternehmen“ des Bundeslandes. 2018 waren das etwa 4,25 Milliarden Euro.

    Teile der ehemaligen „Leunawerke“ sind heute im Besitz des Mineralöl-Konzerns „Total“ aus Frankreich mit Sitz in Courbevoie. Die „Leunawerke“ waren einst der größte Chemie-Standort in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Das Industriegebiet nahe der Stadt Leuna bei Halle/Saale in Sachsen-Anhalt wurde im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt, wieder aufgebaut und dann 1954 in das „Volkseigentum“ der DDR überführt. Das Werk trug fortan einen – wie für DDR-Bezeichnungen üblich – sperrigen Namen: „VEB Leuna-Werke Walter Ulbricht“ (LWWU), gewidmet dem früheren DDR-Staats- und Parteichef Ulbricht. In den 1970er und 80er Jahren drängten Welt-Ölkrisen und reduzierte Erdöllieferungen aus der UdSSR die DDR dazu, in die Erdölverarbeitung zu investieren.

    Ziel der DDR-Ölwirtschaft: „Harte Devisen“

    Sowjetisches „Öl ist in die DDR weitergeleitet worden, weil die DDR-Führung sich erhofft hatte, durch das Raffinieren dieses Öls harte Devisen zu erwerben“, erklärte Rohstoff-Analytiker Abdolvand. „Für die damalige DDR-Wirtschaft war das extrem relevant.“ Die Wirtschaftspolitik der DDR war stets darauf bedacht, durch eigene Wirtschaftsleistungen und Verarbeitungsprozesse „harte Devisen“, also ausländische Währungen, zu erwirtschaften. Leuna war dabei ein Schlüsselpunkt.

    Die DDR war Mitglied im „Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe“ (RGW), dem Wirtschaftsbündnis der sozialistischen Staaten. Damals entstanden enge Verflechtungen und Produktionsketten sowie Netzwerke zwischen den sozialistischen „Bruderstaaten“. So wurde zwischen 1959 und 1964 die „Druschba-Pipeline“ (dt.: „Freundschafts-Pipeline“ – Anm. d. Red.) eingerichtet. Eine Erdöl-Leitung, die von Tatarstan in Russland über Weißrussland und Polen bis nach Schwedt/Oder reicht und auch das Gebiet in Leuna mit Erdöl versorgt. Seitdem fließt russisches Öl nach Ostdeutschland. Ein Drittel des importierten Öls bezieht die Bundesrepublik bis heute über die Druschba-Pipeline.

    „Total“-Raffinerie: Rund 700 Kilometer Rohrleitungen

    Nach der Wende und Wiedervereinigung zerschlug die „Treuhand“ das in Leuna ansässige Chemie-Kombinat in kleinere Einheiten und veräußerte diese an große, auch internationale, Unternehmen. Die Raffinerie im Gebiet „Leuna III“ trägt heute den Namen „Total Raffinerie Mitteldeutschland GmbH“ (TRM). Neben dem französischen Konzern sind auch noch weitere Mineralöl-Unternehmen beteiligt.

    Die Raffinerie in Leuna war im Herbst 1997 in Betrieb gegangen, wie der „Total“-Konzern auf seiner deutschen Website mitteilt. Die Anlage misst demnach eine Fläche von rund 320 Hektar. 700 Kilometer oberirdische Rohrleitungen verlaufen auf dem Gelände. Dort werden aus Erdöl Kraftstoffe wie Benzin und Diesel für Tankstellen gewonnen. Zudem produziere Leuna Spezialprodukte und Heizöl. Die Raffinerie beschäftige rund 600 Mitarbeiter. Pro Jahr könne sie rund zwölf Millionen Tonnen Rohöl verarbeiten. „Das entspricht fast 180.000 Kesselwagen, also einem Güterzug von Leuna bis zum Ural. Die Destillationsanlage der Raffinerie verarbeitet am Tag durchschnittlich 30.000 Tonnen Rohöl.“ Dieses Öl wird über Pipelines vorwiegend aus Russland nach Leuna geleitet. „Die fertigen Produkte gelangen über Straße, Schiene und Pipeline dann auf den Markt.“

    Die Rohölimporte aus Russland seien „von zentraler Bedeutung“, heißt es seit Jahren aus dem französischen „Total“-Konzern laut Medienberichten.

    Leuna: Ostdeutsch-russischer Knotenpunkt

    Im Laufe der Zeit habe die russisch-ostdeutsche Wirtschaftszusammenarbeit in Leuna „gewissermaßen eine Art Entspannungspolitik herbeigeführt“, analysierte Rohstoff-Experte Abdolvand. Das bedeutet:

    „Deutschland wollte nie die Wirtschaftsbeziehungen zu Russland belasten und aus der Perspektive hat man nach der Wende auch weiter Öl aus Russland gekauft.“ Der Energie-Experte erzählte eine historische Anekdote: Der frühere Kanzler Kohl „wollte den ‚Ost-westlichen Divan‘ schaffen und deswegen hatte er französische Öl-Firmen eingeladen, damit sie in den Osten Deutschlands investieren. Schließlich ist ‚Total‘ so in den ostdeutschen Markt reingekommen und besitzt nun dort verschiedene kleine Raffinerien. Dadurch sind gewisse Arbeitsplätze zustande gekommen und gerettet worden. In dieser Hinsicht ist Öl aus Russland für den Erhalt dieser Arbeitsplätze in Ostdeutschland sehr relevant. Und man muss diese auch weiterhin aufrechterhalten.“

    Probleme und Unregelmäßigkeiten, „die bei dem Transport von Öl in der Druschba-Pipeline vorkamen, werden sich langfristig nicht negativ auf diese Zusammenarbeit auswirken. Weil diese Zusammenarbeit politisch bedingt ist.“ Damit bezog sich Erdöl-Experte Abdolvand auf Meldungen über „verunreinigtes Öl aus Russland“ wie im April dieses Jahres. Die Raffinerie in Leuna bezog daraufhin kurzzeitig keine russischen Öllieferungen mehr, das Transitland Polen stoppte den Zufluss und gab ihn kurze Zeit später wieder frei.

    „Russland setzt mit Sicherheit auf Ostdeutschland“

    Rohstoff-Analytiker Abdolvand gab dazu im Interview Entwarnung:

    „So lange über die Druschba-Pipeline das russische Öl weiter nach Ostdeutschland geleitet wird und über das Nord-Stream-Netzwerk das russische Gas fließt, wird Russland mit Sicherheit auf Petrochemie- und Öl-Produkte in Ostdeutschland setzen und langfristig dort Arbeitsplätze absichern. Aus dieser Perspektive wird sich Deutschland weiterhin damit befassen, die deutsch-russischen Beziehungen auf der wirtschaftspolitischen und energiepolitischen Ebene aufrechtzuerhalten. Weil das auch der russischen Wirtschaft gewissermaßen eine Kaufkraft gibt, um dann deutsche Produkte zu kaufen. Die gesamte deutsche Wirtschaft wird davon profitieren, so auch Ostdeutschland.“

    Erst im April berichtete der „MDR“, dass sich die „Total“-Raffinerie in Leuna „auf die größte Investition seit dem Bau der Anlage“ vorbereitet, um „bei der Energie-Wende nicht abgehängt zu werden.“ Das Projekt trage den Namen „ProTurn2020“.

    Die Zukunft der dortigen Raffinerien und Öl-Verarbeitungsanlagen scheint gesichert: „Wenn 2050 nur noch die besten Raffinerien am Markt sind, dann wird Leuna dazugehören“, prognostiziert der ehemalige Geschäftsführer der „Total“-Raffinerie Mitteldeutschland, Reinhard Kroll. Das sagte er in einem Interview bereits 2018.

    Das Radio-Interview mit Dr. Behrooz Abdolvand zum Nachhören:

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    Tags:
    Helmut Kohl, Wiedervereinigung, DDR, Raffinerie, Öllieferungen, Total, Ostdeutschland, Deutschland