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05:15 22 Oktober 2019
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    Antibiotika (Symbolbild)

    Kapitalismus konkret – Heute: Sterbt doch! Wir machen zu wenig Profit mit Antibiotikaforschung

    © Sputnik / Walerij Melnikow
    Wirtschaft
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    Im Jahr 2017 noch mit viel medialem Rummel gegründet, im Jahr 2019 de facto tot – Die „Industrie-Allianz“ AMR von internationalen Pharma-Konzernen zur Entwicklung neuer Antibiotika droht sang- und klanglos unterzugehen. Recherchen des öffentlich-rechtlichen Senders NDR zeigen, die wichtigsten Firmen investieren nicht. Der Grund: zu wenig Profit.

    Mediziner und Gesundheitsexperten in aller Welt warnen ohne Unterlass, der Menschheit drohen dramatische Epidemien, wenn nicht rasch neue Antibiotika entwickelt werden. Immer mehr Krankheitserreger entwickeln Resistenzen gegen die wichtigsten Antibiotika. Und die Zunahme multiresistenter Superkeime hat eine besorgniserregende Dimension angenommen. Die Gründe dafür sind vielfältig und werden kontrovers diskutiert, aber der Effekt ist immer der gleiche: Ärzte stehen immer öfter machtlos multiresistenten Keimen gegenüber.

    Gegen diesen Trend sollte und wollte die „AMR Industry Alliance“ ankämpfen. AMR steht für Antimicrobial Resistance und vereint seit 2016 in zunächst loser Zusammenarbeit und seit Mai 2017, auch offiziell als AMR organisiert, mehr als 100 Unternehmen und Verbände der Pharmabranche aus 20 Staaten. Sie verpflichteten sich, intensiv und abgestimmt an neuen Antibiotika und verantwortungsvollem Umgang mit ihnen zu forschen. In einer Broschüre wird die „Vision“ so formuliert:

    „Nachhaltige Lösungen zur Eindämmung der Resistenz gegen antimikrobielle Wirkstoffe durch Schaffung einer breiten Dynamik in der Industrie und Erleichterung der Zusammenarbeit zwischen dem öffentlichen und dem privaten Sektor.“

    Große Worte, große Pläne, große Enttäuschungen

    Ausgangspunkt war ein Beschluss der Vollversammlung der Vereinten Nationen im Mai 2015 für einen Globalen Aktionsplan zur Bekämpfung von Antibiotika-Resistenzen. Im Januar 2016 unterzeichneten mehrere Unternehmen im schweizerischen Davos Absichtserklärungen über Forschung, Zugang, angemessene Nutzung sowie Produktion und Umwelt in Bezug auf Antibiotika. Im Mai 2017 schließlich wurde auf dem G20-Treffen in Berlin mit der AMR Industry Alliance auch organisationsrechtlich ein Rahmen geschaffen, mit Sitz in Genf.

    Im Oktober 2017 fand das erste Treffen externer Berater der AMR Gruppe statt und im Januar 2018 legte die AMR ihren ersten Fortschrittsbericht vor. Darüber berichtete die „Pharma-Zeitung“ am 18. Januar 2018 wie folgt, bezogen auf das wichtigste Teilgebiet „Forschung und Wissenschaft“:

    „In dem Bericht wird das breite Engagement der Unternehmen für die Forschung im Jahr 2016 bestätigt. Im Jahr 2016 wurden mindestens zwei Milliarden US-Dollar in die Forschung und Entwicklung für AMR-bezogene Produkte investiert. Dies ist eine vorsichtige Berechnung, da nur von 22 Unternehmen Daten berücksichtigt wurden. Diese Investitionen decken die F&E-bezogenen Kosten für die Untersuchung neuer Produktklassen einer frühen Forschungs- und Entwicklungsphase, zehn Antibiotika in der späten klinischen Entwicklung, 13 klinische bakterielle Impfstoffkandidaten und 18 AMR-relevante Diagnostika sowie weitere präventive Therapien. Eine Mehrheit der Alliance-Unternehmen betrachtete F&E-Anreize entweder als „vielversprechend, aber noch in den Kinderschuhen“ oder als „im Hinblick auf die Herausforderung unzureichend“.

    Schon zu diesem Zeitpunkt wurde der eine oder andere Wissenschaftler und Wissenschaftsjournalist stutzig, dass bei der großen Zahl von weltweit agierenden Pharmaunternehmen mit entsprechenden Forschungskapazitäten innerhalb der AMR dennoch „nur“ zwei Milliarden US-Dollar in die Forschung und Entwicklung (F&E) von neuen Antibiotika gesteckt worden sein sollen. Im September 2018 legte die AMR eine „Liste der Freisetzungsziele bei der Herstellung von Antibiotika“ vor, die im März 2019 im Journal „Integrated Environmental Assessment and Management“ der „Society of Environmental Toxicology and Chemistry“ (Setac) veröffentlicht wurden. Wer den sogenannten Abstract dieses wissenschaftlichen Artikels liest, also die auf die wesentlichen Kernaussagen reduzierte Inhaltsangabe, wird einigermaßen irritiert feststellen, dass von der Erforschung neuer Antibiotika offenbar keine Rede ist:

    „2016 erklärten die Vereinten Nationen die Notwendigkeit dringender Maßnahmen zur Bekämpfung der globalen Bedrohung durch Antibiotikaresistenz (AMR). Zur Unterstützung dieser Bemühungen hat sich die Pharmaindustrie zu Maßnahmen verpflichtet, die darauf abzielen, den Umgang mit Antibiotika sowohl innerhalb als auch außerhalb der Klinik zu verbessern. Insbesondere arbeitete eine Gruppe von Unternehmen zusammen, um Bedenken in Bezug auf Antibiotikarückstände, die aus Produktionsstätten freigesetzt werden, gezielt auszuräumen. Zusätzlich zur Entwicklung eines Rahmens für minimale Umwelterwartungen für Antibiotikahersteller wurden wissenschaftlich fundierte Zielvorgaben für den Erhalt von Wasser für Antibiotika festgelegt, die aus Herstellungsbetrieben freigesetzt werden. Dieses Papier fasst den ganzheitlichen Ansatz zur Ableitung dieser Ziele zusammen und enthält zuvor unveröffentlichte, vom Unternehmen generierte Umwelttoxizitätsdaten.“

    Fast die Hälfte der Industrie-Allianz-Mitgliedsfirmen hat Antibiotika-Forschung eingestellt

    Die Sorge und die Entschlossenheit, darauf zu achten, dass keine Antibiotika-Rückstände nach der Produktion ins Abwasser und andere Umweltkreisläufe geraten, ist absolut lobenswert, aber neue Antibiotika sind damit natürlich nicht zu erwarten. Möglichweise hatten auch Journalisten des Norddeutschen Rundfunks (NDR) den Verdacht, dass damit auch nicht mehr bis zur Veröffentlichung des zweiten Fortschrittsberichtes der AMR Industrie-Allianz zu rechnen ist, der unverändert für den Januar 2020 geplant ist.

    Die NDR-Journalisten recherchierten und stellten fest, dass beinahe die Hälfte der Industrie-Allianz-Mitglieder überhaupt nicht mehr aktiv an neuen Antibiotika forscht. Die Großkonzerne Novartis und Sanofi schon seit 2018 nicht mehr, Astra Zeneca strich die entsprechenden Forschungen sogar schon Ende 2016, also lange vor der eigentlichen Gründung der Allianz im Mai 2017, der Astra Zeneca aber dennoch beitrat. Nun hat auch der Branchenprimus, der US-Konzern Johnson & Johnson, bestätigt, dass sich im Unternehmen „keine weiteren Antibiotika in der Entwicklung“ befinden.

    Als die AMR Industrie-Allianz geschmiedet wurde, forschten noch rund 50 der beteiligten Unternehmen an neuen Antibiotika. Nach den Erkenntnissen des NDR haben mindestens 20 davon zwischenzeitlich diese Forschungsprojekte eingestellt, vor allem die multinationalen Riesen der Branche. Von den mittelständischen Pharmaunternehmen in der Industrie-Allianz zu erwarten, die kostenintensive Forschung alleine zu stemmen, ist einigermaßen weltfremd.

    Kapitalistische Logik: Antibiotika bringen zu wenig Profit, also weg mit den Forschungsgeldern

    Denn gerade diese kleinen Unternehmen haben eben nicht das finanzielle Rückgrat, um so teure Forschung zu finanzieren. Das können nur die Großen der Branche. Oder korrekt müsste es heißen, das könnten sie, wenn sie denn wollten. Aber diese Pharmakonzerne haben neuerdings eine andere Priorität. Sie wollen vor allem Geld verdienen, nicht primär Menschenleben retten. Die einzigen Menschen, die sie glücklich machen wollen, sind ihre Anteilseigner, ganz unabhängig davon, ob darunter auch Menschen sind, deren Leben eventuell von wirksamen Antibiotika abhängt oder nicht. Das machte beispielsweise der Verwaltungsratschef des Pharmakonzerns Novartis, Jörg Reinhardt, sehr deutlich. Auf der Hauptversammlung des Schweizer Unternehmens, am 28. Februar 2019 in Basel, wurde er von der Vertreterin des Vereins „Actares“, der sich für nachhaltige Unternehmensziele von Weltkonzernen wie Novartis einsetzt, gefragt, warum der Konzern 2018 aus der Antibiotika-Forschung ausgestiegen sei.

    Reinhardts ehrliche Antwort:

    „Es ist richtig, dass wir ein Forschungsprogramm im Rahmen der Antibiotika-Forschung im Laufe des letzten Jahres eingestellt haben. Es war nur zum jetzigen Zeitpunkt unsere Perspektive, dass wir nicht genügend Fortschritt gemacht hätten, um ein Investment in diesem Bereich der Forschung weiter zu rechtfertigen, verglichen mit anderen Investments in anderen Forschungsbereichen, die wir machen.“

    Zur Einordnung dieser Aussage sollte erwähnt werden, dass Novartis nicht vor dem Kollaps und der Verarmung steht, weil er in die Antibiotika-Forschung investiert hatte. Kurz vor der Frage des Kleinaktionärs „Actares“ hatte Reinhardt stolz verkündet, dass Novartis 2018 einen Reingewinn von sage und schreibe 12,6 Milliarden US-Dollar gemacht habe. Bei einem Umsatz wohlgemerkt von 51,9 Milliarden US-Dollar! Eine Traumrendite. Kein Wunder, dass die Novartis-Aktie nur noch den Weg nach oben kennt, seit der Konzern bekanntgab, dass er die Antibiotika-Forschung aufgibt. Interessanterweise konnte Novartis in den zurückliegenden 15 Jahren seine Dividende ständig erhöhen. Trotz der teuren Antibiotika-Forschung.

    Oder vielleicht sollte man besser sagen, trotz der weniger profitableren Antibiotika-Forschung. Denn die neuen Antibiotika sollen ja ausdrücklich so sparsam wie möglich eingesetzt werden, als Reserven, wenn alle anderen versagen. Ein Horror für einen an möglichst hohen Umsätzen und damit Profiten interessierten Pharmakonzern wie Novartis oder die anderen großen multinationalen Akteure, die aber dennoch weiterhin Mitglieder der AMR Industrie-Allianz sind.

    Pharmaverband IFPMA verteidigt Forschungsrückzug der Großen

    Deren Chef, Thomas Cueni, der zugleich auch als Generaldirektor der IFPMA fungiert, der Internationalen Föderation der pharmazeutischen Produzenten und Vereinigungen, weiß selbstverständlich, dass die absurde Situation mit der Industrie-Allianz, die de facto kaum noch ihren Gründungsauftrag erfüllt, erklärungsbedürftig ist. Er verteidigt die Mitgliedsfirmen, die sich aus der Antibiotika-Forschung verabschiedet haben mit knallharter, kühler, kapitalistischer Logik. Im Gespräch mit dem NDR ist Cueni dankenswerter Weise genauso ehrlich wie Novartis-Chef Reinhardt in seiner Hauptversammlung. Cueni gibt also zu Protokoll:

    „Es ist kein Markt da. Ich kenne keine Firma, die gegenüber ihren Eignern verantworten kann, in Bereiche zu investieren, wo das einzige, was ich sicher weiß ist, nicht nur, dass ich ein sehr hohes Risiko habe, dass die Forschung nicht erfolgreich ist, sondern wenn sie erfolgreich ist, ist das Problem fast noch größer, weil ich dann noch weiter investieren muss  in Produktion, in Vertrieb, aber ich kriege kein Geld dafür.“

    Dass kein Markt da wäre für neue Antibiotika, ist natürlich schlicht falsch. Die Krankenhäuser und Ärzte rund um den Globus rufen händeringend nach neuen Antibiotika. Gesundheitspolitiker weltweit warnen davor, dass die nächste Epidemie mit multiresistenten Superkeimen zur Katastrophe werden kann, weil keine wirkungsvollen Antibiotika mehr zur Verfügung stehen. Kurz, es ist sehr wohl ein Markt da, nur eben keiner, der den Profiterwartungen bestimmter Unternehmen und ihrer Eigentümer entspricht. Und wenn man sich die Eigentümerstrukturen der großen Branchenvertreter ansieht, weiß man auch warum. Denn dort findet sich die gesamte Phalanx der Heuschrecken wieder, denen Menschenleben offenbar nur dann etwas wert zu sein scheinen, wenn sich daraus maximaler Profit generieren lässt. Auch in diesem Punkt ist IFPMA-Chef Thomas Cueni respekteinflößend aufrichtig:

    „Wenn wir durch all diese Hürden, über all diese Hürden, ein Medikament, ein neues Antibiotikum entwickelt haben, dann muss man auch bereit sein, dafür etwas zu bezahlen.“

    Eine Lösung für dieses Dilemma könnte sein, dass der Staat diese Aufgabe übernimmt, also die Forschung an neuen Antibiotika über die Universitäten und Hochschulen. Der Staat könnte aber auch anders steuernd eingreifen, beispielsweise indem er die exorbitanten Gewinne der Pharmaunternehmen abschöpft, die keine Antibiotika-Forschung mehr betreiben wollen, und dieses Geld jenen Unternehmen zur Verfügung stellt, die sich dieser für die Menschheit extrem wichtigen Aufgabe widmen. Dass sind, wenn die Recherchen des NDR sich tatsächlich bewahrheiten sollten, inzwischen vor allem klein- und mittelständische Unternehmen. Dann würde eine Stellungnahme des Parlamentarischen Staatssekretärs im Bundesforschungsministerium, Thomas Rachel (CDU) sogar einen maximalen Sinn ergeben, wonach sein Haus vor allem kleine und mittelständische Forschungsunternehmen unterstützen wolle, weil die großen Mitspieler sich zurückziehen.

    Vor dem Hintergrund der NDR-Recherchen und der Tatsache, dass die AMR Industrie-Allianz noch existiert, könnte es eine echte Offenbarung werden, mitzuerleben wie diese Allianz im Januar 2020 ihren zweiten Fortschrittsbericht formuliert, in dem es offenbar keine Fortschritte zu vermelden gibt. Eines gibt es aber zu vermelden. Nach Schätzungen von Wissenschaftlern, Medizinern und Gesundheitspolitikern könnte die Zahl der Toten durch unwirksame Antibiotika im Jahr 2050 die magische Marke von zehn Millionen durchbrechen. Damit würden Antibiotika-Resistenzen den Krebs als Todesursache überholen. Ob diese Prognose zu einem Umdenken in den Pharmakonzernen führen wird, kann niemand beantworten als die dortigen Manager und Eigentümervertreter selbst.

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    Tags:
    Profit, Investitionen, Entwicklung, Antibiotika, Pharma-Konzern