16:49 05 Dezember 2019
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    Tankstelle in Berlin (Archivbild)

    Schlag gegen Saudi-Öl: Rollt „Weltkrise“ auf Deutschlands Autofahrer zu?

    © AFP 2019 / LUKAS KREIBIG
    Wirtschaft
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    Wird das Tanken für deutsche Autofahrer nach den Drohnen-Angriffe auf saudische Öl-Anlagen teurer? Sputnik hat dazu den Rohstoff-Experten und Politologen Behrooz Abdolvand befragt. Er analysiert die aktuelle Situation und erklärt, wie Russland davon profitiert – und warum die Huthi-Rebellen „keine Hilfe aus dem Iran“ für ihre Aktionen brauchen.

    Der aus dem Iran stammende Rohstoff-Analytiker, Energie-Experte und Politologe Behrooz Abdolvand gab im Sputnik-Interview Entwarnung angesichts aktueller Krisenentwicklungen im Nahen Osten und in Saudi-Arabien.

    „Ich erwarte keine großen Turbulenzen“, sagte er. „Aber diese politischen Scharmützel (in Saudi-Arabien, Anm. d. Red.) werden dazu führen, dass der Öl-Preis sich nach oben bewegt. Die Profiteure dieser Entwicklung sind allen voran die USA und Russland.“ Die russische Ölwirtschaft, die stark vom Erdöl-Export abhängig sei, würde folglich von steigenden Öl-Preisen auf dem Weltmarkt profitieren.

    Zuvor hatte ein großer deutscher TV-Nachrichtensender berichtet, dass nach den Drohnen-Angriffen auf saudische Öl-Anlagen möglicherweise eine neue weltweite „Ölkrise“ drohe. Die saudische Ölindustrie sei am Wochenende „auf beispiellose Weise attackiert“ worden, hieß es. In der weltgrößten Ölraffinerie Abkaik am Persischen Golf und im östlich gelegenen Churais-Ölfeld, dem zweitgrößten Fördergebiet des Landes, schlugen Drohnen und „mehrere Raketen in Anlagen des staatlichen Ölriesen Aramco ein“. Die Hälfte der saudischen Ölförderung – das sind etwa 5,7 Millionen Barrel – sei seitdem außer Betrieb. Das entspreche rund fünf Prozent des globalen Ölangebots überhaupt. Nicht einmal der Terrororganisation „Al-Kaida“ sei es je zuvor gelungen, Ölanlagen am Golf „in solchem Umfang“ zu treffen.

    „Neben Saudi-Krise Gründe für Entspannung beim Öl“ – Experte

    „Wir befinden uns Anfang Herbst und gehen Richtung Winter“, erklärte Rohstoff-Experte Abdolvand, der ebenso Managing Director der „DESB GmbH“ in Potsdam ist. „Das Wetter wird in Europa und Nordamerika kälter. Das alles deutet daraufhin, dass sich der weltweite Energieverbrauch steigern wird.“

    Die Öl-Förderungs- und Verarbeitungsanlagen der „Saudi-Aramco“-Gesellschaft im saudischen Wüstenkönigreich haben laut dem Erdöl-Analytiker durch die Drohnen-Angriffe einen Ausfall von fünf Millionen Barrel Öl zu beklagen. „Das hat eine immense Bedeutung. Aber andererseits sollte man auch andere Faktoren berücksichtigen: Die Weltwirtschaft stagniert langsam und dadurch wird der Bedarf an Öl wohl verhältnismäßig niedriger. Gleichzeitig bringen erhöhte Öl-Preise in dieser Form die US-amerikanischen Investoren dazu, mehr in Schieferöl und Schiefergas zu investieren. Deswegen denke ich, dass sich der Öl-Markt gut ausgleichen kann. Insbesondere, wenn man die strategischen Öl-Reserven der OSZE-Staaten betrachtet.“

    Der Experte glaubt nicht, dass die aktuellen Vorgänge in Saudi-Arabien zu weltumspannenden Erdöl-Krisen führen werden, wie sie in den 1970er und 80er Jahren zu beobachten waren. „Obwohl Akteure wie die USA (als Schutzmacht Saudi-Arabiens, Anm. d. Red.) Drohgebärden von sich geben, bräuchte man für eine solche globale Krise einen viel größeren Konflikt im Nahen Osten. Keiner der Akteure hat ein Interesse an einer Eskalation der jetzigen Situation. Zudem profitiert der US-Ölsektor von der jetzigen Situation (dem Öl-Preishoch, Anm. d. Red.). Daher denke ich, dass man sehr gelassen mit der Situation umgeht.“

    Was bedeutet das für deutsche Tankstellen?

    „Wenn der Öl-Preis nach oben geht, werden auch die Preise für Ölprodukte steigen“, analysierte er. Insbesondere die saudischen Raffinerien, die vom Angriff betroffen waren, würden verschiedene Produkte aus und mit Öl für den Weltmarkt produzieren. „Darunter auch Benzin.“

    Die jetzige Krisenerscheinung werde wohl auch dazu führen, dass „der Sprit sich preislich nach oben bewegt. Ich sehe diese leichte Tendenz mittelfristig.“ Kurzfristig könnten laut ihm strategische Öl-Reserven helfen, die Ausfälle zu überbrücken und so den Öl-Preis stabil halten. „Deswegen erwarte ich keine drastischen Sprit-Reduzierungen im Markt. Aber mittel- bis langfristig muss man auf der Hut sein.“

    USA: „Angriffe wurden vom Iran unterstützt“ – Experte stellt klar

    Wer den Herrschern in Saudi-Arabien schaden wolle, der attackiert „ihre wichtigste Einnahmequelle: das Öl.“ Das berichtete das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ am Montag. „Der Drohnenangriff gegen die wichtigste Ölfabrik im Osten des Landes (…) ist deshalb weit mehr als nur ein überraschender militärischer Erfolg. Die Attentäter demonstrierten vor aller Welt die überraschende Verwundbarkeit des weltweit größten Ölexporteurs und wichtigsten Alliierten der USA am Golf: Saudi-Arabien.“

    Der iranisch-stämmige Rohstoff-Analytiker und Politologe Abdolvand kommentierte im Interview den Vorwurf der US-Regierung, die Huthi-Rebellen aus dem Jemen hätten bei ihren Drohnen-Angriffen direkte Unterstützung aus dem Iran erhalten:

    Dass es die Huthi-Rebellen mit „ihren begrenzten Mitteln“ geschafft haben, Öl-Anlagen in Saudi-Arabien zu treffen, sei keine wirkliche Überraschung, so seine Einschätzung. „Meines Erachtens ist es relativ einfach, Raffinieren mit solchen Mitteln (wie Drohnen, Anm. d. Red.) zu Fall zu bringen. Insbesondere hat man es in Raffinerien mit hochexplosiven Stoffen zu tun, die unter großem physischen Druck stehen.“ Daher reiche auch ein leichter Angriff, um chemische Reaktionen hervorzurufen. „Für das, was geschehen ist, braucht man keine komplizierte Technik. Man braucht nur Drohnen, die unter dem Radarschirm fliegen. Saudi-Arabien ist ein flaches Land. Dort ist es sehr leicht, Drohnen unter dem Radar bis zum Ziel fliegen zu lassen. Das ist eine sehr einfache Technik, die verwendet worden ist. Dazu braucht man keine ausländische Unterstützung.“

    Idee für mehr Sicherheit: „Eine OSZE im Nahen Osten“

    Die politische Führung des Irans wehrt sich laut internationalen Medienberichten ebenfalls heftig gegen die Anschuldigungen aus Washington. Nur weil US-Außenminister Mike Pompeos Strategie des „maximalen Druckes“ gegen Teheran versagt habe, versuche er es jetzt mit „maximaler Täuschung“, verkündete der iranische Außenminister Mohammed Sarif am Montag auf Twitter.

    Auf lange Sicht plädiert der iranisch-deutsche Rohstoff-Experte Abdolvand ohnehin seit Jahren für eine neue Sicherheitsorganisation im Nahen Osten. Im Interview nannte er es eine „OSZE für den Nahen Osten“. Eine solche zwischenstaatliche Organisation für Zusammenarbeit und Sicherheit könne in der Region staatliche und paramilitärische Konflikte durch multilaterale und diplomatische Ansätze überwinden helfen.

    Zudem haben laut ihm „Russland und China klar und deutlich sehr deeskalierend in der jetzigen Situation reagiert“, auch über die „Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit“ (SCO). Denn die „Arabische Liga“, in der auch Riad und der Jemen Mitglieder sind, habe aus seiner Sicht schon lange keinen politischen Einfluss mehr und sei lediglich „ein Papiertiger und eine lahme Ente“.

    Das Radio-Interview mit Dr. Behrooz Abdolvand zum Nachhören:

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    Tags:
    Erdöl, Benzin, Benzinpreise, Drohnenangriff, Saudi Aramco, Saudi-Arabien, Deutschland, Iran