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10:57 13 November 2019
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    Spezialschiff Castoro 10 mit einer Verbindungsschweißnaht über Wasser (AWTI)

    Dramatische Versorgungslücke: Europa drängt auf Fertigstellung von Nord Stream 2

    © Foto: Nord Stream 2 / Axel Schmidt
    Wirtschaft
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    Europa mangelt es massiv an Gas – knapp 300 Mrd. Kubikmeter Gas pro Jahr können in der Zukunft fehlen, warnte Uniper-Chef Andreas Schierenbeck. Neben Pipeline-Gas wollen die Europäer sich auch mit Flüssiggas aus Russland versorgen.

    Experten raten deshalb auch, dass die Nord-Stream-2-Pipeline schnellstmöglich in Betrieb gehen muss.

    Gasvorräte gehen zu Neige

    Im vergangenen Jahr brauchte Europa 390 Mrd. Kubikmeter Importgas. Die Hälfte wurde durch Russland abgedeckt – Gazprom lieferte die Rekordmenge von 201,7 Mrd. Kubikmeter. Mit der Inbetriebnahme der Nord-Stream-2-Pipeline mit einer Kapazität von 55 Mrd. Kubikmeter pro Jahr würde der Export bedeutend zunehmen.

    Wie Uniper-Chef Andreas Schierenbeck allerdings anmerkte, würde selbst die Nord-Stream-2-Pipeline die wachsende Nachfrage in Europa nicht abdecken. Ihm zufolge wird der Gasmangel in Europa in der Zukunft bei 300 Mrd. Kubikmetern pro Jahr liegen.

    Der Gasmangel ist primär nicht auf den Anstieg des Gasverbrauchs, sondern auf die ständige Senkung der eigenen Fördermengen in Europa zurückzuführen. Im niederländischen Groningen, auf das ein Sechstel der gesamten Gasförderung in der EU entfiel, werden die Bohrinseln stillgelegt, die endgültige Schließung des Vorkommens wurde von 2030 auf 2022 vorverlegt.

    Auch Dänemark drosselt die Fördermengen. Das Vorkommen Tyra wurde eingestellt, derzeit kauft Dänemark Gas bei Deutschland. Wie Danmarks Radio berichtet, sei man dadurch von Russland abhängig, weil die Deutschen den Kraftstoff von den Russen bekämen. Analysten zufolge werden die Dänen innerhalb eines Monats grünes Licht für Nord-Stream-2 geben, sonst würde Kopenhagen auf millionenschwere Klagen der Pipeline-Betreiber stoßen.

    „Zudem ist ein Rückgang der Förderung und der Gaslieferungen aus Norwegen und Großbritannien zu erkennen“, so der Uniper-Chef. Es entsteht ein ziemlich großer Unterschied zwischen Nachfrage und Angebot. Deswegen würde Europa bald mehr Pipeline-Gas und Flüssiggas (LNG) brauchen.

    Experten schließen nicht aus, dass diese Erklärungen neben der Erwartung einer schnelleren Fertigstellung der Nord-Stream-2-Pipeline einen Versuch darstellen, die Amerikaner zu beruhigen, die den europäischen Markt mit eigenem Flüssiggas beliefern wollen. Washington behindert via Verbündete umfassend den Bau der russischen Pipeline unter Umgehung der Ukraine, droht mit Sanktionen für die Projektteilnehmer.

    Ohne Wahl

    Trump zeigt sich empört: Deutschland wolle 60 bis 70 Prozent der Energie aus Russland beziehen, rechnet aber zugleich damit, dass Washington die Deutschen weiter vor der „Bedrohung aus dem Osten“ schützen wird.

    Daraufhin äußerte Berlin die Bereitschaft, einige LNG-Terminals zu bauen. „Man will dort Washington zeigen: Wir werden Gas auch bei euch als dem größten Nato-Verbündeten kaufen. Doch die alten Verträge werden nicht zurückgezogen“, so Igor Juschkow vom Fonds für nationale Energiesicherheit.

    Allerdings wird im deutschen Außenministerium weiterhin betont, dass US-Flüssiggas die deutschen Verbraucher fast 30 Prozent mehr als russisches Pipeline-Gas kosten würde. Mit dem Bau der LNG-Terminals wurde bislang nicht begonnen.

    Wie die deutsche Zeitung „Handelsblatt“ schreibt, würde der Bau der Terminals ohnehin vorteilhafter für die Russen als für die Amerikaner sein, denn Russland sei nach Katar der zweitwichtigste Flüssiggaslieferant für Europa. Erst darauf folgen die USA auf Platz drei.

    Laut EU-Richtlinien muss jedes Land über drei Lieferquellen verfügen. Bei Deutschland sind es Rohrgas aus Russland und Norwegen sowie ein LNG-Terminal. Allerdings muss das Flüssiggas für dieses Terminal nicht unbedingt aus den USA stammen.

    Die aktuelle Situation auf dem europäischen LNG-Markt zeigt eindeutig, dass eine spürbare Erhöhung der Lieferungen vor allem durch Russland gewährleistet werden kann. Es gibt fast keine alternativen Quellen. Norwegen ist dazu fast nicht mehr imstande – wegen der zur Neige gehenden Vorkommen in der Nordsee.

    „Die Norweger müssen nördlicher gehen – ins Norwegische Meer und in die Barentssee. Doch sie beeilen sich nicht, denn bei den jetzigen Gaspreisen würden die neuen Projekte in den hohen Breiten sich einfach nicht rentieren“, so Juschkow.

    Auch Algerien kann seine Exportmengen nicht erhöhen, weil der innere Verbrauch im Lande rapide zunimmt. In diesem Jahr, erstmals seit fast 40 Jahren stieg diese Kennzahl auf mehr als 50 Prozent. Dabei brachten die Vorkommen in den ersten sechs Monaten dieses Jahr acht Prozent weniger Gas. Im Ergebnis verliert Algerien seine Rolle als wichtiger Lieferant für die Europäer – die Exporte fielen fast um 20 Prozent auf 20,5 Mrd. Kubikmeter.

    Es bestehen große Zweifel daran, dass die Europäer bei Fragen der Gasversorgung sich weiterhin nach politischen Gründen zum Nachteil ihrer Wirtschaftsinteressen richten und den Ausbau der russischen Gaslieferungen aus Russland verhindern werden.

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    Tags:
    LNG, Pipeline, Gas, Lieferung, Nord Stream 2, Europa, USA, Russland