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10:36 13 November 2019
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    Ein Junge mit einem „Kettcar“ bei einer Spielwarenmesse (Archiv)

    Aus für „Kettcar“ – aber nicht für die Band aus Hamburg

    © AFP 2019 / CHRISTOF STACHE
    Wirtschaft
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    Kettler, der vor allem in Westdeutschland bekannte Hersteller von Tretautos mit dem Markennamen „Kettcar“, muss endgültig seinen Betrieb einstellen. Nach mehreren Insolvenzverfahren erklärte der letzte Eigentümer nun, die Produktion in Deutschland sei nicht mehr profitabel.

    Kettler wurde zusammen mit der Bundesrepublik gegründet. Und über viele Jahre galt das von Heinz Kettler in der kleinen nordrhein-westfälischen Gemeinde Ense gegründete  Unternehmen als ein Musterbeispiel für das Wirtschaftswunder. Die Firma stellte Gartenmöbel und Spielzeug her, aber vor allem einen Sportartikel, der einen Eigennamen haben sollte, der für immer mit dem Namen Kettler verbunden bleiben wird: Die 1962 zum ersten Mal vorgestellten Tretwagen der Marke „Kettcar“ kennt in der alten Bundesrepublik wahrscheinlich jedes Kind aus eigener Nutzung, in der DDR waren sie Sehnsuchtsobjekte.

    Vier Kettler-Werke bauten in der Nachbarschaft von Ense die Kettcars in ihrer Blütezeit. Das Unternehmen hatte Zweigstellen in Westeuropa und den USA. Doch ein Schicksalsschlag hat möglicherweise den Niedergang der Firma eingeläutet, ohne dass dies seinerzeit wirklich so auffiel. 1981 kam Kettlers Sohn bei einem Autounfall ums Leben. Er sollte eigentlich seinen Vater beerben und die Firma weiterführen. Doch das Unglück veränderte alle Pläne. Heinz Kettler musste weit über seine eigenen Vorstellungen hinaus das Unternehmen leiten. Erst mit seinem Tod 2005 wurde die nächste Generation ans Ruder gelassen, Kettlers Tochter. Da ging es der Firma schon nicht mehr so hervorragend wie in den ersten Jahrzehnten der sogenannten Wirtschaftswunderjahre. Und Karin Kettler war als ausgebildete Biologin nicht unbedingt die Idealbesetzung für die Leitung eines solchen Unternehmens.

    Und als ob ein Fluch über der Familie lastete, auch Karin Kettler kam wie ihr Bruder bei einem Autounfall ums Leben. Das Drama im März 2017 hat dem Unternehmen Kettler sicherlich nicht den entscheidenden Todesstoß versetzt, aber eine denkbar schlechte Aura verpasst. Karin Kettler hatte sich jahrelang tapfer gegen das unrühmliche Ende des Aufbauwerkes ihres Vaters zur Wehr gesetzt. Aber sie machte, nach übereinstimmender Einschätzung von Fachleuten, schwere Strategie-  und Marketingfehler. 2015/2016 musste sie Insolvenz in Eigenverwaltung beantragen, die Firma wurde an eine Einkaufsgenossenschaft verkauft. Das Unternehmen konnte als Familienbetrieb nicht gerettet werden. Obwohl die Landesregierung Nordrhein-Westfalen mit einer Bürgschaft für das berühmte Traditionsunternehmen zur Hilfe kam. Obwohl Karin Kettler eigenes Vermögen beisteuerte und die Firmenleitung abgab.

    Es wurde ein quälend langes öffentliches Sterben. Im Juli 2018 der nächste Insolvenzantrag. Im Dezember 2018 kaufte ein sogenannter Finanzinvestor die Firma Kettler. Die „Lafayette Mittelstand Capital“ versprach, 500 Menschen in dem Unternehmen weiter Brot und Lohn geben zu wollen. Sechs Monate später mussten Tochtergesellschaften Insolvenz in Eigenregie anmelden. Die „Lafayette Mittelstand Capital“ erklärte, sie habe Kettler aus einem laufenden Insolvenzverfahren übernommen: „Es stellte sich jedoch heraus, dass die Möglichkeiten im vorherigen Verfahren nicht hinreichend genutzt wurden und nicht alle Aufgaben in der Kürze der Zeit ausreichend erledigt werden konnten, um Kettler zukunftsfähig aufzustellen.“

    Erneut versprachen die Manager, nun aber „mit geeigneten Maßnahmen nachhaltig zu sanieren“. Keine vier Monate später nun das endgültige Aus. Diesmal klangen die Erklärungen ziemlich kapitalistisch ehrlich. Die Produktion von Kettler sei in Deutschland einfach nicht mehr profitabel.

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    Tags:
    Kettcar, Kettler, Deutschland, BRD