11:35 15 November 2019
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    Börse in Frankfurt am Main (Archiv)

    Deutschlands Wirtschaft schwächelt: Vorbote einer neuen Finanzkrise?

    © AFP 2019 / ARNE DEDERT
    Wirtschaft
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    Deutschland ist im Ranking des WEF um vier Ränge auf den siebten Platz abgestürzt. Die Konjunkturschwäche sind die „Vorwehen“ des großen Finanzcrashs sagt der Ökonom und Finanzexperte Marc Friedrich im Sputnik-Interview.

    Der „Global Competitiveness Report“ des World Economic Forum (WEF) gilt als wichtiger Gradmesser für die Wettbewerbsfähigkeit von Staaten. In der Spitzengruppe ist es allerdings selten, dass ein Land gleich um vier Ränge abstürzt. Doch Deutschland hat beim globalen Wettbewerbswert des WEF einen Punkt auf 81,8 Zähler eingebüßt und fällt somit auf Platz sieben. Gleichzeitig haben andere Länder aufgeholt. Hongkong hat sich beispielsweise um 0,9 auf 83,1 Punkte verbessert. Trotz der Proteste schafft der Stadtstaat damit den Sprung auf den dritten Rang. Singapur konnte seinen Wettbewerbswert gleich um 1,8 auf 84,8 Punkte erhöhen und hat damit die USA von der Spitzenposition verdrängt.

    Deutsche Wirtschaft „im Niedergang“

    „Es ist schon ein Indikator wohin die Reise geht“, sagt der Ökonom und Finanzexperte Marc Friedrich. „Deutschland ist – das habe ich auch in meinem neuen Buch geschrieben – auf dem absteigenden Ast und befindet sich im Niedergang. Das sehen und spüren wir ja an allen Ecken und Enden. Nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch und gesellschaftlich.“

    Die deutsche Wirtschaft sei in vielen Bereichen nicht mehr kompetitiv – nicht mehr wettbewerbsfähig, meint Friedrich. Dem wichtigsten Steuereinbringer, der Automobilbranche, habe man viele Steine in den Weg gelegt, „nicht nur wegen den Skandalen sondern auch von politischer Seite aus“. Unter der globalen Rezession leide die Wirtschaft des exportstarken Deutschlands am meisten. Durch den billigen Euro wurden viele deutsche Produkte weltweit verkauft. Wegen der sinkenden Nachfrage stürzt Deutschland weiter ab.

    Weltwirtschaft im „monetären Endspiel“

    Insgesamt schlägt der Report in diesem Jahr einen pessimistischen Unterton an. Obwohl die globalen Notenbanken seit der Finanzkrise insgesamt zehn Billionen Euro in die Märkte gepumpt hätten, seien die meisten Volkswirtschaften noch immer in einem Zyklus von niedrigem oder flachem Produktivitätswachstum gefangen, monieren die Autoren des WEF-Rankings.

    Der selbsternannte „Querdenker“ Friedrich sieht die Weltwirtschaft im „monetären Endspiel“ und „am Ende eines Zyklus“. Die Rezession 2008 habe man weggedruckt. Nun sei man aus der „Boom-Phase“ rausgetreten und komme in eine Rezession. Die Probleme von 2008 habe man aber nicht gelöst, moniert Friedrich sondern lediglich mit viel billigem Geld in die Zukunft verschoben. Das habe zehn Jahre hervorragend geklappt, aber jetzt brechen diese Probleme „mit noch größerer Wucht wieder auf, weil sie sich halt potenziert haben“. Friedrich zählt auf: 250 Billionen Dollar weltweite Verschuldung, Banken, die keine gesunden Bilanzen haben und „schon wieder beträchtlich wanken“. Natürlich hätten wir „viele Leichen im Keller, in der Politik, aber auch bei den Bankhäusern“. Das alles summiere sich zu einer großen Krise.

    Nicht die Frage ob, sondern wann der „große Knall“ kommt

    Nun habe man aber keine Munition mehr, weil die Europäische Zentralbank (EZB) immer noch bei null Prozent sei, die Notenbanken weltweit im niedrigen Prozentbereich, sogar die FED, die US-Notenbank habe es auch nur auf knapp 2,5 Prozent geschafft. Der Ökonom kritisiert weiter:

    „Wir haben 15 Prozent Zombieunternehmen in der Eurozone. Wenn die kein billiges Geld haben, und keine Kredite bekommen, dann werden die umkippen, natürlich einen Lawinen- und Dominoeffekt auslösen und andere Unternehmen, aber natürlich auch Banken mit runterreißen. All das summiert sich zusammen und jetzt hat man aber einfach keine Instrumente mehr. Wir befinden uns tatsächlich im monetären Endspiel. Es ist jetzt nicht die Frage ob, sondern wann uns das Ganze um die Ohren fliegt.“

    Ob es jetzt schon demnächst zum „großen Knall“ komme, kann Friedrich nicht prognostizieren. Aber in den nächsten Jahren werde es massive Verwerfungen geben, das sehe man überall:

    „Jetzt haben wir eine globale Krise, keine Rezession die nur auf Europa oder auf Deutschland  beschränkt ist, sondern jetzt haben wir wirklich globale Probleme, globale Rezession, globaler Abschwung und das wird alle treffen.“
    Das System mit mehr Geld retten?

    Die neue Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Kristalina Georgiewa, hatte wegen der schwächelnden Konjunktur die Bundesregierung aufgerufen, mehr Geld auszugeben. Verstärkte staatliche Investitionen vor allem in die Infrastruktur sowie in Forschung und Entwicklung würden dazu beitragen, „die Nachfrage und das Wachstumspotenzial“ anzukurbeln.

    Geldpakete und Investitionen in die Infrastruktur würden die Volkswirtschaft immer stimulieren, kommentiert Friederich. Es müsse aber nachhaltiges Wachstum sein, und das sehe er momentan nicht. Nach zehn, elf boomende Rekordjahren mit Rekordsteuereinnahmen stehe man jetzt wieder genauso da wie 2008. Man habe aus der letzten Krise nichts gelernt und sich vielleicht ein bisschen Zeit erkauft. Friedrich fordert aber endlich die grundlegenden Probleme anzugehen. Er warnt:

    „Wir müssen endlich dieses System reformieren. Wir müssten die Ursachen der Problematik und der immer wieder wiederholenden Krisen angehen. Aber da traut sich keiner ran. Wir haben 2008 ein Medikament versucht: niedrige Zinsen und viel billiges Geld. Jetzt will man das Gleiche mit einer höheren Dosis versuchen. Aber das Medikament, welches schon beim ersten Mal nicht richtig funktioniert hat, wird mit einer noch höheren Dosis definitiv keine Heilung bringen, sondern nur noch mehr Nebenwirkungen. Das wird den Kollateralschaden für uns alle massiv erhöhen.“

    Das neue Buch von Marc Friedrich und Matthias Weik „Der grösste Crash aller Zeiten – Wirtschaft, Politik, Gesellschaft. Wie Sie jetzt noch Ihr Geld schützen können“ erscheint am 31.Oktober im Eichborn Verlag.

    Das komplette Interview mit Marc Friedrich zum Nachhören:

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    Tags:
    Prognose, Rezession, Finanzsystem, Deutschland