20:31 14 November 2019
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    Rente (Symbolbild)

    Rente erst mit 70? – Scharfe Kritik: „Eiskalte Kürzungen und weltfremd“

    CC0 / Pixabay/Frantisek Krejci
    Wirtschaft
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    Die Deutsche Bundesbank fordert laut Medien, dass Arbeitnehmer in Deutschland bald solange arbeiten sollen, bis sie über 69 Jahre alt sind. Nur so könnten langfristig „Beitragssätze, Bundeszuschüsse und das Versorgungsniveau geschont werden“, so die Bundesbanker. Scharfe Kritik an den Plänen üben Gewerkschaften, Sozialverbände und Politiker.

    Die Deutsche Bundesbank mit Hauptsitz in Frankfurt/Main fordert aktuell, bis zum Jahr 2070 das Renteneintrittsalter für deutsche Arbeitnehmer „parallel zur steigenden Lebenserwartung“ zu erhöhen. Das berichten aktuell mehrere Medien.

    Die Bundesbank habe „zur Bewältigung der demografischen Herausforderungen vorgeschlagen, das Rentenalter bis 2070 auf 69 Jahre und vier Monate anzuheben.“ Damit solle verhindert werden, dass das Rentenniveau künftig zu tief sinke. Das meldete am Dienstag die „Tagesschau“.

    Die aktuell gültige Vorausberechnung der Bundesregierung für die Rente ende im Jahr 2032. Ab dann sollte laut Experten der Bundesbank „das gesetzliche Renteneintrittsalter jährlich um rund einen dreiviertel Monat steigen.“ So würden Versicherte in Zukunft zwar länger arbeiten müssen, aber sie würden auf der anderen Seite aufgrund der höheren Lebenserwartung „auch länger Rente beziehen“. Nur mit dieser Maßnahme würde das Rentenniveau langfristig nicht zu stark sinken, so die Überlegung der Bundesbanker. Das Gleichgewicht bliebe damit erhalten und Sozialkassen würden entlastet.

    Bundesbank warnt vor „regelrechtem Absturz“

    „Die Bundesbank hat vorausberechnet, wie sich nach derzeitiger Gesetzeslage Beitragssätze, Bundeszuschuss und Versorgungsniveau entwickeln werden“, berichtete am Dienstagvormittag die Zeitung „Die Welt“. In den nächsten Jahrzehnten werde es demnach „sogar zu einem regelrechten finanziellen Absturz kommen. Bis 2070 werde der Beitragssatz von heute 18,6 auf 26 Prozent steigen, der Bundeszuschuss werde sich um etwa die Hälfte erhöhen und trotzdem werde das Versorgungsniveau um fast 17 Prozent sinken.“ Daher sei aus Sicht der Bundesbank eine Erhöhung des Renteneintrittsalters unumgänglich.

    Laut Bundesbank haben sich bereits globale Finanz-Organisationen wie der Internationale Währungsfonds (IWF) oder die OECD für eine Erhöhung des Rentenalters in Deutschland ausgesprochen.

    Arbeiten bis 2070?

    Am härtesten treffe es den Jahrgang 2001, sollten die Bundesbank-Forderungen umgesetzt werden. Das kommentiert der „SWR“ in einem aktuellen Beitrag:

    „Wer ab dem Jahr 2001 geboren ist, den träfe das Maximum: Er dürfte erst um das Jahr 2070 in Rente gehen. Nur so, glaubt die Bundesbank, werde das Rentenniveau – ein statistischer Durchschnittswert, der das Verhältnis zwischen Rente und Lohn beschreibt – langfristig nicht zu stark absinken. Derzeit ist geplant, dass das gesetzliche Rentenalter bis zum Jahr 2031 auf 67 Jahre steigt.“

    Die FDP unterstützt Medienberichten zufolge den Vorschlag und bezeichnete ihn als „wichtigen Impuls in der Debatte um Generationengerechtigkeit.“ Auch der Arbeitgeberverband „Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände“ (BDA) befürwortet die Bundesbank-Forderungen. „Die hinzugewonnene Lebenserwartung muss auch zu einer längeren Erwerbsphase führen und darf nicht nur einen immer längeren Ruhestand bedeuten“, sagte ein BDA-Sprecher laut dem SWR.

    „Schon Rente mit 67 war Fehler“ – Kritik an Vorschlägen

    Scharfe Kritik an den Vorschlägen äußert aktuell der „Deutsche Gewerkschaftsbund“ (DGB). Er lehne die Idee der Bundesbank, das Rentenalter auf fast 70 Jahre anzuheben, vollkommen ab. Bereits die Rente mit 67 sei ein Fehler gewesen, urteilte DGB-Vorstand Annelie Buntenbach gegenüber der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Der neue Vorschlag sei eine geplante „eiskalte Rentenkürzung“.

    Die Realität sehe doch heute bereits so aus: Viele ältere Arbeitnehmer würden schon jetzt das gesetzliche Rentenalter nicht erreichen, weil sie vorher arbeitslos oder krank würden. „Wer also das Renteneintrittsalter anhebt, kürzt all diesen Menschen eiskalt die Rente“, so die DGB-Sprecherin. Bereits heute würden viele ältere Arbeitnehmer nicht das gesetzliche Rentenalter erreichen. „Sie werden oft vorher arbeitslos oder chronisch krank und retten sich nach Bezug von Arbeitslosengeld I und II oder Krankengeld nur mit Mühe in eine vorgezogene Altersrente mit Abschlägen.“ Wer schwer arbeite, habe ein höheres Sterblichkeitsrisiko als der Durchschnitt aller Erwerbstätigen.

    Auch der „Verband der Kriegsgeschädigten, Kriegshinterbliebenen und Sozialrentner Deutschlands“ (VdK) kritisiert die neuen Bundesbank-Vorschläge. Der Sozialverband fordere stattdessen seit Langem tiefgreifende und strukturelle Rentenreformen gemäß dem Motto „Gerechtere Rente für alle“. Das berichtete die in Würzburg ansässige „Mainpost“ am Montag. 

    Bereits seit Jahren kritisiert der VDK geplante Anhebungen des Rentenalters. Der Sozialverband ist laut Eigenaussage „für Ältere ein kompetenter Ratgeber im Rentenrecht“. Auch der „Sozialverband Deutschland“ (SoVD) bemängelt seit Jahren Pläne zur Anhebung des Renteneintrittsalters als „nicht sozial verträglich“.

    Kritische Stimmen aus Politik an Bundesbank-Ideen

    Das SPD-geführte Bundesarbeitsministerium kritisiert laut Medien, dass die langfristigen Berechnungen der Bundesbank mit hohen Unsicherheiten behaftet seien. Das Ministerium verweise auf die Kommission „Verlässlicher Generationenvertrag“, die die Bundesregierung eingesetzt hatte. Die Kommission soll bis März 2020 Vorschläge für eine langfristige Reform der Rentenversicherung vorlegen. „Ein höheres Renteneintrittsalter halte ich für falsch“, zitierte das „Handelsblatt“ zu Beginn der Woche die SPD-Fraktionsvize im Deutschen Bundestag, Katja Mast.

    Kritik komme auch aus der Opposition im Bundestag:

    „Die Forderung der Bundesbank ist weltfremd und nur eine versteckte Rentenkürzung“, so Fabio De Masi, Vize-Vorsitzender der Linken im Bundestag. Stattdessen brauche es ein Rentensystem, in das alle einzahlen, auch Selbstständige und Politiker. Zudem müssten die Löhne mit der Produktivität wachsen, dann stiegen auch die Beiträge ins Rentensystem. „Die Rentendebatte ist daher zuweilen hysterisch“, kritisierte er.

    Selbst aus Reihen der Regierungspartei CDU seien kritische Töne zu hören. CDU-Politiker Peter Weiß, Vorsitzender der Arbeitsgruppe „Arbeit und Soziales“ der Unionsfraktion im Bundestag, plädiere für eine Kombination von Rente und Berufstätigkeit. Das Renteneintrittsalter solle sich zudem nicht an fixen Zahlen orientieren, forderte er. Mehr Flexibilität sei gefragt.

    Bisher sind kommentierende Stimmen dazu aus der AfD sehr spärlich gesät. „Die AfD schließlich hat kein Rentenkonzept“, schreibt die „Welt“. Allerdings teilte AfD-Fraktionschefin Alice Weidel am Dienstag in einer Pressemitteilung mit, die der Redaktion vorliegt: „Die Folgelasten dieser Fehlentscheidungen werden die kommenden Generationen mit massiven Wohlstandsverlusten und künftige Rentner mit sprunghaft steigender Altersarmut bezahlen.“

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    Tags:
    Erhöhung, Kritik, Rente, Bundesbank, Deutschland