06:24 18 November 2019
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    Vor dem Schweißen müssen die beiden überlappend liegenden Rohrenden eines Stranges der Nord Stream 2-Pipeline durch das Verlegeschiff angehoben und zugeschnitten werden

    Nord Stream 2 als Bedrohung? Deutscher Experte widerlegt Befürchtungen

    © Foto: Nord Stream 2/Axel Schmidt
    Wirtschaft
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    Das Ringen um Europas Energie – Alles Wichtige zu Nord Stream 2 (60)
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    Die internationale Pipeline Nord Stream 2 befindet sich trotz des erheblichen Widerstandes einiger europäischer Länder und der USA im Bau und soll bald russisches Gas direkt und sicher nach Deutschland bringen. Zugleich werden verschiedene Befürchtungen rund um das Projekt verbreitet. Ein deutscher Experte hat nun mehrere dieser Ängste widerlegt.

    In einem Gastbeitrag für das „Hamburger Abendblatt“ hat sich Prof. Dr. Lüder Gerken, Vorsitzender der Stiftung Ordnungspolitik und des Centrums für Europäische Politik in Freiburg im Breisgau, der Befürchtungen rund um die Pipeline Nord Stream 2 angenommen.

    Gleich zu Beginn seines Kommentars betont Gerken, es sei falsch, dass die EU-Kommission versuche, die Leitung Nord Stream 2 zu verhindern.

    Die Kommission begründe ihren Kampf gegen Nord Stream 2 damit, dass die Pipeline die europäische Energie- und Versorgungssicherheit stören werde.

    Zwei Argumente würden dabei besonders häufig angeführt:

    • Europa werde durch Nord Stream 2 in eine zu große Abhängigkeit von russischem Gas gelangen und
    • Staaten wie Polen würden durch den Wegfall des Transits beinahe untergehen und womöglich von der Erdgasversorgung abgeschnitten werden.

    Doch wie Gerken betont, seien beide Vorurteile gegen das Projekt falsch.

    Warum die Vorurteile gegen Nord Stream 2 falsch sind

    Das erste Vorurteil stimme einfach nicht. Mit dem Bau der Pipeline erhöhe sich zunächst nur die Leitungskapazität für russisches Erdgas. Das sage noch nichts darüber aus, „wer am Ende Gas in die EU liefert“. Dies werde von der Nachfrage und vom Preis abhängen, so Gerken.

    „Im Gegenteil wird die Versorgungssicherheit sogar erhöht: Wenn eine Pipeline – wegen einer Naturkatastrophe oder wegen politischer Spannungen (etwa zwischen Russland und der Ukraine) – ausfällt, stehen ausreichend andere Kapazitäten zur Verfügung“, betont der Experte.

    Auch das zweite Argument verpuffe bei näherem Betrachten. Es gebe kein „Erpressungspotenzial Russlands gegenüber Polen“, das durch Nord Stream 2 steigen könnte.

    „Die durch Polen führende Pipeline wird ja nicht stillgelegt. Zwar könnte Russland Gaslieferungen nach Polen aus politischen Gründen stoppen, ohne die Lieferungen nach Westeuropa zu stören. Nur was bringt das? Im europäischen Gasbinnenmarkt kann das in Greifswald ankommende Gas mit der „Reverse flow“-Technologie nach Polen transportiert werden. Ein russischer Boykott Polens liefe ins Leere“, erklärt Gerken.

    Es gebe ein ganz anderes Motiv, das in Warschau offensichtlich eine Rolle spiele. Für den Transit von russischem Gas hat Polen bislang erhebliche Geldsummen bekommen. Diese würden nun zumindest teilweise „für Gas, das durch die Ostsee fließt“, entfallen.

    Warschau fürchtet sich also einfach um seine Einnahmen.

    Zugleich betont der Vorsitzende der Stiftung Ordnungspolitik und des Centrums für Europäische Politik: „Das ist vielleicht schlecht für Polen, aber gut für die Verbraucher in Europa, weil das Gas dadurch billiger wird.“

    Damit ergibt sich die einfache Formel, dass die Pipeline sicherlich im deutschen Interesse wäre.

    Auch ein anderer Grund für den westlichen Widerstand gegen die Pipeline spiele eine Rolle. Die Vereinigten Staaten inszenieren sich als Kämpfer gegen das russische Gas. Auch hierzu gibt es laut Gerken aber einen knallharten wirtschaftlichen Grund, den US-Präsident Donald Trump im Sinn habe:

    „Er will, dass Europa US-amerikanisches Erdgas importiert, das durch Fracking gewonnen wird und das sehr viel teurer als das russische ist.“

    Bau von Nord Stream 2 stockt – Wegen Dänemark

    Zurzeit stellt nur noch Dänemark ernste bürokratische Hindernisse dem Projekt in den Weg. Das Land verweigert die Baugenehmigung für die eigenen Gewässer. Dadurch droht der Pipeline eine Verzögerung um bis zu acht Monate – Zusatzkosten von hunderten Millionen Euro werden befürchtet.

    Kopenhagen agiert dabei in großem Umfang auch im Interesse der Vereinigten Staaten, die das Projekt mit allen Mitteln wenn nicht zu verhindern, so zumindest zu verlangsamen versuchen.

    Über das Projekt

    Die Gaspipeline ist bereits zu etwa 83 Prozent fertiggebaut. Nord Stream 2 hat mit der Verlegung des abschließenden Teils der Rohre begonnen.

    Das Projekt sieht den Bau von zwei Gaspipeline-Strängen mit einer Gesamtkapazität von 55 Milliarden Kubikmetern Gas pro Jahr von der russischen Küste über die Ostsee bis nach Deutschland vor. Der Preis des Bauprojekts wird auf 9,5 Milliarden Euro geschätzt.

    Nord Stream 2 umgeht Transitstaaten – die Ukraine, Weißrussland, Polen und andere osteuropäische und baltische Länder – und führt durch die ausschließlichen Wirtschaftszonen und territorialen Gewässer Russlands, Finnlands, Schwedens, Dänemarks und Deutschlands.

    Nur noch die entsprechende Genehmigung Dänemarks fehlt.

    sb/ng

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    Themen:
    Das Ringen um Europas Energie – Alles Wichtige zu Nord Stream 2 (60)
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    Baltikum, USA, Polen, Deutschland, Russland, Nord Stream AG, Nord Stream-2, Nord Stream 2 AG, Pipeline-Projekt Nord Stream 2, Nord Stream 2, Nord Stream