06:56 06 Dezember 2019
SNA Radio
    T-Shirts (Symbolbild)

    Zu gut betucht? Deutschland, eine Wegwerfgesellschaft

    CC0
    Wirtschaft
    Zum Kurzlink
    Von
    9478
    Abonnieren

    Während die Näherinnen in Bangladesch unter menschenunwürdigen Bedingungen schuften, landen in Deutschland Abermillionen fabrikneuer Kleidungsstücke auf dem Müll.

    Nach Recherchen der „Welt am Sonntag“ wandern jedes Jahr 200 Millionen fabrikneuer Kleidungsstücke in Deutschland auf den Müll. Der Grund: Es werden deutlich mehr Textilien angeboten, als tatsächlich verkauft werden. Auch 2019 sollen voraussichtlich 230 Millionen Kleidungsstücke unverkauft bleiben und in Müllverbrennungsanlagen vernichtet oder als Ramschware außerhalb der EU verkauft werden. Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) spricht in diesem Zusammenhang von einer „fatalen Entwicklung“. Eine Nachhaltigkeitswende müsse her.

    Dem Bericht zufolge wird derzeit von der Bundesregierung eine Novelle des Kreislaufwirtschaftsgesetzes erarbeitet. Durch die Obhutspflicht, die den Herstellern gegenüber ihren Produkten auferlegt werden soll, soll der Überschussproduktion Einhalt geboten werden.

    "Damit wollen wir die Händler unter anderem gesetzlich anhalten, ihre Warenbestellungen stärker am tatsächlichen Kundenbedarf auszurichten und große Überhänge zu vermeiden", so Schulze.

    Teils katastrophale Produktionsbedingungen

    War die Textilherstellung in Deutschland einst ein blühender Industriezweig mit großen Produktionsstandorten vor allem in den Mittelgebirgen, schrumpft die Branche seit den 1950er Jahren massiv. Inzwischen werden nur noch 5 Prozent der in Deutschland verkauften Textilien auch in Deutschland produziert. Die Stoffe kommen jetzt aus China, Indien, Bangladesch, Pakistan, Süd-Korea oder Taiwan. Seit Jahren zeigen jedoch Reportagen aus den Textilfabriken, wie prekär dort die Arbeitsbedingungen sind.

    Für das ARD-Magazin „Panorama“ hatte der NDR-Journalist Christoph Lütgert 2012 nach einem großen Fabrikbrand Karatschi besucht, um sich ein Bild von den Bedingungen vor Ort zu machen. Lütgert berichtet von Armut und nicht eingehaltenen Standards. Keine Aufträge mehr an die Näherinnen in Bangladesch oder Pakistan zu geben, sei aber keine Lösung, denn dann ginge es den Menschen vor Ort nicht besser. Vielmehr seien Großunternehmen wie Kik oder C&A in der Pflicht, darauf zu achten, dass Mindestlöhne und Sicherheit der Arbeiter gewährleistet werden. Die Unternehmen würden ihre Aufträge oft anonym platzieren, sodass sie selbst nicht wüssten, an wen die lokalen Agenten die Aufträge dann vergeben.

    „Das muss durchbrochen werden, indem man langfristige Verträge mit einzelnen Fabriken abschließt und auf bestimmte Standards besteht. Bei Verstößen müsste der Auftrag entsprechend entzogen werden”, so Lütgert in einem Interview mit der „Welt am Sonntag“.

    Politik hat das Problem erkannt, Textilindustrie zeigt sich wenig einsichtig

    Im Februar 2019 reagierte auch die Politik. Entwicklungsminister Gerd Müller forderte, deutsche Firmen gesetzlich zur Einhaltung von Menschenrechten in den globalen Lieferketten zu zwingen. Zwangsarbeitsverhältnisse und Hungerlöhne seien vielerorts allgegenwärtig, so der Minister. „Auch die Unternehmen tragen dafür Verantwortung.“ Sollte die von der Bundesregierung im Rahmen des Nationalen Aktionsplans für Wirtschaft und Menschenrechte 2016 beschlossene freiwillige Selbstverpflichtung der Unternehmen nicht ausreichen, müsse man gegebenenfalls gesetzlich nachhelfen.

    Wenig Verständnis erntete Müller bei der deutschen Textilindustrie. 

    „Der Minister droht unseren Unternehmen mit Bußgeldern und sogar Gefängnisstrafen. Dann können sie als deutscher Unternehmer gar keine globalen Lieferketten mehr aufbauen. Mit seinem Lieferkettengesetz vertreibt der Entwicklungsminister ausgerechnet die heimischen Mittelständler, die weltweit die Standards heben“, so die Präsidentin des Gesamtverbands textil+mode, Ingeborg Neumann. Die deutschen Unternehmen hätten im internationalen Vergleich bereits jetzt sehr hohe Umwelt- und Sozialstandards.

    Stille Revolution mit Nadel und Faden

    Einen zweiten Frühling erleben manche Kleidungsstücke, die zum Wegwerfen zu schade sind, indem sie auf Flohmärkten oder bei Ebay günstig verkauft, verschenkt oder via Kleiderspende an Bedürftige weitergegeben werden.

    Die Verschwendungssucht der Wegwerfgesellschaft und die Produktionsbedingungen in den Textilfabriken des globalen Südens haben inzwischen aber auch soziale Bewegungen auf den Plan gerufen, die mit simplen Mitteln und ehrenamtlichem Engagement für mehr Nachhaltigkeit im Umgang mit Nutzgegenständen, darunter auch Textilien, eintreten.

    Ein Beispiel sind die sogenannten Repair Cafés, die mittlerweile zu einer globalen Bewegung angewachsen sind. Verschiedene ehrenamtliche Handwerker kommen in solchen Cafés (die beispielsweise in Gemeindezentren oder Bibliotheken stattfinden) zusammen, um Dinge zu reparieren, die ihnen von den Besitzern gebracht werden. Das können kaputte Fahrräder sein oder eben auch zerschlissene Kleidung.  So können die Lieblingsjacke einen neuen Reißverschluss und die löchrige Jeans ein paar schicke Flicken bekommen und ihren Besitzern ein paar mehr Jahre treu dienen, statt weggeworfen zu werden. Und vielleicht müssen dann erstmal auch keine neuen Stücke gekauft werden, um die Lücken im Kleiderschrank zu füllen.  

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren

    Zum Thema:

    Missglückte Lieferung: Ehepaar in Österreich bekommt Ecstasy statt Kleidung
    Umweltministerin Schulze für Plastiktüten-Verbot
    Qualität anders als in EU: Deutsche und andere Marken sorgen für Verbraucherskandal in Russland
    Tags:
    Gerd Müller, Svenja Schulze, Mindestlohn, Verletzung der Menschenrechte, Menschenrechte, Arbeitsbedingungen, Umweltschutz, Umwelt, Textilfabrik