06:38 11 Dezember 2019
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    Die Treuhandanstalt-Chefin Birgit Breul (Archivbild)

    „Feindliche Übernahme“ an schiefer Einheit schuld? DDR-Ökonom gibt Mainstream-Kolumnist Kontra

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    In einem für den Mainstream wohl untypischen Stil brachte der „Stern“-Kolumnist Hans-Ulrich Jörges das Treuhand-Trauma Ostdeutschlands als Ursprung dessen andauernder Zurückgebliebenheit auf den Punkt. Der DDR-Wirtschaftler Uwe Trostel ist mit ihm zwar einverstanden, bringt aber in einem Sputnik-Kommentar kritische Einwände vor.

    „Die Politik des Westens weiß das genau, doch sie beschweigt es eisern in den Sonntagsreden der Jubiläumstage, in dem Gebarme über die Triumphe der AfD in den Landschaften der künstlichen Blumen“, schrieb Jörges in einer Kolumne unter dem Titel „Ewig geteilt“. Im Klartext meinte er wohl als Einziger, dass die Treuhand der Ursprung all dessen sei, „was seit der Wiedervereinigung schief gelaufen ist“.

    Von den 4,1 Millionen Jobs, die am 1. Juli 1990 bei den Treuhand-Betrieben bestanden hätten, wären am 1. April 1992 nur noch 1,24 Millionen übrig geblieben. Nur etwa fünf Prozent der privatisierten DDR-Betriebe sollen dabei in die Hände von Ossis gelangt sein, über 85 Prozent seien dabei in westdeutschen Besitz gekommen. „Das Volkseigentum Ost wurde, bis auf diesen Restwert, zu Privateigentum West. Man kann es eine feindliche Übernahme nennen“, so Jörges. Die Aneignung durch Westdeutsche sei tief in die Wirtschafts- und Sozialstruktur des Ostens eingraviert, in die Psyche, das kollektive Gedächtnis sowieso. Kein Dax-Konzern habe seinen Sitz im Osten, nur vier der knapp 200 Topmanager würden von dort stammen. 

    „Der vom Westen dominierte Mainstream kann sich nicht so recht erklären, warum im Osten so vieles schief läuft“, kommentiert der stellvertretende Vorsitzende des Vereins für lebensgeschichtliches Erzählen und Erinnern in Berlin Uwe Trostel, in der Wendezeit stellvertretender Minister in der Staatlichen Plankommission der DDR, gegenüber Sputnik. „Da kommt natürlich ganz vieles zusammen und Herr Jörges legt schon den Finger auf offene Wunden und schmerzende Narben. Das ist aufrichtig, offen, trifft die Gefühle vieler Menschen im Osten und hebt sich wohltuend von der Lobhudelei politischer Kreise und des Mainstreams zu den Ergebnissen des Mauerfalls ab.“

    Flächendeckende De-Industrialisierung, Massenarbeitslosigkeit, Abwanderung von Millionen Menschen, Ungleichbehandlung und Missachtung der Lebensleistung der Ostdeutschen, da kommt laut Trostel schon eine Menge zusammen, was auch noch bis heute wirkt. Dabei würden viele die DDR immer noch auf Stasi, Mauer und Misswirtschaft reduzieren.

    Schuld an der ganzen Misere ist also die Treuhandanstalt?

    Einiges hat Trostel dem westlichen Analytiker Jörges doch entgegenstellen. „Zwar stellt er das Wüten der Treuhandanstalt in ungewohnter Schärfe und auch richtig dar; aber die Treuhandanstalt war doch weder vom Himmel gefallen noch war sie eine unabwendbare Naturkatastrophe. Ja, sie war wie ein bissiger Hund; dieser Hund hing aber an einer Leine und am anderen Ende der Leine war sein Herr“. In diesem Fall sei dies die Bundesregierung und überhaupt die politische und wirtschaftliche Macht des Staates. Es hätte Trostel zufolge nur eines Winks der Regierenden und Machthabenden bedurft, und die Treuhandanstalt hätte eine ganz andere Politik durchführen müssen, eine Politik auf die Erhaltung, Sanierung und die Modernisierung der ostdeutschen Wirtschaft gerichtet.

    „Aber genau das ist nicht geschehen“, beklagt der Sputnik-Gesprächspartner. Und es habe ja auch nicht geschehen dürfen, denn dann wären doch für die mächtigen Konzerne im Westen neue Konkurrenten entstanden, die ihnen Märkte und Profite streitig gemacht hätten. Dabei verweist Trostel darauf, dass jede Entscheidung der Treuhandanstalt vom Finanzministerium abgesegnet werden gemusst habe, bevor sie wirksam geworden sei. 

    Das Fazit? „Die massenhaften Proteste der Ostdeutschen für die Erhaltung ihrer Arbeitsplätze in jener Zeit fanden meist vor der Treuhandanstalt statt, hätten sich aber eigentlich gegen die Regierenden in Bonn richten müssen, in deren Auftrag diese handelte.“ Insofern könne man sich des Eindrucks nicht ganz erwehren, dass hinter der scharfen und völlig berechtigten Kritik des Herrn Jörges an der Treuhandanstalt und vieler anderer auch ein Ablenkungsmanöver stecke, so Trostel. Denn die Treuhandanstalt sei längst aufgelöst und könne nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden. „Sie ist der Sündenbock und ganz alleine am angerichteten Schaden schuld?!“, fragt Trostel zurück. „Aber es gab doch eine Regierung, in deren Auftrag sie handelte, es gab den Bundestag und Landesregierungen. Sie alle hätten einschreiten können, gemacht haben sie so gut wie nichts.“

    Am Runden Tisch war im Februar 1990 die Bildung einer Treuhandgesellschaft „zur Wahrung der Anteilsrechte der Bürger mit DDR-Staatsbürgerschaft am Volkseigentum der DDR“ erörtert worden, dann im Staatsvertrag zur Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion nur noch als Kannbestimmung erwähnt - und vergessen. Seither würden sich viele Ostdeutsche als Fremde im eigenen Land, zweitklassig und beherrscht fühlen, behauptet Jörges weiter in seiner Kolumne, um das dann aber abzuschwächen. „Die DDR-Wirtschaft war pleite, das ist unbestreitbar“. Mit dem Satz weiß Trostel anhand von Fakten umzugehen, allerdings mit einer völlig anderen Einstellung.

    „Listigerweise sagt Herr Jörges, wie das viele andere tun, ja nicht, dass der Staat DDR pleite war“,

    so Trostel weiter. „Denn da hat man einen unbestechlichen Zeugen, nämlich die Bundesbank, die der DDR Zahlungsfähigkeit bis zum letzten Tag ihrer Existenz bescheinigt.“ Also war die DDR-Wirtschaft pleite?

    „Auch hier sind die Fakten doch ganz anders“, kontert Trostel. „Die DDR-Wirtschaft hat aus eigener Kraft bis zum Tage der Währungsunion produziert, alle Abführungen an den Staat geleistet, Löhne in voll vereinbarter Höhe gezahlt und Rechnungen für Warenlieferungen und Leistungen pünktlich beglichen. Und das, obwohl tausende Arbeitskräfte fehlten, Embargobestimmungen und viele weitere Faktoren wirkten.“

    Mit der schlagartigen Einführung der D-Mark habe sich natürlich vieles geändert, sagt Trostel. „Im Prinzip sollte die DDR-Wirtschaft eine Aufwertung von um die 400 Prozent verkraften; im Normalfall verkraftet eine kapitalistische Wirtschaft kaum eine Aufwertung von 10 Prozent.“ Verbunden mit der DM-Einführung war der sofortige Wegfall der Hauptmärkte der DDR-Wirtschaft in Osteuropa, und selbst viele DDR-Bürger kauften von nun an nur noch Westprodukte. Über all die Jahre hätte die DDR-Wirtschaft Exporte in Milliarden-DM-Höhe in den Westen realisiert, auch die seien schlagartig mit der DM-Einführung weggefallen. Also behauptet der Experte, dass die Existenzprobleme der DDR-Wirtschaft nach der Einführung der D-Mark begonnen hätten. Das soll sich auch daran zeigen, dass die Leistung der DDR-Wirtschaft nach und nicht vor der Vereinigung unvorstellbar auf etwa 40 Prozent ihres zu DDR-Zeit bereits erreichten Niveaus abgesackt gewesen wäre.

    „Millionen noch lebender Zeitzeugen haben in DDR-Betrieben gearbeitet, haben zu DDR-Zeit keine Pleite ihres Betriebes erlebt, haben ihre ganze Kraft zur Lösung schwierigster Probleme erfolgreich eingesetzt, sprechen noch heute mit Stolz von ‘ihrem’ Betrieb“, sagt Trostel zum Abschluss. Mit Pleitebehauptungen werde die Arbeit dieser Menschen diskreditiert, gewollt oder ungewollt. Mit Blick auf 30 Jahre Mauerfall dieses Jahr wollten die Linke sowie die AfD einen Untersuchungsausschuss im Bundestag über die Zerstörung der DDR-Wirtschaft durch die Treuhandanstalt. Die Absicht ist jedoch auf entschiedenen Widerspruch aller anderen Fraktionen gestoßen. Ob sie teils selbst tief verstrickt in die Machenschaften der Treuhand sind? 

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