13:46 16 Dezember 2019
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    Textilfabrik in Samarkand, Usabekistan (Archivbild)

    Zentralasiens aktuelles Wachstum übertrifft etablierte Wirtschaftsmächte – Studie

    © Sputnik / Dmitrij Winogradow
    Wirtschaft
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    Zentralasien mausert sich zu einer wirtschaftlich stabilen Region. Dies geht aus einer aktuellen Studie der deutsch-russischen Rating-Agentur „RAEX“ hervor, die der Sputnik-Redaktion vorliegt. Öl-Exporteure wie Kasachstan und Usbekistan stützen das starke Wachstum der Region. Die Studie warnt aber: „Nicht alle Menschen profitieren dort davon.“

    „Mehr als 25 Jahre sind vergangen, seit die Länder Zentralasiens die Unabhängigkeit erlangt und das staatliche Versicherungsmonopol liquidiert haben“, heißt es in einer aktuellen Studie der deutsch-russischen Rating-Agentur „RAEX“ („RA Expert“) mit Sitz in Frankfurt/Main, die der Sputnik-Redaktion vorliegt. Diese Studie wurde auf der „Trade Finance Conference“ in der usbekischen Hauptstadt Taschkent am 6. November vorgestellt. Sie widmet sich in makroökonomischer Analyse dem Versicherungsmarkt in Zentralasien.

    Was auffällt: Aktuell gibt es laut „RAEX“ ein wachsendes Interesse der Weltwirtschaft und internationaler Investoren an Zentralasien. Zudem würden „staatliche Anreize allmählich das Interesse ausländischer Investoren am lokalen Versicherungsmarkt“ in der dortigen Region erhöhen.

    Allerdings: „Trotz des gegenwärtigen Wirtschaftswachstums der zentralasiatischen Region sowie der Verbesserung des Investitionsklimas in vielen dortigen Ländern sind die Haupthindernisse für die Entwicklung der Versicherungen eine geringe Finanzkompetenz und ein geringes Einkommen der Bevölkerung, unterentwickelte Finanzmärkte und unvollkommene Rechtsvorschriften.“

    „Zentralasien bleibt auf gutem Niveau“

    Die Länder der Region seien in Bezug auf Territorium und Bevölkerung sowie natürliche Ressourcen heterogen, also verschieden.

    „Im Allgemeinen übertrifft die wirtschaftliche Entwicklung der Region die globale Dynamik, da im Jahr 2018 das durchschnittliche reale BIP-Wachstum in der Region 4,6 Prozent betrug, verglichen mit dem globalen Durchschnitt von nur 3,6 Prozent.“ Zentralasien sollte auf kurze Sicht „auf diesem signifikanten Niveau“ bleiben, so die Rating-Experten.

    Es gebe jedoch immer noch viele Nachteile für die Region, bedingt durch das post-sowjetische Erbe. Die staatlichen Institutionen der Länder Zentralasiens seien auch mehr als 25 Jahre nach dem Übergang zur Marktwirtschaft immer noch schwach und „verwundbar. Die immer noch hohe Staatsquote behindert Investitionen und Produktivität“.

    Außerdem „erhöht die starke Abhängigkeit der Länder Zentralasiens zu den wichtigsten Handelspartnern – vor allem zu Russland – die Anfälligkeit für dortige Krisen. Mit Ausnahme von Usbekistan lässt der Inflationsdruck allmählich nach, die zentralasiatischen Währungen erholen sich langsam wieder. Die Wirksamkeit der dortigen Geldpolitik bleibt jedoch aufgrund des schwachen Bankensystems, der hohen US-Dollar-Abhängigkeit und der Importabhängigkeit gering.“

    Tadschikistan: „Größtes Wirtschaftswachstum in Zentralasien“

    Tadschikistan habe das „größte Wirtschaftswachstum im Jahr 2018 in der zentralasiatischen Region“ gehabt, so der „RAEX“-Bericht. Dennoch bleibe der dortige Versicherungsmarkt schwach und instabil. „Wir erwarten kurzfristig keine Markterholung, da es an Reformen in der Branche mangelt und der Finanzmarkt des Landes schwach ist.“

    Kasachstan: „Pro-Kopf-Einkommen wachsen“

    Kasachstan habe in der zentralasiatischen Region den am „weitesten entwickelten und größten Versicherungsmarkt (…). Die derzeitige positive Dynamik ist in erster Linie auf die aktive Entwicklung des Lebensversicherungssektors zurückzuführen, was durch das Wachstum der Haushaltseinkommen erleichtert wurde.“ Die Zahl der Kasachen, die sich eine Lebensversicherung zulegen, nehme ebenfalls seit einigen Jahren deutlich zu.

    „Die kasachische Wirtschaft zeigt ein stetiges Wachstum, stabile makroökonomische Indikatoren und eine Verbesserung der öffentlichen Finanzen. Das reale BIP-Wachstum in den Jahren 2017 und 2018 betrug 4,1 Prozent, was auf günstige Ausfuhrpreise für Rohstoffe und einen Anstieg der Produktionsmengen zurückzuführen ist.“ Diese positive Entwicklung setze sich im Jahr 2019 vor dem Hintergrund einer wachsenden Nachfrage fort, die durch höhere Einkommen und aktive Verbraucherkredite gefördert werde. Das Pro-Kopf-Einkommen belief sich laut „RAEX“ 2018 auf durchschnittlich etwa 28.000 US-Dollar im Jahr, was die Zahlen der anderen Länder in der Region übertrifft.

    Darüber hinaus kündigte der 2019 neu gewählte Präsident Kassym-Schomart Tokajew „eine Kontinuität der Entwicklungsstrategie“ für das Land an, die er als Signal zur Stabilität für kasachische Unternehmen und ausländische Investoren verstanden wissen möchte.

    Usbekistan holt wirtschaftlich immer weiter auf

    Auch Usbekistan hole volkswirtschaftlich immer weiter auf. Es gebe durch Entscheidungen in Taschkent „ein positives Signal für Investoren. Die usbekische Regierung hat Kooperationsprogramme mit internationalen Finanzinstitutionen initiiert, um staatliche Banken zu transformieren und ihre Effizienz zu steigern.“ Zudem sei das Bankvermögen „erheblich gewachsen. Aktuelle liberale Reformen haben zusammen mit erhöhten Investitionen zu einem Anstieg der inländischen Kreditvergabe geführt. Wir gehen davon aus, dass sich der Kredit-Boom im Jahr 2020 fortsetzen wird.“

    Die Experten von „RAEX“ stellen fest, dass sich der „am dynamischsten wachsende Versicherungssektor in ganz Zentralasien“ in Usbekistan befinde.

    Es wurde in der usbekischen Wirtschaft „ein Rekordanstieg der Versicherungsprämien um 76,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr“ verzeichnet. „Angesichts begrenzter Kapitalmarktchancen sind die Portfolios jedoch konservativ und bestehen mehr als zur Hälfte aus Bankeinlagen. Wir glauben, dass die weitere Entwicklung des Versicherungsmarktes durch die wachsende Nachfrage nach Versicherungsdienstleistungen durch Markt und Staat unterstützt wird.“

    Eine kuriose Meldung passt aktuell zum Aufwärtstrend Usbekistans. Frankreichs Schauspiel-Star Gérard Depardieu wird laut französischen Medien neuer Tourismus-Botschafter des Landes. „Depardieu wird neuer Botschafter für Touristik in Usbekistan“, heißt es in einem Pressebericht vom Dienstag. „Kontakte zwischen Usbekistan und dem französischen Schauspieler sind alles andere als neu. Bisher hat die usbekische Regierung vierzehn Botschafter für Tourismus aus verschiedenen Ländern ernannt.“

    Kirgistan: Immer noch viel Aufholbedarf

    Kirgistan bleibe weiterhin ein wirtschaftlich schwacher Akteur in Zentralasien. Das Land „weist aufgrund der geringen finanziellen Eingliederung und der unzureichenden staatlichen Unterstützung die größte Verzögerung beim Aufbau eines Versicherungsmarktes auf.“ Jedoch verbesserten sich „die Branchenrentabilitätsindikatoren dank wachsender Kapitalerträge.“ Eine weitere Weiterentwicklung des Marktes erwarten die Rating-Experten aufgrund der voraussichtlich baldigen Einführung einer staatlichen Versicherungspflicht.

    Das Fazit der neuen Studie von „RAEX“-Expert : „Die Öl- und Gasexporteure Kasachstan und Usbekistan dürften das Wirtschaftswachstum Zentralasiens auch im nächsten Jahr weiter stützen, während die Volkswirtschaften in Tadschikistan und Kirgisistan, die in hohem Maße von Hilfszahlungen und Staatsausgaben abhängig sind, sich verlangsamen dürften. Dennoch reicht die derzeitige positive Dynamik noch nicht aus, um den Lebensstandard der Menschen in der Region nachhaltig zu verbessern.“

    Die Frage, ob die Teilnahme zentralasiatischer Länder wie Kasachstan an Chinas „Neuer Seidenstraße“ der Region einen weiteren wirtschaftlichen Aufschwung geben könnte, wird in der vorliegenden Analyse allerdings nicht behandelt. Die neue Studie lobt allerdings „die aktive Rolle“ der kasachischen und usbekischen Behörden, die „in den letzten Jahren Maßnahmen zur Entwicklung des Marktes und zur Verbesserung der Vertrags-Zuverlässigkeit“ erfolgreich ergriffen haben.

    Die Rating-Agentur „Expert RA GmbH (RAEX-Europe)“ ist laut Eigendarstellung eine unabhängige europäische Agentur, die zur internationalen Gruppe der Rating-Agenturen „RAEX“ mit Sitz in Russland gehört. Die Agentur verfügt über mehr als zwei Jahrzehnte Erfahrung in der Ratingbranche. Das Deutschland-Büro der Agentur befindet sich in Frankfurt am Main.

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    Gérard Depardieu, Gerard Depardieu, Usbekistan, Kaukasus, Turkmenistan, Kasachstan, Kirgistan, Zentralasien