08:46 10 Dezember 2019
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    Polnische Bergarbeiter (Archivbild)

    Warum die polnische Kohle-Industrie keine Angst vor einer Energieabhängigkeit von Russland hat

    © AFP 2019 / JANEK SKARZYNSKI
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    Warum die polnische Kohle-Industrie keine Angst vor einer Energieabhängigkeit von Russland hat

    Einige Experten behaupten, dass der Kohlebergbau in der Welt allmählich zurückgehen wird. Fossile Energiequellen werden sukzessive den erneuerbaren Energiequellen Platz machen. Doch dieser Wandel würde den Energiesektor Polens kaum berühren, das sich bislang nicht imstande zeigt, ihn umzugestalten und auf Kohle zu verzichten – russische Kohle.

    Der polnische Kohle-Import verzeichnet ständig neue Rekorde. Laut dem Portal tvn2bis.pl kaufte Polen 2016 knapp 8,3 Mio. Tonnen Kohle. 2017 stieg der Import auf 13,3 Mio. Tonnen, von denen fast neun Mio. Tonnen von Russland geliefert wurden. Ein Wachstum der Lieferungen wurde auch im vergangenen Jahr fixiert – von den von Polen importierten 20 Mio. Tonnen Kohle bekamen die Polen fast 13,5 Mio. Tonnen von den Russen, wie die polnische Zeitung “Dziennik Gazeta Prawna” berichtet. Nach Angaben des Internetportals “Bankier.pl” kaufte Polen von Januar bis Mai dieses Jahres 4,8 Mio. Tonnen Kohle bei Russland. Auf russische Kohle entfielen demnach zwei Drittel der Importe.

    Kohle-Energie ist allmählich Geschichte, aber nicht in Polen

    Laut einigen Experten kann sich die Lage in 20 Jahren ändern. Laut Prognose der Entwicklung der Welt- und der russischen Energie bis 2040, die das Energieinstitut der Russischen Akademie der Wissenschaften zusammen mit dem Energiezentrum der Skolkovo Business School erstellt hat, kann bis dahin die Rolle der Kohle bei der globalen Generation von 35 (im Jahr 2015) auf 22 Prozent sinken. Der Kohle-Anteil wird auch in der Struktur des globalen Energieverbrauchs sinken – von 28 auf 19 Prozent bzw. 5,5 auf 4,4 Mrd. Tonnen Brennstoff. Zudem meinen die Forscher, dass der Höhepunkt des Kohle-Verbrauchs der Länder Nordamerikas, Japans und Chinas bereits 2015 erreicht worden sei - in Europa und der GUS war es bereits vor 1990 der Fall. Die anderen Länder und Regionen werden ebenfalls ihren Kohleverbrauch reduzieren - das soll bis 2040 erfolgen. Eine Ausnahme sind nach wie vor die afrikanischen Staaten und Indien. Forschern zufolge wird gerade Indien, das mehr als die Hälfte des Stroms aus Heizkraftwerken bekommt, in der Zukunft der größte Kohle-Exporteur sein. Allein 2017 kaufte das Land mehr als 200 Mio. Rohstoff; die Eigenproduktion lag bei rund 730 Mio. Tonnen.

    Bergarbeiter im Ural (Archivbild)
    © Sputnik / Pawel Lissizyn

    Dass Polen auch künftig auf Kohle setze, sei nicht merkwürdig, äußerte Narek Awakjan von BKS Broker. Kohle ist weiterhin die zugänglichste Ressource sowohl beim Preis als auch bezüglich der Erschließung. „Auf der einen Seite nutzt jedes Entwicklungsland in der Regel Kohle. Auf der anderen Seite wird der Kohleverbrauch in der Zukunft tatsächlich zurückgehen. Selbst China reduziert den Kauf von Kohle, um gegen den ständigen Smog in seinen Metropolen zu kämpfen“, so der Experte.

    Ihm zufolge hat es Warschau nicht eilig, auf Kohle zu verzichten, obwohl das dem von der EU gewählten Kurs auf den Abbau der schädlichen Ausstöße widerspricht. „Solange Bedarf besteht, wird Polen weiterhin Kohle kaufen. Das ist übliche Praxis. Auf der anderen Seite hat Deutschland auch sehr viele Kohlekraftwerke. Deswegen sollte nicht allein Polen kritisiert werden“, so der Experte.

    Wird Polen mit der EU-Kommission eine Einigung erreichen?

    Der Finanzexperte bei der russischen Regierung und Experte des Fonds für nationale Energiesicherheit Stanislaw Mitrachowitsch gibt zwar zu, dass Polen als „schwarzes Schaf“ angesichts des europäischen Programms Coal Exit erscheint, sieht das Problem jedoch tiefgehender. „Die Lage Polens ist zwiespältig. Auf der einen Seite fordert es von der EU-Kommission, Deutschland unter Druck zu setzen, damit es die Nutzung von Nord Stream 2 und seiner Abzweigungen einschränkt, auf der anderen Seite steht die EU-Kommission selbst im Konflikt mit Polen bei der Kohle-Frage. Je mehr sich diese Konfrontation verschärft, desto weniger Möglichkeiten hat Polen, seine Entscheidungen zur Einschränkung der Nutzung der dieses Land umgehenden russischen Gaspipelines zu erreichen“, so der Experte.

    Ihm zufolge ist Polen nicht das Land, das sich einen schnellen Übergang von Kohle zu erneuerbaren Energiequellen leisten kann – Sonne bzw. Wind. „Auch zu Gas kann es nicht  wechseln. Die Gasifizierung erfolgt zwar in Polen, doch sie erfordert Geld und die Erhöhung der Gaskäufe. Je mehr Gas verbraucht wird, desto mehr Importe werden notwendig sein, das würde einen neuen Gasliefervertrag mit Russland erfordern – trotz der Erklärung der PGNiG-Führung über den fehlenden Wunsch, den aktuellen Vertrag mit Gazprom bis 2022 zu verlängern. Politisch gesehen ist das nicht sehr bequem“, so Mitrachowitsch.

    Russische Kohle – qualitativ, billig, schnell lieferbar

    Zugleich ist es immer noch vorteilhaft für Polen, russische Kohle zu kaufen. „Russland ist nahe, die Kohle ist relativ billig, die Infrastruktur ermöglicht die Gewährleistung optimaler Fristen zur Lieferung des Rohstoffs nach Polen. Deswegen wird Polen die Kohle auch weiterhin kaufen, wobei erneut gezeigt wird, dass es trotz der politischen Konfrontation nicht bereit ist, auf Kooperation mit Russland zu verzichten“, so Mitrachowitsch.

    Awakjan erklärt das Interesse Polens an Kohle mit wirtschaftlicher Zweckmäßigkeit.

    „Wenn es sich um den Handel bzw. Ankäufe handelt, zeigen solche demokratischen Länder wie Polen gewöhnlich ein pragmatisches Herangehen. Es bestehen keine Sanktionen wegen des Ankaufs russischer Kohle, es gibt auch keine Einschränkungen“, so der Experte.

    Russland richtet seinerseits seine Märkte immer mehr auf die Nachbarländer. Auf Initiative der Bahnholding RZD und des Rohstoffunternehmens Kusbass soll im Verkehrs- und Logistikzentrum „Kaliningrad“ Kohle nach Fraktionen sortiert werden, es soll eine schnelle Umladung auf die Schiene erfolgen – von russischen auf europäische Schienen zum Weitertransport nach Polen.

    Ukraine wollte kaufen, doch Polen konnte nicht verkaufen

    Experten zufolge gehören die Folgen der politischen Reformen in Polen zu den Gründen, warum das Land die Kohle-Importe jedes Jahr ausbaut. „Liberale Reformen führten dazu, dass Polen die eigene Kohle-Produktion stoppte, obwohl es in den letzten Jahrzehnten und in den Zeiten des Ostblocks ein sehr großer Kohle-Hersteller war. Einst wollte sogar die Ukraine Kohle bei Polen kaufen, doch es stellte sich heraus, dass Polen keine großen Mengen verkaufen kann und musste bei Russland kaufen. Allerdings denke ich nicht, dass Polen in der absehbaren Zukunft die eigenen Gruben schließen wird. Das ist eine soziale Frage für das Land“, sagte Mirtrachowitsch.

    Obwohl Präsident Andrzej Duda sagte, dass die Kohle-Vorräte Polens für 200 Jahre ausreichen würden, meinen Experten, dass die Kohleförderung für das Land deutlich teurer sei. „Der Selbstkostenpreis für die Kohleförderung ist in Polen anderthalbmal höher als in Russland – die Arbeitskraft ist teurer, die Steuern sind höher, auch die Kosten der begleitenden technischen Dienstleistungen  - Verkehrs- und Bohrungs-Dienstleistungen sind höher“, sagte Narek Awakjan. Wenn ein würdiger Konkurrent auftauche, könnten die Importe aus Russland vielleicht zurückgehen. „Bei anderen Lieferanten kann Polen weniger umweltfreundliche Braunkohle kaufen. Da es dazu nicht greift, bedeutet das, dass die Käufe bei Russland wirtschaftlich begründet sind“, so der Experte.

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    Tags:
    Kohlenmarkt, kohle, Ukraine, Polen, Russland