06:30 11 Dezember 2019
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    Beamtin der russischen Notenbank Gosnak (Archivbild)

    Russlandgeschäft: Deutsche Wirtschaft hofft – China floriert

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    Wirtschaft
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    Der russische Markt bleibt für deutsche Unternehmen schwieriges Terrain. Die aktuelle Geschäftsklima-Umfrage Russland 2020 gibt nun Auskunft. Die Firmen hoffen auf eine russisch-ukrainische Annäherung, bewerten die Sanktionen neu, die Mehrheit will Nord Stream 2. Bürokratie, Einfuhrbeschränkungen, eine schwächelnde Konjunktur seien Störfaktoren.

    Hoffnung ist der kleine Bruder des Optimismus. Und mit der richtigen Einstellung lassen sich zuweilen Berge und vielleicht auch Grenzen versetzen. So schien es zumindest der deutsche Unternehmer zu sehen. Denn Russland war einmal ein starker Markt für ihn. Doch wegen der ob des Ukrainekonflikts verhängten Wirtschaftssanktionen ist der bilaterale Handel eingebrochen. Eine Erholung läuft, wenn auch eher mäßig. Weitere drohende US-Restriktionen mit der EU im Schlepptau vermögen das Klima zu vergiften, die Hinwendung der Russen zu anderen Partnern ist bereits Realität: Wirtschaftsnation China profitiert von den Spannungen und läuft Deutschland in strategischen Bereichen den Rang ab.

    Nun ist die Geschäftsklima-Umfrage Russland 2020 da. Der Osteuropa-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft (OA) und die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer (AHK) haben dafür 112 deutsche Unternehmer befragt. Diese beschäftigen 144.000 Menschen, setzen rund 18 Milliarden Euro im Russlandgeschäft um. Was nervt die Unternehmer? Wie bewerten sie politische Entwicklungen? Wo sind Geschäfte rückläufig?

    Die Branchen: Automobilindustrie verliert

    Die Land- und Ernährungswirtschaft wird von den Deutschen als die wachstumsstärkste Branche in Russland eingeschätzt, nämlich von 46 Prozent der Befragten. Rang zwei belegt die IT/Telekommunikation mit 45 Prozent. Aufsteiger ist die Branche Erneuerbare Energien/Energieeffizienz, die von Platz elf auf Platz fünf kletterte. Verlierer ist hingegen die Automobilindustrie, die nur noch von vier Prozent der Befragten als Wachstumsbranche genannt wird und die dadurch auf den letzten Platz rutschte. Vor zwei Jahren hatte die russische Autoindustrie noch Platz drei belegt.

    Störfaktoren, Teil 1

    Nur 30 Prozent der Unternehmer beurteilen die allgemeine Entwicklung überhaupt als positiv. Da wären einerseits innerrussische „hausgemachte Störfaktoren“, die das Russland-Geschäft der Deutschen belasten würden, so Michael Harms vomOsteuropa-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft am Dienstag in Berlin. Die Ergebnisse der Umfrage zeigten, dass Bürokratie, eine eher schwächelnde Konjunktur und Einfuhrbeschränkungen als Bremsen im bilateralen Verhältnis wahrgenommen würden.

    Die russische Regierung müsse die Rahmenbedingungen für Unternehmer verbessern. Es seien Reformen für mehr wirtschaftliche Freiheit geboten. Insbesondere der anhaltende Protektionismus, etwa bei öffentlichen Ausschreibungen, würde an Sowjetzeiten mit Planwirtschaft erinnern, wo die Anzahl inländisch zu bauender Mähdrescher genau vorgegeben war, erinnert Matthias Schepp von der AHK. Kommenden Freitag treffen sich 20 Bosse deutscher Konzerne mit Russlands Präsident Wladimir Putin in Sotschi zu „pragmatischen Gesprächen und nicht allzu viel Politik“, so Schepp. Hinsichtlich der Einflußmöglichkeiten auf Regierung und Gesetzgebung bemerkte der AHK-Chef, dass es in Russland eine große Dialogbereitschaft mit der deutschen Wirtschaft gäbe, wie es mit kaum einem anderen Land der Fall sei.

    Deutscher Unternehmer-Optimismus 2020

    Auf das kommende Jahr blicken die deutschen Unternehmer dementsprechend im Russlandgeschäft optimistischer. Mit einer positiven Wirtschaftsentwicklung rechnen 43 Prozent der befragten Firmen. Zuvor waren es noch 41 Prozent. Eine Verschlechterung erwarten nur noch 15 Prozent statt ehemals 23 Prozent.

    Ein Drittel der Unternehmen will seine Belegschaft in Russland sogar ausbauen und dort in den nächsten zwölf Monaten investieren. Die geplanten Investitionen belaufen sich auf fast 530 Millionen Euro. „Die deutsche Wirtschaft setzt weiterhin auf den Standort Russland und investiert kräftig“, sagte Matthias Schepp: „Die deutschen Netto-Direktinvestitionen in Russland erreichten 2018 die Marke von 3,26 Milliarden Euro – das ist ein Spitzenwert seit der Finanzkrise vor zehn Jahren.“

    Deutsche Exporte nach Russland

    Die deutschen Exporte nach Russland sind in den ersten neun Monaten 2019 um 2,5 Prozent auf knapp 19,9 Milliarden Euro gestiegen. Dennoch seien sie noch immer von der Rekordmarke aus dem erfolgreichen Geschäftsjahr 2012 entfernt. Unter den wichtigsten deutschen Exportmärkten in Mittel- und Osteuropa belege Russland nur noch Rang vier – hinter Polen, Tschechien und Ungarn. Das läge am Protektionismus sowie an der Importsubstitutionspolitik Russlands.

    Störfaktoren, Teil 2: Wirtschaftssanktionen

    Die befragten Unternehmen wünschen sich mit einer überwältigenden Mehrheit von 93 Prozent die Aufhebung der Wirtschaftssanktionen. Gesunken seien im Vergleich zum Vorjahr allerdings die Bedeutung der bestehenden und die Angst vor neuen US-Sanktionen.

    Überraschend optimistisch seien die Unternehmen bezüglich des russisch-ukrainischen Verhältnisses: 69 Prozent rechnen unter dem neuen ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj mit einer Verbesserung.

    „Die Aussicht auf eine zumindest leichte Entspannung im russisch-ukrainischen Verhältnis dämpft offenbar auch die Sorge vor weiteren Sanktionen“, sagte Harms. „Wir hoffen daher, dass die bevorstehenden Normandie-Gespräche den Friedensprozess einen entscheidenden Schritt voranbringen.“

    Am kommenden Montag findet in Paris ein Ukraine-Gipfel zur Lösung des Konflikts statt.

    Trotz drohender Sanktionsmaßnahmen der USA wollen zwei Drittel der befragten Unternehmen ihr Russland-Geschäft unverändert fortsetzen, deutlich mehr als im Vorjahr. „Die US-Sanktionen haben die deutsche Wirtschaft in weniger als zwei Jahren bereits über eine Milliarde Euro gekostet. Dennoch lassen sich unsere Unternehmen nicht einschüchtern und investieren weiterhin“, so Schepp von der AHK.

    Die Europäische Union hatte im Juni ihre Wirtschaftssanktionen gegen Russland wegen des anhaltenden Ukraine-Konflikts erneut verlängert. Betroffen ist der Handel, es gibt Investitionsbeschränkungen. Russland verhängte im Gegenzug Einfuhrverbote.

    Chinesische Unternehmer laufen Deutschland den Rang ab

    Als Folge der bestehenden Sanktionen seien allerdings chinesische Unternehmer in Russland stärker in den Vordergrund getreten. Die Chinesen hätten „Lücken“ besetzt, auch weil sie bei der Qualität besser geworden seien, zudem würden sie billiger produzieren, sagte AHK-Chef Schepp. Der chinesisch-russische Handel sei inzwischen doppelt so groß wie der deutsch-russische Handel. Die Chinesen hätten den Deutschen im Maschinenbau den Rang abgelaufen, nur noch beim Großanlagenbau hätten deutsche Unternehmen noch die Nase vorn, so Schepp.

    Keine einhellige Meinung hätten die befragten Unternehmen allerdings dazu, wie die EU und die Eurasische Wirtschaftsunion (EAWU) auf das chinesische Projekt „Neue Seidenstraße“ reagieren sollten – ob mit gemeinsamen Projekten mit China oder mit Alternativen.

    Die EAWU ist für über die Hälfte der Befragten im täglichen Geschäft wichtig. Über drei Viertel votieren zudem für einen gemeinsamen Wirtschaftsraum von Lissabon bis Wladiwostok, dem die EU, die EAWU und weitere Länder angehören würden. Man wünsche sich allerdings deutlichere Signale aus Brüssel und setze in die neue Kommission verstärkt Hoffnung, auf dass das Projekt nicht nur auf dem Papier bestehen bleibe.

    Wo ein Wille, da ein Weg: Nord Stream 2

    Die Mehrheit der befragten Unternehmer sei für Nord Stream 2 sowie langfristigen Transit auch durch die Ukraine. Schepp verteidigte am Montag die Ostsee-Pipeline von Russland nach Deutschland. Es sei mitnichten so, dass sich Deutschland damit abhängig mache von russischem Gas: Russland selbst sei auf die Lieferungen und den Export sehr angewiesen, außerdem gebe es viele andere Lieferanten, etwa die Niederlande oder Norwegen. Bei einem Bedarf von 300 Milliarden Kubikmeter Gas sähe er aber eine drohende Versorgungslücke von 100 Milliarden.

    Auch Harms vom OA stieß ins selbe Horn:

    „Angesichts der rückläufigen Gasförderung in der EU und des Ausstiegs aus Kohle- und Atomkraft in Deutschland brauchen wir alle Importoptionen, und jede zusätzliche Importroute sichert eine verlässliche und preisgünstige Energieversorgung für die europäische Industrie und die Verbraucher.“

    Die Ostsee-Pipeline sei zu 93 Prozent verwirklicht. Auch in Russland würde die Fertigstellung kommuniziert, berichtet er. Und sollten sich wegen weiterer US-Sanktionen etwa die am Bau beteiligten italienischen und Schweizer Firmen, die mit den USA im Golf von Mexiko geschäftlich verbunden sind, zurückziehen, so sei absehbar, dass Russland die Leitung selbst fertigstellen würde. „Die Russen werden einen Weg finden“ und wenn sie selbst Schiffe dafür kaufen müssten, so Schepp.

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    Nord Stream 2, Matthias Schepp, Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft, Deutsch-Russische Auslandshandelskammer (AHK), China, Ukraine, Russland, Deutschland