05:43 26 November 2020
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    Die deutsche Wirtschaft befindet sich weiter im Abschwung, so die aktuelle Konjunktur-Prognose vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Allerdings stehe der Osten besser als der Westen da. Bremsklötze für die Wirtschaft sind US-Sanktionen und der Brexit, ein sich in China abzeichnender Sinneswandel und Probleme im Automobilbau.

    Nachdem jüngst die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) der deutschen Konjunktur für das kommende Jahr eine weitere Talfahrt vorausgesagt hat, bestätigen die deutschen Ökonomen vom IWH diese Prognose in ihrem aktuellen Bericht.

    Sinkende Auslandsnachfrage nach Produkten der Verarbeitenden Industrie

    Bedingt durch die von den USA ausgehenden protektionistischen Tendenzen und den bevorstehenden Brexit seien deutsche Produkte des Verarbeitenden Gewerbes im Ausland nicht mehr so gefragt. Zwar würde die Gesamt-Weltwirtschaft wieder etwas anziehen, so die Wirtschaftsforscher, weil der Gegenwind von den Handelskonflikten nachlässt:

    „In Deutschland erholt sich die Industrie aber nur langsam. Das deutsche Bruttoinlandsprodukt wird im Jahr 2020 wohl um 1,1% zunehmen. Ohne die besonders hohe Zahl an Arbeitstagen wäre die Zunahme noch geringer,“ so Oliver Holtemöller vom Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle.

    Blühende Landschaften? - Wirtschaft wächst im Osten schneller als bundesweit

    Der Produktionszuwachs in Ostdeutschland dürfte laut IWH-Prognose übrigens mit 1,3% höher ausfallen als in Gesamtdeutschland – die Abkühlung der Weltwirtschaft trifft die Konjunktur im Osten insofern nicht so hart, wie im restlichen Bundesgebiet.

    Für das Jahr 2021 rechnet das IWH im Osten wie auch im gesamten Bundesgebiet mit einem Wachstum von 1,6 Prozent. Ostdeutschland sei weniger stark von der Schwäche der Weltkonjunktur betroffen, begründete IWH-Wissenschaftler Oliver Holtemöller die besseren Daten.

    So seien Konsumgüter, die in der ostdeutschen Produktion eine größere Rolle spielten als in der westdeutschen, vom globalen Nachfrageeinbruch weniger betroffen als Investitionsgüter. Durch die schrittweise Angleichung der Renten in Ost und West steige das verfügbare Einkommen im Osten außerdem schneller als in den übrigen Bundesländern. Auch das treibe die Nachfrage nach Konsumgütern, heißt es in dem Bericht. In Berlin sei das Wirtschaftswachstum besonders stark.

    Moderates Antriebssurren: China und der Automobilbau

    Die Verlagerung der chinesischen Nachfrage von Industriegütern in Richtung Dienstleistungen würde die deutschen Exporteure besonders treffen. China, der weltwirtschaftliche Wachstumsmotor der vergangenen 20 Jahre würde allerdings auch selbst weiter Kraft verlieren, so die Forscher.

    Als weiteren Faktor nennen die Ökonomen die Probleme im Automobilbau. Denn die Branche stehe mit dem technologischen Schwenk zum Elektroantrieb am Beginn eines „drastischen Strukturwandels“.

    Ein Risiko speziell für die deutsche Konjunktur bestehe darin, dass der Strukturwandel in der Automobilindustrie mehr gutbezahlte Arbeitsplätze kostet und mehr Unternehmen aus dem Markt drängt. Der Kaufkraftrückgang, der mit einer Krise des Automobilsektors verbunden wäre, könnte die gesamtwirtschaftliche Nachfrage in Deutschland spürbar dämpfen.

    Im Jahr 2020 dürfte allerdings eine leichte Belebung der internationalen Konjunktur die Nachfrage nach Industriegütern und damit den deutschen Export wieder anziehen lassen, prognostizieren die Forscher. Jedoch würde der – auch wegen der seit einiger Zeit deutlich steigenden Lohnstückkosten – nicht allzu hoch ausfallen.

    Arbeit, Leben, Wohnen

    Recht deutliche Lohnzuwächse, die die Forscher ausmachten, würden andererseits die binnenwirtschaftliche Nachfrage stabilisieren. Die Entwicklung der Tariflöhne sei 2019 im Vergleich zum Vorjahr um 3,2 Prozent gestiegen, im künftig soll ein Zuwachs von 2,2 Prozent zu Buche schlagen. Effektivlöhne, also die tatsächlich ausbezahlten Arbeitsentgelte steigen 2020 um 2,4 Prozent im Vergleich zu 2019, die Veränderung gegenüber dem Vorjahr lag bei 3,2 Prozent.

    Da die Finanzpolitik weiter expansiv wirke, werden die sehr günstigen Finanzierungsbedingungen und die Wohnungsknappheit in den Ballungsräumen den Bauboom am Leben halten, so die Forscher. „Alles in allem ist mit einer langsamen Belebung der deutschen Wirtschaft im Lauf des Jahres 2020 zu rechnen“, so Holtemöller.

    Die Inflation der Verbraucherpreise bleibe moderat. Die Beschäftigung nehme allerdings nur noch wenig zu: Von 45.249.000 auf schätzungsweise 45.407.000 Erwerbstätige, bei 2.253.000 Arbeitslosen im kommenden Jahr – basierend auf der Definition der Bundesagentur für Arbeit.

    Politikbestimmte Konjunkturflaute - Rückschlag bei Aktienbewertungen erwartet

    Das wichtigste Konjunkturrisiko sehen die Wirtschaftswissenschaftler in der erneuten Zuspitzung der Handelskonflikte zwischen den USA und China oder der Europäischen Union. Erst jüngst hat das US-Repräsentantenhaus beschlossen, die Gaspipeline Nord Stream 2 mit Strafmaßnahmen zu belegen.

    Insgesamt würde ein zu erwartender deutlicher Rückschlag bei den insbesondere in den USA und in Japan hohen Aktienbewertungen die weltweiten Finanzierungsbedingungen verschlechtern, so die Wissenschaftler.

    Generell würde die Weltwirtschaft künftig aber wieder etwas anziehen, weil der Gegenwind von den Handelskonflikten nachlasse, so die Wissenschaftler: Die Forscher machen seit Herbst 2019 Anzeichen für eine Entspannung in den Handelskonflikten der USA aus, zudem sei ein harter Brexit unwahrscheinlich geworden. Jüngste Produktionsdaten deuteten allerdings noch nicht auf eine durchgreifende Besserung der internationalen Konjunktur hin, heißt es.

    Da die Zukunft der politischen Rahmenbedingungen für den internationalen Handel unsicher bleibe, sei auch absehbar nicht mit einem kräftigen weltwirtschaftlichen Aufschwung zu rechnen.

     

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    Neue Bundesländer, Ostdeutschland, Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), Wirtschaftsforschung Halle (IWH), Wirtschaft, Deutschland