05:35 19 Januar 2020
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    US-Sanktionen gegen Nord Stream 2 (40)
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    Russland kann Nord Stream 2 alleine fertigstellen, wenn die Schweizer Firma Allseas nach Bekanntgabe der US-Sanktionen nicht auf die Route in der Ostsee zurückkehrt. In diesem Fall wird sich die Fertigstellung der Gaspipeline in die zweite Jahreshälfte 2020 verlagern. Im Interview mit Sputnik untersuchten Experten die Entwicklung der Ereignisse.

    Das Schweizer Unternehmen Allseas, das die Rohre für die Nord Stream 2 verlegt, hat die Arbeiten eingestellt, um auf die Klärung durch das US-Finanzministerium zu warten, um den amerikanischen Markt nicht zu verlieren, meint Alexej Subets, Direktor des Instituts für Wirtschaftsforschung bei der russischen Regierung:

    „Allseas, das einzigartige Rohrverlegungsschiffe besitzt – ‚Pioneering Spirit‘, ‚Solitaire‘ und ‚Audacia‘ - verfügt über langjährige Aufträge, die an amerikanische Unternehmen gebunden sind. Wenn die Schweizer unter US-Sanktionen gelangen, verlieren sie diese Verträge. Aber wenn die Amerikaner erklären, dass es 30 Tage Zeit gibt, um die Arbeit fortzusetzen, könnte Allseas zur Route zurückkehren. Wenn die Firma den Bau der Pipeline bis zur deutschen Küste einfach aufgibt (die Gesamtlänge beider Leitungen beträgt 160 km) und die US-Sanktionen von den Anwälten der Nord Stream 2 AG nicht als Umstände höherer Gewalt anerkannt werden, drohen dem Unternehmen andere Sanktionen“, betonte Alexej Subets.

    Der stellvertretende Generaldirektor des Instituts für Nationale Energie, Alexander Frolow, merkte an, dass Allseas einen Tag vor der Unterzeichnung der Sanktionen mit der Arbeit aufgehört hatte. „Es ist daher unfair, sich auf Umstände höherer Gewalt zu beziehen, weil die Arbeiten vor der Einführung des Sanktionsgesetzes eingestellt wurden. Wenn das US-Finanzministerium bestätigt, dass das Unternehmen 30 Tage Zeit hat, reicht dies aus, um den dänischen Anschnitt fertigzustellen“, vermutet der Experte.

    Wenn man über die Perspektiven der Gaspipeline spricht, wird sie natürlich gebaut. Die Frage sei, wann und von wem. Gazprom verfüge nur über zwei Verlegeschiffe. Eines davon befinde sich in der Ostsee – die „Fortuna“. Aber dieses Schiff werde die Arbeiten an der Stelle, an der die Allseas-Schiffe anhielten, kaum abschließen können, meint Alexander Frolow:

    „Die ‚Fortuna‘ entspricht nicht den Anforderungen der dänischen Seite. Das Schiff  verfügt nicht über eine dynamische Positionierung - es kann seine Position je nach Seegang nicht automatisch ändern. Das zweite Schiff, die‚Akademik Cherskiy‘, das sich im Hafen von Nachodka im Fernen Osten befindet, verfügt über ein solches System. Wenn es die Nordroute nimmt, kann es in weniger als zwei Monaten die Ostsee erreichen. Aber im Gegensatz zum Schweizer Schiff, das eine Pipeline mit einer Geschwindigkeit von fünf bis sechs Kilometern pro Tag bauen kann, beträgt seine Verlegegeschwindigkeit jedoch einen Kilometer pro Tag.“

    In diesem Fall kann der Bau beider Stränge von Nord Stream 2 erst in der zweiten Hälfte des Jahres 2020 abgeschlossen werden. Diese Verzögerung ist laut Alexej Subets  jedoch nicht kritisch, zumal die deutsche Seite die Bodeninfrastruktur, die mit Gas von Nord Stream 2 versorgt werden soll, noch nicht fertiggestellt hat.

    Dem Experten zufolge könnte Russland auch chinesische Unternehmen für die Fertigstellung des Projekts gewinnen. Die Chinesen haben etwas Erfahrung: Sie hatten ein Elektrokabel vom russischen Festland über den Meeresboden bis auf die Krim gezogen, als Kiew den Strom für die Halbinsel abgeschaltet hatte. Auch chinesische Unternehmen gerieten damals unter Sanktionen, was sie jedoch nicht aufhalten konnte.

    Darüber hinaus kann Russland ein eigenes Schiff bauen, mit dem Rohre auf dem Meeresboden verlegt werden können. Laut dem Leiter der Vereinigten Baukorporation Russlands, Alexej Rachmanow, kann im Unternehmen in eineinhalb bis zwei  Jahren ein solches Schiff  konstruiert und in drei bis vier  Jahren gebaut werden. Künftig kann es in Projekten eingesetzt werden, die im Fernen Osten oder im Hohen Norden Russlands entstehen können.

    Die Option, ein ausländisches Verlegeschiff zu kaufen, würde nicht vor Sanktionen schützen. Nach US-amerikanischem Recht, das in Kraft getreten ist, würden Sanktionen auf die eine oder andere Weise verhängt werden, sagt Alexander Frolow. „Der Kauf des Rohrverlegungsunternehmens wird dazu führen, dass Sanktionen weiterhin verhängt werden. Das Gesetz ist so konzipiert, dass sie nicht umgangen werden können. Aber wir leben jetzt seit mehr als einem Jahr unter Sanktionen und das geht auch.“

    Wenn es der Nord Stream 2 AG nicht gelingen sollte, schnellstens adäquate Ersatzschiffe zu bekommen oder vielleicht die beiden Allseas-Schiffe zu kaufen, werde viel Zeit ins Land gehen, warnt Dr. Siegfried Fischer, Senior Fellow am Potsdamer Institut für Internationale Politik, in einem Sputnik-Kommentar. 

    Der namhafte deutsche Energieexperte Stephan Kohler hatte unlängst im Gespräch mit Sputnik davor gewarnt, dass die europäischen Firmen, die Nord Stream 2 in der Ostsee verlegen, nicht mehr weiter arbeiten können würden. Dann werde es zu einem Stillstand in den Arbeiten kommen, und man werde alternative Optionen nutzen müssen, die allerdings kostspieliger und langsamer sein würden. Die deutschen bzw. europäischen Politiker müssten härter auf diese Situation reagieren, meinte der Ex-Chef  der Deutschen Energie-Agentur DENA.

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    Tags:
    USA, Allseas Group, Gazprom, Ostsee, Nord Stream 2