02:58 11 August 2020
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    Das Präparat Concor zur Bluthochdrucktherapie, das jährlich gut 2,5 Millionen Russen einnehmen, wird jetzt vor Ort im Gebiet Kirow von der biopharmazeutischen Firma NANOLEK produziert. Damit soll der Bedarf russischer Patienten nach ihm voll gedeckt und das ambitionierte Ziel der Lebenserwartung von über 80 Jahren erreicht werden.

    Dabei wird es schon ein russisches Arzneimittel sein, das sich an Qualität mit Weltspitzenerzeugnissen messen kann, aber viel billiger als die importierten sein wird. Die Herz- und Gefäßkrankheiten stellen nämlich nach wie vor die bedeutendste Todesursache in Russland dar. Auch weltweit entfallen darauf 30 Prozent der Todesfälle. In Russland aber stirbt daran beinahe jeder Zweite. Und das erklärt, warum Concor gemessen an der Nachfrage in Russland in Führung liegt.

    Die Zahl der Todesfälle infolge von arterieller Hypertonie, koronarer Herzkrankheit und chronischer Herzinsuffizienz zu reduzieren, sei eine strategische Aufgabe der russischen Pharmaindustrie, behauptet einer der führenden Kardiologen Russlands, Juri Karpow.

    „Bei Concor handelt es sich um ein effizientes Arzneimittel zur Behandlung der koronaren Herzkrankheit, darunter der Angina Pectoris sowie der akuten Form des Herzinfarkts. Solchen Patienten wird das Präparat in erster Linie verordnet, was die Todesrate bei ihnen wesentlich reduziert. Es ist preiswert und daher für Patienten erschwinglich. Auch läuft in der Region Kirow ein Programm zur Kostenerstattung für Medikamente, die auf ärztliche Anordnung gekauft wurden, in Höhe von 55 Prozent.“

    Zu den ökonomischen Gründen der Lokalisierung meinte im Sputnik-Interview Matthias Wernicke, Generaldirektor von „Merck Biopharma“ in Russland, Folgendes: „Das ist seit Jahren ein Kernbestandteil unserer Strategie. Und wir sind sehr froh und stolz darüber, dass wir da schon jetzt viel erreicht haben. Es sind zwei Gründe, warum wir es tun. Als internationales Pharmaunternehmen wollen wir unsere Patienten weltweit mit den Produkten stabil versorgen. Dafür ist eine lokale Produktion sinnvoll. Natürlich muss man einen Business Case berechnen, aber für ein Land wie Russland, das ein großer wachsender Markt ist und ein großes Gesundheitssystem hat, das besser und besser ausgestaltet wird, ist es sinnvoll, lokal vor Ort zu sein.“

    Matthias Wernicke, Generaldirektor von „Merck Biopharma“ in Russland, (2R) bei Pressekonferenz in Moskau
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Matthias Wernicke, Generaldirektor von „Merck Biopharma“ in Russland, (2R) bei Pressekonferenz in Moskau

    Und der zweite Grund sei, so der „Merck Biopharma“-Chef, dass die russische Politik stark darauf dränge, dass internationale Unternehmen lokal produzieren. „Da wir uns als Partner der russischen Wirtschaftspolitik profilieren wollen, sind wir lokal in Russland engagiert. Wir schaffen in Russland Arbeitsplätze und Know-how, um eine starke russische pharmazeutische Produktion aufzubauen.“

    Partnerschaft vs. Konkurrenz?

    Das Werk in Kirow sei ein unabhängiger Merck-Partner, erläutert Wernicke. „Langfristig sehen wir, dass die russische pharmazeutische Produktion immer stärker wird. Und natürlich sind auch viele Unternehmen dabei, die wir im Alltag als Konkurrenten erleben, völlig klar. Das ist aber unvermeidlich. Das hat mit unserer Lokalisierungsstrategie per se nichts zu tun. Ob wir lokalisieren oder nicht, macht dies die Konkurrenz nicht stärker oder schwächer. Das ist eine ganz natürliche Entwicklung, dass die russische pharmazeutische Industrie immer stärker wird. Und es ist auch gut so.“

    Schwierigkeiten der Lokalisierung

    Bei der Lokalisierung im pharmazeutischen Bereich seien die regulatorischen technologischen Qualitätsansprüche ungleich höher als in manch anderer Branche, urteilt der Top-Managerdes führenden deutschen Forschungs- und Technologieunternehmens. „In der pharmazeutischen Industrie geht es um das Wohl der Patienten. Und ihr Wohl ist in jedem Land der Welt, auch in Russland, so hoch reguliert, dass man nicht eine Produktion startet, bevor man nicht Schritt für Schritt sichergestellt hat, dass zu 100 Prozent die Qualität absolut gegeben ist. Und das dauert eine Zeit. Deswegen haben wir in Kirow zwischen Unterzeichnung bis heute fast fünf Jahre gebraucht, um das Projekt zu realisieren. Technologietransfer im pharmazeutischen Bereich ist komplex und dauert lange.“

    Der Präsident des Unternehmens NANOLEK, Wladimir Christenko, betonte, dass jedes Präparat vor der Freigabe bis zu 500 Qualitätsprüfungen unterzogen werde, um ein hochwertiges Arzneimittel zu bekommen.

    „Bis vor kurzem wurde allgemein geglaubt, russische Präparate hätten verglichen mit ausländischen eine niedrigere Qualität. Deshalb gehen einige, wenn sie mal nach Deutschland kommen, in eine Apotheke und kaufen ein deutsches Präparat, um es nach Russland mitzubringen. Bei Concor ist es nicht mehr erforderlich, weil Merck sein Gütezeichen nie einem Präparat verleihen würde, an dessen Qualität das Unternehmen zweifelt. Also garantieren wir gemeinsam die deutsche Qualität im russischen Werk.

    Der geschäftsführende Direktor des Kirower Unternehmens, Maxim Stezjuk, fügt hinzu: „Wir schaffen in der Region nicht nur Arbeitsplätze, sondern wir bilden Fachleute aus, indem wir mit Hochschulen kooperieren. „Wir eignen uns neue Verfahren an, um dann etwas Neues, Eigenes zu machen. Dies resultiert anschließend in neue Investitionen und in die Entwicklung der ganzen Region.“

    Betriebsleute erwähnten ferner den Ausbau ihrer fachlichen Kompetenzen und auch, dass jedes neue Arzneimittel durch die inzwischen gesammelten Erfahrungen immer schneller implementiert werden könne. Christenko erläutert:

    „Ein wichtiger Faktor ist, wo der Mehrwert bleibt. Dank der Verlagerung der Produktion in unser Werk wird er nicht in Deutschland, sondern in Russland bleiben, und zwar zusammen mit den Arbeitsplätzen, Steuern und Löhnen.“

    Dazu kommen niedrigere Logistikkosten, weil die Anlieferung der Präparate aus dem Ausland, ihre Zollabfertigung usw. sich erübrigen. Merck wolle, so Wernicke, auch die Produktion anderer Medikamente lokalisieren, etwa gegen Diabetes, und das auch in Zusammenarbeit mit anderen Herstellern, weil das Unternehmen an die Übertragung der deutschen Kompetenzen glaube: „Wir haben mehrere Produkte in Russland, die von der Herstellung deutlich komplizierter sind und die wir auch weiterhin lokalisieren. Die neuen Projekte sind aufwändiger, aber wir sind guten Mutes, dass wir auch in den nächsten Jahren die volle Produktion vor Ort haben werden. Das sind onkologische Produkte und Produkte im Bereich multiple Sklerose, schwierige Krankheiten mit hochspezifischen biologisch hergestellten Produkten, targeted therapies, wie wir das so sagen.“

    Das weltbeste Reifenwerk von Continental befindet sich in Russland

    Der Vorstandsvorsitzende der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer, Matthias Schepp, hat darauf hingewiesen, dass die deutsche Geschäftswelt unter ausländischen Firmen der Vorreiter der Lokalisierung ihrer Produktion in Russland ist. „Laut der Deutschen Bundesbank haben 2018 die Nettodirektinvestitionen in Russland 3,2 Milliarden Euro betragen. Diese Zahl ist seit zehn Jahren die höchste und die zweitbeste seit dem Zerfall der Sowjetunion. Es gibt weltweit kein anderes Land, wo die Kontakte der deutschen Unternehmer zu den Behörden so gut organisiert sind. Dies betrifft sowohl die höchste Ebene, etwa Putins jüngstes Treffen mit den deutschen Industriekapitänen, als auch die der Ministerien.“

    Schepp machte auch folgendes Geständnis: „Bei der Jubiläumsfeier des Continental-Reifenwerks in der Kaluga-Region sagte ein Vorstandsmitglied des deutschen Konzerns, dass sich das beste von den 21 Continental-Werken weltweit in Russland befinde. Dies liege nicht an der modernen Technologie, sondern an den russischen Ingenieuren. Sie seien in der Lage, schnell Probleme zu lösen, die nirgendwo sonst gelöst werden können, darum schicke man sie nach Deutschland und in die USA, damit sie ihre Erfahrungen dort mitteilen.“

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    Tags:
    Pharmazie, Lokalisierung, Deutschland, Russland, Merck