16:25 18 Februar 2020
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    „In der Nahost-Krise wird der Petro-Dollar häufig übersehen“, sagt Wirtschafts-Experte Dimitri Speck zu aktuellen Entwicklungen in der Weltwirtschaft. Im Sputnik-Interview erklärt der erfahrene Goldmarkt-Kenner, warum das Edelmetall der gefährlichste Konkurrent für den US-Dollar ist. Und wie sich Staaten durch Gold vor US-Sanktionen schützen.

    „Bei der ganzen Nahost-Thematik wird häufig ein Punkt zu wenig thematisiert: Und das ist der sogenannte Petro-Dollar“, sagte Buchautor und Goldmarkt-Experte Dimitri Speck im Sputnik-Interview. Nach der gezielten Drohnen-Ermordung des iranischen Generals Qassem Soleimani durch die USA geriet der Goldmarkt zum Jahresanfang zunächst kurzzeitig in Turbulenzen, mittlerweile hat sich das Edelmetall allerdings schon wieder sehr positiv erholt. Der Goldpreis in Euro stehe kurz „vor neuem Allzeithoch“, meldete beispielsweise „Finanzmarktwelt.de“ am vergangenen Sonntag.

    „Wir haben die Situation“, so Gold-Analytiker Speck, „dass der US-Dollar die Weltleitwährung und die Welt-Reservewährung ist. Der Dollar wurde in den 1960er Jahren von der US-Regierung aus folgendem Grund konzipiert: Um ein laufendes, schleichendes Defizit fahren zu können. Über viele, viele Jahre. ‚Unbegrenzt‘, hieß es damals in den mittlerweile freigegebenen Diskussionspapieren. Damit haben sich die USA in eine Sonderrolle positioniert – und der Petro-Dollar ist ein Teil davon.“

    Welche Rolle der „Petro-Dollar“ in der Weltpolitik hat

    „Der Petro-Dollar ist Teil der internationalen Welt-Finanzordnung“, erläuterte der Wirtschafts-Experte. „Historisch gesehen war im internationalen Geschäft immer ein Warengeld – nämlich Gold, Silber oder ähnliches – maßgeblich. Es hat sich erst in den 60er Jahren geändert, dass ein Land, die USA, mit ihren Schuldscheinen (den Dollar-Scheinen, Anm. d. Red.) hier dominieren konnten. Das ist welthistorisch gesehen komplettes Neuland. Das wurde von den USA eben auch benutzt, um ihr Defizit zu finanzieren.“

    Die USA haben es sich laut dem Gold-Kenner mit dieser Strategie so „ermöglicht, als einziges großes Land der Welt laufend ein Leistungsbilanzdefizit zu fahren. Vereinfacht gesagt: Mehr zu importieren als zu exportieren. Der ganze Konflikt in Nahost, der jetzt den Goldpreis und die Aktienmärkte nach oben und nach unten bewegt hat, hängt damit zusammen. Auch weil Saudi-Arabien den USA in den 70er Jahren zugesagt hatte: Zum Einen die Erlöse aus den Öl-Verkäufen in den USA zu finanzieren. Also durch saudischen Öl-Export die USA direkt zu finanzieren. Und Zweitens: Alles Öl auch nur in Dollar (auf dem Weltmarkt, Anm. d. Red.) zu verkaufen. Wodurch eben auch Dritte (und andere Markteilnehmer, Anm. d. Red.) dazu veranlasst werden, Dollar-Reserven zu halten. Um dadurch eben das Leistungsbilanzdefizit und den Schuldschein der USA indirekt mit zu finanzieren. Daran haben sich alle Staaten mehr oder weniger gehalten – Saudi-Arabien war damals führend.“

    Führt „Konkurrent“ Gold zum Ende des „Petro-Dollars“?

    Saudi-Arabien erhielt seitdem für seine „dollarisierte“ Öl-Politik Sicherheitsgarantien von Washington als Gegenleistung. Der gesamte Konflikt im Nahen Osten und im arabischen Raum hänge eben mit dieser Problemlage zusammen. Fraglich sei, so Speck, ob dieses System nun kurz vor der Ablösung und dem Ende stehe.

    „Wenn die USA (wie mehrfach von US-Präsident Donald Trump angekündigt, Anm. d. Red.) sich jetzt aus diesem Raum zurückziehen – Das ist ja noch nicht entschieden. Aber wenn die USA das mittel- und langfristig machen würden, dann bedeutet das letztlich auch das Ende dieser Dollar-Position, dass fortlaufend ein Defizit gefahren werden kann. Die Saudis können sich im Gegenzug für den Petro-Dollar auch politisch einiges erlauben.“ Obwohl der Dollar und damit auch der Petro-Dollar schon seit längerem in der Krise seien, „wird er wohl nicht von ein Tag auf den anderen so einfach verschwinden. Das ist ökonomisch gesehen einer der Hauptpunkte bei der Nahost-Krise. Das bedeutet einfach ein Weggang vom Dollar und ein Hingang zur einzigen Alternative: Zum Gold in der internationalen Reservehaltung. Der Euro ist keine Alternative wegen seiner monetären Problematik und die chinesischen und japanischen Währungen sind es auch nicht.“

    Ausblick 2020: „Goldpreis wird sich weiter positiv entwickeln“

    Der Goldpreis werde sich im noch jungen Jahr 2020 „sehr positiv“ entwickeln, blickte der Edelmetall-Fachmann voraus.

    „Wir werden – Korrekturen vorausgesetzt – mit deutlich steigenden Goldpreisen rechnen können. Das gilt auch für 2020. Einen Rückschlag für den Goldmarkt kann es immer geben. Aber ich sehe einen solchen aktuell konkret nicht.“ Aus Anleger-Sicht „ist Gold jetzt aufgrund einer desolaten Überschuldung im Welt-Finanzsystem sowie den hier genannten Gründen auf absehbare Zeit eine sehr aussichtsreiche Geldanlage“, gab der Goldmarkt-Experte einen Tipp für Edelmetall-Halter, Anleger und Gold-Interessierte.

    Warum US-Dollar im Vergleich zum Gold immer nur verlieren kann

    Das Edelmetall „hat gegenüber dem Dollar viele Vorteile“, erläuterte der Gold-Experte grundsätzliche Fakten.

    „Gold kann nicht entwertet werden. Weder durch Inflation noch durch Bankrotte. Das ist die ökonomische Seite. Aber es gibt natürlich noch einen politischen Vorteil: Gold ist staatenunabhängig. Wir erleben derzeit, dass die USA sehr stark versuchen, ihre Macht dadurch auszuüben, indem sie Sanktionen aussprechen. Und diese beziehen dann eben auch die Dollar-Reserven mit ein.“ Laut Speck haben die USA Medienberichten zufolge dem Irak damit gedroht, das irakische Konto bei der US-Zentralbank einzufrieren. „Das heißt: Reserven in Dollar (die andere Staaten halten, Anm. d. Red.) sind für die USA auch immer ein potentielles Erpressungsmittel. Auch deshalb ist ein Umschwung zum Gold zu sehen. Denn einzig Gold, das im Inland lagert – macht ein Land nicht erpressbar. Im Ausland befindliche Dollar-Reserven sind am leichtesten zu sanktionieren durch die USA. Das ist sicherlich für Russland eines der Hauptmotive, verstärkt ins Gold zu wechseln.“

    Experte: „Russland schützt sich mit Gold vor US-Sanktionen“

    Russlands Zentralbank kauft seit Jahren verstärkt das glänzende Edelmetall für die nationalen Reserven ein. Der russische Staat besitzt dem „World Gold Council“ zufolge aktuell fast 2220 Tonnen Gold. Das russische Gold bedeute eben auch einen Schutz für die Russische Föderation vor drohenden und bereits getätigten US-Sanktionen.

    „Je mehr die USA mit Sanktionen drohen oder diese sogar aussprechen, desto mehr ist es für Zentralbanken und Staaten von Bedeutung, sich vom Dollar abzuwenden“, bilanzierte Wirtschafts-Analytiker Speck. „Das ist der Preis, den die USA dafür zahlen.“

    Speck erinnerte im aktuellen Interview an die deutsche Gold-Rückhol-Aktion „Holt Unser Gold Heim“, der er sich damals angeschlossen hatte. Sputnik berichtete 2017 ausführlich über die bis heute nur teilweise erfolgreiche Initiative. Nur wenn sich das komplette bundesdeutsche Gold im Inland befinde, sei die Bundesrepublik auch tatsächlich unabhängig und geschützt vor eventuellen US-Sanktionen, betonte der Goldmarkt-Insider.

    Rückblick: Die Anschläge auf saudische „Aramco“-Öl-Anlagen

    Die Anschläge auf die „Aramco“-Förderanlagen in Saudi-Arabien vor wenigen Monaten hatten laut ihm weniger den Petro-Dollar an sich gefährdet. Jedoch wurden dadurch US-Aktienmärkte und Währungen „schwer getroffen.“

    Falls der Iran tatsächlich hinter der Attacke stecke, „war das ein starkes Signal an die USA, dass der Iran eben (über solche gezielten Anschläge, Anm. d. Red.) die Öl-Förderung drastisch einschränken kann. Der Iran hatte natürlich guten Anlass, so ein Signal zu senden. Es gab immer wieder Bedrohungen aus den USA, aber auch von US-Verbündeten wie Saudi-Arabien, Israel oder Ägypten, den Iran militärisch anzugreifen. Iran leidet auch unter den Wirtschafts-Sanktionen, die einer Wirtschaftsblockade mehr oder minder gleichkommen. Sprich: Teheran versucht hier wohl auch einen kleinen Befreiungsschlag. Da ist der Petro-Dollar aber nur ein Baustein. Ich weiß nicht, ob das den Iranern so bewusst ist.“

    Mögliches Szenario: „Die USA werden es zu spät verstehen …“

    Vor dem Hintergrund der Erfahrungen mit dem Petro-Dollar forderte Speck: „Die nächste Welt-Währungsordnung muss und wird meines Erachtens wieder eine härtere Währungsordnung sein. Sie müssen eins sehen: Dieses laufende Defizit bedeutet, dass die USA, die früher die größte Gläubigernation der Welt waren, jetzt die größte Schuldnernation der Welt sind. Die USA haben natürlich ein Interesse daran, sich zu entschulden. Durch eine Inflation beispielsweise. Weil diese Entschuldung dann (durch die weltweit breit verteilten Dollar-Reserven, Anm. d. Red.) hauptsächlich das Ausland trifft.“

    Der Finanz-Experte entwarf ein Szenario, was danach kommen könnte: „Die USA machen sich nicht klar: Wenn das einmal geschehen ist, dass dann ausländische Zentralbanken weiter freudig Dollar-Schuldpapiere kaufen wollen.“ Damit wäre es dann nämlich endgültig vorbei. „Das ist sehr unwahrscheinlich.“ Dann gebe es einen noch stärkeren „Run“ und eine noch stärkere Nachfrage nach Gold als das bisher ohnehin schon der Fall ist.

    Mehr Informationen zum Goldpreis lassen sich auf der Website von Gold-Analytiker Dimitri Speck: „Seasonax“ finden.

    Das Radio-Interview mit Goldmarkt-Experte Dimitri Speck zum Nachhören:

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    Tags:
    Dimitri Speck, Gold, US-Dollar, Nahost