03:09 02 April 2020
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    Palladium ist ein wichtiger Rohstoff für die deutsche Autoindustrie – und kostet aktuell fast 1000 US-Dollar mehr als Gold. Finanzmedien melden ein „Allzeithoch“. Sputnik hat bei dem erfahrenen Rohstoff-Experten Martin Siegel nachgefragt, was den Palladium-Preis nach oben treibt. Und: Ob das Metall für Anleger eine Alternative zum Gold darstellt.

    Wer momentan auf Charts und Preistafeln bei den Rohstoffen schaut, muss sich vielleicht verwundert die Augen reiben: Eine Unze Palladium (etwa 2390 US-Dollar) liegt beim Preis jetzt circa 830 Dollar über dem Goldpreis, der aktuell bei etwa 1560 Dollar taxiert wird.  

    „Kein Rohstoff hat sich zuletzt so stark verteuert wie Palladium“, kommentierte das „Handelsblatt“ Ende Januar das aktuelle Preishoch. „Das trifft vor allem die Autoindustrie. Für Privatanleger bleibt ein Investment riskant.“ Das Wirtschafts-Fachblatt „Capital“ titelte vor wenigen Tagen: „Palladium stiehlt Öl und Gold die Show.“

    Autos „Made in Germany“: Ohne Palladium fährt nichts

    Vor allem für Deutschlands bedeutendsten Industriezweig, der Automobilbranche, ist Palladium seit jeher von unschätzbarem Wert. Denn es wird in großen Mengen in der Autoindustrie genutzt und gilt neben Platin und Rhodium als wirtschaftlich wichtiges Platinmetall. Bei der Produktion von Drei-Wege-Katalysatoren ist Palladium unerlässlich. Daneben findet es Anwendung in der Elektronik, der Zahnmedizin oder auch in Brennstoffzellen. In der Schmuckindustrie wird es mit Gold zu Weißgold legiert, und so kann Palladium eben auch in handelsüblichem Schmuck gefunden werden.

    Die weltweit größten Vorkommen befinden sich in Südafrika und Russland. Aber auch auf den Philippinen sowie in den USA und Kanada wird Palladium abgebaut. Unter der Erde kommt es häufig als gediegener Begleiter von Gold und Platinmetallen vor. Palladium wird als chemisches Element der Nickelgruppe zugeordnet und ist ein Übergangsmetall.

    Das treibt Palladium aktuell in die Höhe

    „Wir haben aktuell beim Palladium Versorgungsprobleme, weil in Südafrika (auch wegen Stromkrisen wie im Dezember, Anm. d. Red.) immer wieder die Produktion ausfällt“, sagte Goldmarkt- und Rohstoff-Analytiker Martin Siegel, Geschäftsführer der Fondsgesellschaft „Stabilitas Fonds“, im Sputnik-Interview. Mit Blick auf das aktuelle Preishoch bei Palladium betonte er:

    „Gleichzeitig bleibt die Nachfrage nach Palladium auf Rekordniveau. Auch wenn in manchen Bereichen weniger Autos produziert werden, ist es doch so, dass die Abgasvorschriften weltweit immer weiter anziehen. Das heißt: Man braucht immer bessere Katalysatoren, die mit mehr Metall bestückt werden, so dass die Palladium-Nachfrage weltweit steigt und sich auf einem Allzeithoch befindet. Das führt aktuell dazu, dass der Preis durch einen Flaschenhals-Effekt nach oben getrieben wird. Wo das endet, ist nicht ganz klar.“

    Palladium: Eine Alternative zu Gold?

    Trotz des gegenwärtigen Rekordhochs beim Palladium sei das Platin-Metall jedoch aus Anlegersicht nicht in der Lage, mit dem Edelmetall Gold zu konkurrieren.

    „Palladium ist im Vergleich zu Gold völlig unattraktiv“, erklärte Siegel. „Erstmal ist der Palladium-Markt viel kleiner als der Goldmarkt. Das heißt: Ich habe eine viel größere Handelsspanne zwischen An- und Verkauf. Dazu gibt es noch die Problematik, dass beim Ankauf die Mehrwertsteuer bezahlt werden muss, die man beim Verkauf nicht zurückerhält. Es gibt keine gängigen Produkte. Theoretisch wäre das für gebrauchtes Palladium als Sekundärware möglich. Allerdings kenne ich keinen Händler, der solche Angebote anbietet.“ Er würde Kleinanlegern von Palladium als Investition abraten. Gold und Silber seien da schon die deutlich bessere Wahl.

    Was den Palladium-Preis wieder zum Fallen bringen könnte

    Allerdings räumte der Rohstoff-Analytiker aus Nordrhein-Westfalen ein, „dass mittlerweile auch Produzenten angefangen haben, wieder auf Platin umzurüsten. Längerfristig wird es so sein, dass die Nachfrage nach Palladium sinkt und die Platin-Nachfrage steigt – und dass somit dieser Effekt, den wir jetzt beobachtet haben, wieder ausläuft.“

    Dazu erwähnte der Finanz-Experte noch, dass der in Russland beheimatete größte Palladium-Produzent der Welt, „Nornickel“ (früherer Name: „Norilsk Nickel“), angekündigt hat, „ab nächstes Jahr die Palladium-Produktion erhöhen zu wollen. Wenn das gelingt, wird das einen dämpfenden Einfluss auf den Palladium-Preis haben.“

    Doch noch ist es nicht so weit. „Palladium-Preis überspringt erstmals die Marke von 1900 Dollar“, berichtete das „Handelsblatt“ im Dezember 2019. „Seit Jahresbeginn ist der Preis beim Edelmetall Palladium um fast 50 Prozent gestiegen. Eine Feinunze Palladium ist damit mittlerweile mehr als 400 Dollar teurer als die gleiche Menge Gold.“ Inzwischen ist selbst dieser Wert Makulatur, denn Palladium kostet jetzt fast schon 1000 Dollar mehr als das glänzende Edelmetall.

    Palladium hatte Ende 2018 erstmals seit 16 Jahren das Gold im Preis überholt.

    Klassische Verbrennungsmotoren und E-Autos

    Der Edelmetall-Experte Wolfgang Wrzesniok-Roßbach glaubt laut aktuellen Medienberichten, dass die Palladium-Preise langfristig wieder zurückgehen werden. Vor allem das Hochfahren der Elektro-Autoproduktion sorge generell für einen zunächst leichten, aber sich zunehmend beschleunigenden Rückgang der Nachfrage nach Autos mit klassischen Verbrennungsmotoren.

    „Ich würde diese Meinung teilen“, kommentierte Rohstoff-Analytiker Siegel im Sputnik-Gespräch diese Analyse. „Ich denke auch, dass der Palladium-Peak erreicht ist. Natürlich kann man nie in einer Marktenge, in einem sogenannten ‚Squeeze‘, den wir grade haben, den letzten absoluten Preis vorhersagen. Allerdings werden wir längerfristig oder auf Sicht von zwei bis drei Jahren sicherlich Palladium billiger einkaufen können als heute. Die Elektro-Mobilität hat für mich allerdings noch eine untergeordnete Bedeutung. Hier wird die Nachfrage nur langsam ansteigen. Die Produktion von klassischen Verbrennungsmotoren wird noch eine ganze Weile auf einem viel höheren Niveau liegen als bei Elektro-Motoren.“

    Auto-Industrie: 85 Prozent der weltweiten Palladium-Nachfrage

    Interessant sei jedoch mit Blick auf die Energiewende im Automobil-Sektor folgender Fakt: „Wenn man in diese Richtung denkt, dann sollte man sich die Platin-Nachfrage bei Elektro-Motoren oder bei Brennstoffzellen anschauen. Hier wird wieder Platin bevorzugt im Vergleich zum Palladium. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir im Gegenzug beim Platin längerfristig eine Erholung sehen werden.“ Der Platin-Preis je Unze liegt aktuell bei etwa 960 Dollar. Zum technischen Hintergrund: Palladium kommt vor allem in Benzinmotoren zum Einsatz, während in Dieselmotoren Platin verbaut wird.

    „Palladium steckt vor allem in Abgasreinigern, 85 Prozent der gesamten Nachfrage kommen aus der Autoindustrie“, berichtete die „Süddeutsche Zeitung“ vor wenigen Tagen. „In Katalysatoren reinigt Palladium die Abgase und zersetzt sie in Kohlendioxid und Wasserdampf. Aufgrund immer strengerer Abgasregeln stecken die Autohersteller derzeit immer mehr Palladium in ihre Wagen.“

    Bedroht Coronavirus die Rohstoff-Märkte?

    Im selben Beitrag sagte ein Wirtschaftsfachmann, dass das Coronavirus „am Rohstoffmarkt auf die Stimmung“ drücke. Gold- und Rohstoffmarkt-Experte Siegel gibt im Interview allerdings Entwarnung:

    „Ich glaube, dass das Coronavirus überhaupt keinen Einfluss auf die physische Nachfrage hat.“

    Denn: Auch tagesbedingte Preisschwankungen seien ganz normal für Rohstoffmärkte wie im Fall Palladium. Mögliche Auswirkungen des kürzlich in China ausgebrochenen Virus auf die Rohstoffmärkte würden „noch unterhalb der üblichen Tagesschwankungen liegen, die sowieso in jedem Markt vorhanden sind. Die jetzige Hysterie wird durch Terminmärkte, Anschlussverkäufe und chart-technisch bedingte Verkäufe ausgelöst. Wenn man sich zum Vergleich die Entwicklung beim SARS-Virus (brach 2002 in Asien aus, Anm. d. Red.) ansieht, das damals auch die Börsen belastet hatte: Da war nach drei Quartalen von diesen Folgen (für die Wirtschaft, Anm. d. Red.) nichts mehr zu sehen. Ich gehe davon aus, dass sich das beim Coronavirus genauso wieder entwickelt.“

    Das Radio-Interview mit Rohstoff-Experte Martin Siegel zum Nachhören:

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