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    Die deutsche Wirtschaft rechnet mit deutlichen Folgen, weil sich der Corona-Virus weiter ausbreitet. Es gibt aber kein „Worst Case“-Scenario, wie der Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Volker Treier, am Freitag in Berlin erklärt hat. Er warnt vor Panik und fordert Maßnahmen, um den Virus zu stoppen.

    „Wir fahren im Moment auf Sicht und zwar von Tag zu Tag.“ So geht die deutsche Wirtschaft nach den Worten von Volker Treier vom Deutschen Industrie- und Handelskammer-Tag (DIHK) derzeit mit den Auswirkungen des Corona-Virus um. Treier ist Außenwirtschaftschef des DIHK und sprach am Freitag mit Korrespondenten ausländischer Medien in Berlin.

    Dr. Volker Treier (DIHK) beim Pressegespräch mit dem Verein der ausländischen Presse in Deutschland (VAP) in Berlin
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Dr. Volker Treier (DIHK) beim Pressegespräch mit dem Verein der ausländischen Presse in Deutschland (VAP) in Berlin

    In den deutschen Unternehmen werde täglich entschieden, welche Treffen persönlich notwendig sind oder abgesagt werden müssen oder welche Messen besucht werden müssen bzw. auf welche verzichtet werden kann, wenn sie denn stattfinden. Das gelte auch für die Frage, ob Beschäftigte im Home-Office, also von zu Hause aus arbeiten können. Wichtiges Kriterium sei neben der gesundheitlichen Sicherheit die Frage des möglichen wirtschaftlichen Schadens.

    Die deutsche Wirtschaft fordert derzeit laut Treier von der Bundesregierung vor allem, alle Maßnahmen zu ergreifen, damit sich der Virus nur langsam verbreiten bzw. ganz gestoppt werden kann. Das sei derzeit wichtiger als die Frage, mit welchen Mitteln der Staat der betroffenen Wirtschaft unter die Arme greifen könne. Das werde dann diskutiert, wenn der Corona-Virus sich in Deutschland weiter ausbreiten sollte.

    Kein großer Notfall-Plan der Wirtschaft

    Für eine solche Situation, für den Fall einer Pandemie, gibt es den Worten von Treier nach keinen Notfallplan für die gesamte Wirtschaft. „Ein solches „Worst Case“-Scenario würde Chaos bedeuten, so der DIHK-Vertreter. Sich darauf so vorzubereiten, dass die Wirtschaft von den Folgen einer Pandemie nicht betroffen ist, sei nicht möglich, erklärte er auf entsprechende Frage von Sputniknews.

    „Sonst müssten wir permanent so große Ressourcen, so große Lager vorhalten und so viele Menschen beschäftigen müssen, dass die dadurch entstehende Kosten nicht zu beherrschen wären.“ Aber die Unternehmen seien nicht unvorbereitet, wie die Behörden auch, fügte Treier hinzu. „Es gibt Pandemie-Leitfäden. Es gibt Vorgaben, wer sich an wen wenden muss, wer haftet in welcher Situation. Aber es gibt nicht für jede Frage, die aufkommen kann, heute schon die Antwort.“

    Entsprechend blieb der DIHK-Außenwirtschaftschef die Antworten auf Fragen der Korrespondenten schuldig, was geschieht, wenn sich der Corona-Virus in Deutschland weiter ausbreitet. Er informierte aber über die Lage der rund 5.000 in China aktiven deutschen Unternehmen. Eine aktuelle Umfrage der DIHK unter 600 dieser Unternehmen habe gezeigt, dass es für die meisten „erhebliche bis sehr erhebliche Auswirkungen“ gebe.

    Folgen für Wirtschaft – aber keine Abhängigkeit von China

    Konkret handelt es sich um Produktionsausfälle, massive Reiseeinschränkungen, Beschäftigte, die zu Hause bleiben müssen, Lieferengpässe und fehlende Teile für die Produktion. Deutsche Autofirmen wie Volkswagen (VW), die in China produzieren, hätten Ausfälle bei Lieferungen in Höhe von 20 Prozent zu verzeichnen. Vor allem klein- und mittelständische Unternehmen (KMU) hätten in der Folge starke finanzielle Probleme.

    Die deutschen Exporte nach China als Handelspartner Nummer 1 der deutschen Wirtschaft haben laut Treier „erheblich gelitten“. Mit Blick auf die Situation in Italien erklärte er, es werde befürchtet, „das wichtige Vorprodukte ausfallen werden, die wir hierzulande brauchen“. Die bisherigen Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft seien vor allem durch die Wirtschaftsbeziehungen zu China bedingt.

    Der Anteil des Handels mit China mache aber insgesamt nur knapp zehn Prozent des gesamten Handelsvolumens der deutschen Wirtschaft aus. „Das ist keine Abhängigkeit“, fügte Treier hinzu. Es gebe in den verschiedenen Branchen aber Unterschiede, betonte der DIHK-Vertreter.

    Rückschlag wie bei Finanzkrise 2008 erwartet

    So seien vor allem die Elektro- und die Pharma-Industrie besonders betroffen. Gerade bei letzterer könne darüber diskutiert werden, ob eine Branche so sehr von den Lieferungen aus einem Land abhängig sein muss, wies die Pharma-Unternehmen von chinesischen Wirkstoffen seien. „Bei der Automobil-Industrie ist es gut, dass wir weltweit breit aufgestellt sind“, nannte er als Gegenbeispiel.

    Treier hatte am Donnerstag in einer Presseerklärung eingeschätzt: „Die Ausbreitung des Coronavirus wird der deutschen Wirtschaft in diesem Jahr erheblich zusetzen." Das konnte er am Freitag gegenüber den Korrespondenten ausländischer Medien noch nicht mit genauen Zahlen unterlegen. 70 Prozent der befragten deutschen Unternehmen in China rechnen nach seinen Worten für das erste Halbjahr 2020 mit Umsatzeinbußen in Höhe von 20 Prozent.

    Der DIHK-Außenwirtschaftschef rechnet durch den Corona-Virus mit einem „deutlichen Rückschlag, den wir so vielleicht in der Finanzmarkt-Krise 2008 hatten“. Das könnte hierzulande vor allem den Konsum-Bereich treffen, so Treier, wie es in China der Fall war und ist.

    „Wir dürfen jetzt alles andere tun als Panik machen, aber die wirtschaftlichen Auswirkungen dürfen wir auch nicht unterschätzen“, betonte er. „Für die Wirtschaftspolitik ist im Moment die erste Priorität: Wie kann man sinnvoller Weise, ohne die wirtschaftlichen Aktivitäten zu stark einzuschränken, die Ausbreitung des Virus auf mehr Menschen verhindern oder verlangsamen.“

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    Deutscher Industrie- und Handelskammertag (DIHK), Coronavirus