05:31 05 Juni 2020
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    Wind- und Wasserkraft aus dem Norden Russlands für Metropolen wie Hamburg und Berlin. Das verspricht das Projekt „Windbridge“, das Windräder und ein Gezeitenkraftwerk in der stürmischen und kalten Barentssee installieren will. Sputnik hat mit Forschern von dem Projekt gesprochen.

    Wenn es um Energie aus Russland geht, denkt man für gewöhnlich an Gas und Öl. Aber das große Land hat in seinem Norden, etwa an der Barentssee, auch großes Wind-Potential. Allerdings ist die Besiedlung in den windreichen Regionen nicht gerade hoch, sodass der produzierte Strom größerer Windparks über weite Strecken transportiert werden müsste.

    Kein Problem, könnte man vorschlagen, dann verlegen wir eben ein riesiges Kabel bis nach St. Petersburg und wenn wir schon dabei sind auch weiter über die Ostsee bis zum Mecklenburg-Vorpommerschen Lubmin – und versorgen über diesen Knotenpunkt Hamburg und Berlin mit erneuerbarem Strom. Das Projekt trägt den Namen „Windbridge“, zu Deutsch „Windbrücke“, und ist das Ergebnis eines wissenschaftlichen Austausches zwischen der Hochschule Stralsund und der Technischen Universität Kaliningrad.

    Murmansker Gebiet bietet ideale Windverhältnisse

    Die Forscher beider Universitäten hatten die Möglichkeit eines Ausbaus der erneuerbaren Energien in Russland untersucht und wurden dabei in Gesprächen mit Kollegen aus St. Petersburg und Moskau auf die guten Windbedingungen im Murmansker Gebiet an der Barentssee hingewiesen. Das erklärt Edgar Harzfeld, der an der Hochschule Stralsund zu Elektrischer Energietechnik und Erneuerbaren Energien lehrt, gegenüber Sputnik.

    „Die Kombination der Windenergie im westeuropäischen Teil beziehungsweise in Deutschland mit Wind aus der Barentssee könnte zum Beispiel dazu beitragen, dass die Volllaststunden aus Wind sich verdoppeln von nunmehr gegenwärtig 3000 Stunden auf 6000 Stunden“, schildert der Ingenieur das Potential im äußersten russischen Norden unweit der Grenze zu Finnland. „Diese Erhöhung der Volllaststundenzahl würde dazu beitragen, dass auch die Installationsleistung nicht allzuhoch ausfallen muss.“

    Ein Kabel von Murmansk bis nach Lubmin

    Die Voraussetzung hierfür ist die Installation von Windanlagen in dem Gebiet und die Verbindung der Windparks zum Anschlussknoten in Lubmin, von wo aus der Strom zu den Metropolen Hamburg und Berlin weitergeleitet werden kann. Damit der Strom allerdings fließen kann, muss er über ein besonderes Kabel transportiert werden.

    „Um Engpässe bei der Energieversorgung zu vermeiden, soll ein Hochspannungs-Gleichstromübertragungs-Kabel (HGÜ-Kabel), von Russland über die Ostsee nach Deutschland verlegt werden. Und über dieses Kabel kann dann über Gleichstrom Energie von Russland nach Deutschland übertragen werden“, so Dmitrii Lavrukhin, der in Stralsund zu diesem Projekt seine Masterarbeit verfasst hat.

    Dort untersuchte er die Frage, auf welchem Weg, mit welchen Mitteln und bei welchen Kosten die gewonnene Energie transportiert werden kann. Außerdem wurde dabei das Projekt um ein Detail ergänzt: Zum Wind kam Wasserkraft dazu. Um die Grundlast der HGÜ nach Deutschland zu sichern, muss ein Gezeitenkraftwerk in der Barentssee entstehen, das über eine Leistung von acht Gigawatt verfügen soll. Der Strom kann auch von Deutschland nach Russland fließen, je nach Windlage und Energiebedarf.

    Wasserstoff und Methanol aus Überschussstrom

    Neben der Nutzung des Stroms gibt es auch Pläne für den Fall einer Überproduktion, Harzfeld redet von „chemischen Langzeitspeichern“. Es ließe sich etwa durch Hydrolyse Wasserstoff erzeugen, das mit CO2 weiter zu Methanol reagiert. Die Abwärme dieser Reaktion kann in die Fernwärmeversorgung von Wohngebieten einfließen, während das Methanol selbst zur Herstellung von Holz-Kunststoff-Verbundwerkstoffen eingesetzt weerden kann.

    Für das Projekt müssen noch weitere Entscheidungsträger aus der Politik mobilisiert werden und auch technische Neuerungen von Windrädern für die Extremwetterbedingungen des hohen Nordens erfolgen. Dies könnte bei einer Konferenz im Rahmen der Stralsunder Russlandtage passieren, bei dem das Windbridge-Projekt 2018 erstmals einer größeren Öffentlichkeit vorgestellt worden war.

    Das Interview mit den „Windbridge“-Beteiligten zum Nachhören:

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    Tags:
    Barentssee, erneuerbare Energien, Windkraftanlagen