08:55 26 November 2020
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    Der asiatische Aktienmarkt wurde vom Einsturz der internationalen Ölpreise regelrecht geschockt. Am 9. März schrumpften die Börsenindexes in China, Japan, Hongkong, Singapur, auf Taiwan, in Südkorea, Thailand, Australien und Neuseeland dramatisch. Die Ölpreise verloren am Montag mehr als 30 Prozent.

    Die mit Mai und April datierten Brent-Futures fielen auf ihr Minimum seit jeweils Januar und Februar 2016. Das wurde zum größten Crash seit dem Golfkrieg im Jahr 1991.

    Die globale Ölnachfrage ist wegen der zurückgegangenen Produktion in vielen Ländern der Welt geschrumpft, die sich ihrerseits auf den Ausbruch der Coronavirus-Infektion zurückführen ließ.

    Hinzu kamen die Ergebnisse der OPEC+-Sitzung in Wien am vergangenen Freitag, in der Saudi-Arabien auf einer weiteren Reduzierung der Ölförderung um 1,5 Millionen Barrel täglich bis Ende dieses Jahres bestand. Russland plädierte dafür, dass die aktuelle Beschränkung weiter gelten sollte. Am Ende ist dazu gekommen, dass ab 1. April keiner der OPEC+-Teilnehmer seine Ölförderung beschränken muss. Saudi-Arabien hat laut Medienberichten erklärt, es werde die Förderung ausbauen und die Ölpreise senken.

    Angesichts des destabilisierten Ölmarktes prognostizieren viele Experten, der Preis für das „schwarze Gold“ könnte sogar auf 20 Dollar pro Barrel zurückgehen. Dabei stürzte der Markt am Montag auf 30 bis 35 Dollar ein, so dass praktisch die Prognosen für das zweite und dritte Vierteljahr korrigiert wurden. Die Ölpreise würden wieder ansteigen, zeigte sich der Leiter des Zentrums für Russland- und Zentralasien-Studien beim Chinesischen Öl-Institut, Pang Changwei, im Interview überzeugt.

    „Obwohl die internationalen Ölpreise unaufhaltsam fielen, konnten sich Russland und die OPEC-Länder nicht auf die weitere Beschränkung der Ölförderung einigen. Das Scheitern dieser Gespräche löste den Ölpreisekrach aus. Was China angeht, so denke ich, dass man vorerst nicht genau sagen kann, ob es davon gewinnen wird oder nicht. Denn vor dem Hintergrund der globalen Stagnation und der Coronavirus-Verbreitung muss man offensichtlich mit einer Verlangsamung des Wirtschaftswachstums in China und der ganzen Welt rechnen. Zudem ist Chinas Ölbedarf aktuell nicht allzu groß, denn die Reserven in seinen Untergrund-Depots sind beträchtlich. Aus diesen Gründen wird China eher indifferent zu den aktuellen Ereignissen auf dem globalen Ölmarkt bleiben. Im Moment ist es viel wichtiger, dass die Welt die Seuche schnellstmöglich in den Griff bekommt, so dass die Produktionsketten und die üblichen Wirtschaftsaktivitäten wiederhergestellt werden. Ich denke, dass die Ölpreise in der Perspektive wieder auf das Vorkrisenniveau und sogar noch höher steigen werden.“

    Der drastische Rückgang der Ölpreise provozierte einen Aktienausverkauf an den Börsen in Asien, Australien und Neuseeland. Viele Investoren verweisen dabei darauf, dass die Erklärung Saudi-Arabiens, es würde die Ölförderung ausbauen, den Markt dermaßen schockiere, dass sie mit weiterem Ausverkauf diverser Aktiva rechnen.

    Die größten Verluste mussten diejenigen tragen, die Aktien von Unternehmen aus solchen Branchen wie Ölförderung, Hüttenindustrie und High-Tech besitzen. An der Hongkonger Börse haben beispielsweise die Aktien des Konzerns PetroChina, der China National Offshore Oil Corporation (CNOOC) und des Branchenriesen Sinopec wesentlich an Wert verloren.

    Allerdings sagte die Direktorin des Zentrums für Strategie der internationalen Energiewirtschaft bei der Chinesischen Volksuniversität, Xu Qinghua, gegenüber Sputnik, dass die Nachfrage nach den Aktien chinesischer energetischer Unternehmen nicht gerade das wichtigste Kriterium sei, und führte PetroChina als Beispiel an:

    „Der Wert der PetroChina-Aktien war bis zuletzt alles andere als ideal. Und meines Erachtens war das nicht nur mit den Ölpreisen verbunden. Der Hauptgrund war, dass dies ein Staatsunternehmen ist, das strategische Aufgaben zur Energieversorgung des Landes erfüllt. Für den Staat war bzw. ist gar nicht die Rentabilität das Hauptkriterium seiner Effizienz, sondern die nachhaltige und stabile Entwicklung. Also sind für PetroChina nicht die Schwankungen seiner Aktienpreise, sondern die Erfüllung der strategischen Staatsaufgaben am wichtigsten.“

    Auch andere Branchenkenner äußerten gegenüber Sputnik ihre Meinungen:

    Alexander Frolow, Vizeleiter des Instituts der nationalen Energetik

    Im März wird sich klären, ob sich Chinas Nachfrage nach Energieträgern, insbesondere nach Öl bzw. Ölprodukten, erholt hat, ob es versuchte, diese im Februar ausgefallenen Ölmengen zu kompensieren. Höchstwahrscheinlich wird es versuchen, sie zu kompensieren, und zwar durch den Ausbau der Nachfrage. Vorerst gibt es diese Prognose, und sie wird die Ölpreise negativ beeinflussen. Denn ein typischer Investor denkt so: „Oh, mein Gott, es gibt ein riesiges Überangebot! Was habe ich denn zu tun? Der Preis muss gesenkt werden!“ Und die Preise können tatsächlich noch weiter fallen, aber dafür gäbe es keine objektiven Gründe. Das ist eine rein psychologische Geschichte, ein Preiskrieg zwischen Staaten. Das ist eine absurde Vermutung, denn Saudi-Arabien geht bei seiner Strategie auf dem Ölmarkt, auch bei seiner Forderung nach der Beschränkung der Ölförderung um 1,5 Millionen Barrel, von einem ganz einfachen Ziel aus: Es will vom Ölverkauf maximal profitieren. Wir wollen das auch, aber wir haben andere Ansichten dazu, wie das gemacht werden sollte. Wir denken so: Wenn wir jetzt die Förderung um 1,5 Millionen Barrel täglich reduzieren, werden wir nur die Lösung des Problems verschieben, das mit dem unkontrollierten Produktionsausbau in den am OPEC+-Format nicht beteiligten Ländern verbunden ist. Die Saudis wollen, dass die Preise jetzt und sofort steigen. Sie wollen nicht warten, bis sich die Industrieproduktion und Ölnachfrage in China erholen. Sie denken, die Talfahrt wäre längerfristig, und man sollte die Förderung reduzieren – und dann wäre der Cashflow wieder da. Sie wollen nicht gegen Russland im Preisbereich kämpfen, im Gegenteil: Selbst ihre Drohung, sie würden die Ölförderung auf zwölf Millionen Barrel erhöhen, sollte man so verstehen: ‚Lasst uns am Verhandlungstisch Platz nehmen.‘ Ich denke, sie hatten nicht erwartet, dass die Reaktion auf den Märkten dermaßen negativ sein wird, die auf negative Nachrichten schon gefasst waren.“

    Wladimir Gutenew, Abgeordneter der Staatsduma, Erster Vizevorsitzende des Duma-Ausschusses für Wirtschaftspolitik, Industrie, innovative Entwicklung und Unternehmertum

    - Ich denke, es wird gleich – in zwei oder drei Wochen – eine Korrektur geben. Und später, wenn sich die Situation auf dem Ölmarkt und auf den Märkten in Südostasien, wo es große Probleme wegen der geschrumpften Industrieproduktion im Zuge der Coronavirus-Ausbreitung gibt, stabilisiert hat, wird der Preis wieder bei 63 oder 64 Dollar liegen. Für die russische Industrie wird es in der nächsten Zeit keine ernsthaften Folgen geben, denn dank dem schwächeren Rubel könnte der Export von High-Tech-Produkten ausgebaut werden. Dieses Segment ist zwar nicht allzu groß, aber dank dem schwachen Rubel entstehen neue Möglichkeiten. Andererseits gibt es aber auch gewisse Risiken, die jedoch geringer sind als die, mit denen wir es im vorigen Paradigma zu tun hätten, wenn wir dort geblieben wären. Wir hätten dann unseren Marktanteil US-amerikanischen Schieferölproduzenten überlassen müssen, wenn wir Teilnehmer des OPEC+-Deals geblieben wären. Dann hätten wir neben Saudi-Arabien und den anderen OPEC-Mitgliedern unsere Ölförderung reduzieren und unseren Anteil an einigen Märkten verlieren müssen, die für uns wichtig sind.

    - Sputnik: Aber verlieren wir nicht unsere Gewinne?

    - Natürlich werden wir unsere Gewinne teilweise verlieren, denn im Moment sind die Preise zu tief gefallen. Aber das Risiko, unsere Märkte und damit unsere Gewinne zu verlieren – das wäre eine viel schlimmere Perspektive, die wir aber hoffentlich vermieden haben. Jetzt ist die Hauptsache, eine vernünftige Entscheidung zu treffen, was die Präferenzen für unsere Ölunternehmen in neuen Bereichen angeht. So haben wir beispielsweise vor ein paar Wochen ein Gesetz zur Unterstützung des Unternehmertums in der Arktis verabschiedet, dessen eines der wichtigsten Momente Präferenzen für Unternehmen betrifft, die Öl und Gas unter besonderen Bedingungen fördern, nämlich im Steuerbereich. Da das Angebot aktuell größer als die Nachfrage ist, stellt sich die Frage, inwieweit sinnvoll es wäre, beträchtliche Mittel in die dortige kostspielige Infrastruktur zu investieren. Denn die Rohstoffförderung im Hohen Norden  und der logistische Aspekt bestimmen nicht gerade sehr positive Bedingungen. Andererseits könnten wir möglicherweise einige Möglichkeiten verpassen, die der Markt ölfördernden Ländern manchmal bietet, falls wir jetzt keine Rohstoffbasis bilden, die wir unter günstigeren konjunkturellen Bedingungen erschließen könnten.

    Der Konzern geht von seinen vorhandenen Volumen aus. Als wir uns am OPEC+-Deal beteiligten, setzten wir nicht alle unsere Kapazitäten ein und haben deshalb beträchtliche Reserven, um den Preisverfall durch den Ausbau der Förderung zu kompensieren. Ich meine etwas anderes: Es geht darum, ob wir aktuell große Mittel für die Infrastruktur ausgeben und Präferenzen für Ölunternehmen in der Arktis schaffen müssten, die neue Vorkommen am Schelf erschließen wollen.

    - Gibt es OPEC+ nicht mehr? Für eine gewisse Zeit? Oder wie?

    - Es gibt ja nichts, was ewig bestehen würde. Aktuell sehen wir, wie situationsbedingte Allianzen gebildet werden. Es wäre leider nicht ganz richtig, auf Basis der klassischen Diplomatie langfristige Bündnisse zu bilden. Wir hatten Schwierigkeiten beim WTO-Beitritt, mussten zu diesem Zweck ziemlich große Zugeständnisse akzeptieren, und als wir gelernt haben, in diesem Paradigma zu arbeiten, sahen wir sofort den Zerfall des Völkerrechts, der WTO-Prinzipien. Deshalb ist es wohl richtiger, in kürzerer Frist und möglichst pragmatisch zu handeln – auch unseren Verbündeten bzw. Pseudoverbündeten gegenüber. Unsere wichtigsten Verbündeten sind unsere Streitkräfte und unsere Flotte. Und die höchste Priorität ist der Wohlstand unserer Bevölkerung.

    Ölmarkt-Experte von der japanischen Firma Okachi (wollte, dass sein Name nicht genannt wird)

    - Wie sehen Sie den Grund für den Ölpreisverfall?

    - Nach dem Abbruch der OPEC-Verhandlungen über die Beschränkung der Ölförderung kamen bei mir Zweifel an der Wirkungskraft dieser Organisation auf. Besonders enttäuschend ist das Vorgehen Saudi-Arabiens, das bis zuletzt auf der Senkung der Ölförderung bestanden hatte und jetzt die Förderung aufstocken wird.

    - Was wird künftig mit den Rohölpreisen?

    - Ein ähnlicher Preisverfall auf etwa 30 Dollar ließ sich auch zwischen 2015 und 2016 beobachten. Damals war etwa ein Jahr für die Rückkehr zu den früheren Preisen nötig. Jetzt wird meines Erachtens dasselbe passieren: Die Ölpreise werden wieder allmählich steigen.

    Justin Dargin, Mitarbeiter des Lehrstuhls für globale Energetik an der Universität zu Oxford, internationaler Experte der Energiebranche

    Der gescheiterte Konsens zwischen Saudi-Arabien und Russland beim jüngsten OPEC+-Treffen war historisch bedingt. Saudi-Arabien ist der globale Spitzenreiter nach den Reservekapazitäten und will jetzt von seinem Vorteil gegenüber allen anderen ölfördernden Ländern profitieren und sie bestrafen. Denn es hielt die Entwicklung der Situation bei dem Treffen für einen Aufstand gegen seine Rolle als Behüter der globalen Ölpreise. Zum ersten Mal hatte das Königreich Ende 1985 seinen „Ölsäbel“ gezogen und die Politik zur Aufrechterhaltung der internationalen Ölpreise aufgegeben – und den Preiskrieg gegen die Sowjetunion begonnen. Dabei stockte es die Ölförderung drastisch auf, um seinen Marktanteil möglichst zu vergrößern. Dann, gegen Juli 1986, fiel der durchschnittliche OPEC-Ölpreis von 23,29 auf  9,85 Dollar pro Barrel, und das wurde zu einem sehr schnellen Preisverfall binnen von nur wenigen Monaten. Also dient die Drohung der Saudis, den Ölhahn zu öffnen und den Weltmarkt zu überschwemmen, doppelten Zielen. Einerseits sollten andere Ölproduzenten herangezogen werden, so dass das Abkommen eingehalten wird. Zudem zeigt Saudi-Arabien der Welt, dass ein Überlebenskrieg auf dem Markt zwar für alle schlimme wirtschaftliche Folgen haben würde, aber sein gewaltiges wirtschaftliches „Airbag“ es ihm erlaubt, sich im gefährlichen „wirtschaftlichen Gewässer“ des Preisverfalls zu orientieren.

    Das ausgebliebene Abkommen zwischen Saudi-Arabien und Russland hat den Absturz der Ölpreise auf dem Weltmarkt ausgelöst, das zum Handelskrieg zwischen Washington und Peking und der Covid-19-Seuche hinzukommt. Wenn man bedenkt, dass der Preisverfall wegen des Covid-19-Ausbruchs durch die ursprüngliche Nervosität der Investoren bedingt war. Die Marktteilnehmer warten immer noch ab, um zu verstehen, wie das Endergebnis sein wird. Das Signal, dass die Saudis die Ölförderung aufstocken, fügt zum globalen Ölpreisverfall eine harte Strukturdynamik hinzu, so dass die Preise möglicherweise auf ein Niveau fallen werden, das wir seit zehn Jahren oder sogar noch länger nicht mehr gesehen haben.

    Sukrit Vijayakar, Gründer und Direktor der Firma Trifecta Consultants

    - Im Grunde ist Russlands Entscheidung zur Einstellung der künstlichen Aufrechterhaltung der Ölpreise durchaus rational. Die immer größere Beschränkung der Ölförderung seit Januar 2017 gab schwächeren Ölproduzenten die Möglichkeit, von den Handlungen der stärkeren Produzenten zu profitieren, ohne etwas dafür tun zu müssen. Während Saudi-Arabien wegen der geringen Förderungskosten sein Öl immer noch mit Profit verkaufen kann, fällt es anderen Ölproduzenten immer schwerer, die Förderung zu beschränken und dabei genug Geld zu verdienen.

    - Das Covid-19-Virus hat natürlich die Nachfrage beeinträchtigt. Aber wie langfristig wird diese Talfahrt sein? Könnte die weitere Beschränkung der Ölförderung zum Preisanstieg beitragen? Ist das tatsächlich der beste Weg?

    - Ich denke, dass die US-Produzenten keinen ernsthaften Schaden tragen werden, weil wegen der schwachen Struktur ihrer Unternehmen alle Kredite mit Hedging eines bedeutenden Teils ihrer Produktion verbunden sein sollen. Deswegen wird ein großer Teil ihrer Produktion 2020 und etwas weniger 2021 gehedgt, was sogar Erlöse ermöglicht. Doch letzten Endes müssen sie ihre Unternehmen dichtmachen, weil diese Preise ihnen nicht passen werden. Schon jetzt können sie die Produktion bis auf ihr Hedging-Niveau abbauen, wobei ein großer Teil der Erzeugnisse vom Markt verschwinden wird.

    Es ist überflüssig zu sagen, dass solch niedrige Preise die globale Wirtschaft nicht unterstützen können, weil sowohl Hersteller als auch Verbraucher einen fairen Preis für Prosperität der Welt im Ganzen anbieten sollten. In der nächsten Zukunft werden die Preise wohl bei 30 bis 40 Dollar liegen, obwohl sich der Markt noch nicht stabilisiert hat. Im Laufe der kommenden Tage sollte klar sein, wie es weitergeht mit den Ölpreisen. Die Verbraucher wollen zwar eine Preissenkung, doch das könnte langfristig nicht vorteilhaft für sie sein.

    Mamdouh G. Salameh – Ölmarkt-Experte, Professor für Energiewirtschaft an der London School of Commerce

    Sollte Saudi-Arabien ein Fluten des internationalen Ölmarkts erwägen, nachdem  OPEC+ sich nicht auf eine Drosselung der Produktion einigen konnte, würde das zu einer Katastrophe wie 2014 führen, als nach einem Preissturz beschlossen wurde, dem globalen Ölmarkt zu fluten, und OPEC+ gezwungen war, ihre diskreditierte Politik vollständig zu ändern, indem ihrer Wirtschaft ein großer Schaden zugefügt wurde.

    Die Saudis waren verärgert über den Beschluss Russlands, auf jegliche Drosselung der Ölproduktion der OPEC+ zu verzichten. Ich sagte mehrmals, dass jeder neue Abbau der Fördermenge durch die OPEC+ nutzlos ist, weil das keinen positiven Einfluss auf die Ölpreise haben wird, während weltweit die Coronavirus-Epidemie wütet. Das würde lediglich zu höheren Verlusten der OPEC-Anteile auf dem Markt führen. Sobald der Ausbruch lokalisiert sein wird, werden die weltweite Nachfrage und die Ölpreise ihre Verluste kompensieren. Zudem würde eine Preisreduzierung durch den saudischen Ölkonzern Saudi Aramco während der Epidemie nicht zum Anstieg des Marktanteils führen und Russland nicht schaden. Die russische Wirtschaft kann mehrere Jahre lang bei Ölpreisen von 30 bis 40 Dollar existieren – gegenüber 85 Dollar und höher für Saudi-Arabien und die meisten OPEC-Länder. Saudi-Arabien kann die Ölförderung nicht um zwei Millionen Barrel pro Tag auf zwölf Millionen erhöhen, weil es keine freien Kapazitäten hat.

    Am stärksten leidet die Weltwirtschaft unter dem Ölpreissturz. Am stärksten betroffen wären die US-Schieferöl-Industrie und Saudi-Arabien. Die Zerrissenheit in der OPEC+ spielt für Russland keine Rolle.

    Viele US-Bohrfirmen haben schon viele Schulden angehäuft. Sie werden einen hohen Preis zahlen, weil sie Schieferöl zu einem Preis von ca. 35 Dollar fördern werden. Allerdings können sie die Förderung fortsetzen, wenn die US-Regierung ihnen unter die Arme greift, um einen Kollaps der Schieferöl-Industrie nicht zuzulassen.

    Das Haushaltsdefizit Saudi-Arabiens würde sich sehr negativ auf seine Wirtschaft auswirken, aber auch auf den Aktienwert von Saudi Aramco. Das Einzige, was die OPEC mit Saudi Arabien an der Spitze machen kann, ist, abzuwarten bis die Coronavirus-Epidemie unter Kontrolle ist. Die Kooperation zwischen Russland und Saudi-Arabien war in der Vergangenheit stets vorteilhaft. Deswegen sollte die Organisation diese Zusammenarbeit unterstützen.

    Professor Nafis Alam – Leiter der Schule für Buchhaltung und Finanzen an der Asien-Pazifik-Universität für Technologien und Innovationen

    Da die Weltwirtschaft und globale Finanzmärkte von den negativen Stimmungen wegen des Coronavirus bereits ins Wanken gerieten, verschärfte der Ölpreissturz den Absturz des Aktienmarkts. Alles begann mit einem Konflikt zwischen Saudi-Arabien und Russland nach den Ölverhandlungen am Freitag. Saudi-Arabien wollte die globalen Öllieferungen verringern, weil die Nachfrage wegen des Rückgangs der industriellen Aktivität zurückgegangen war, vor allem in China und nach dem starken Rückgang des Luftverkehrs.

    Der Hauptgrund der stärksten Abwärtsbewegung des Ölpreises nach dem Golfkrieg 1991 ist der Krieg um die Dominanz zwischen USA, Saudi-Arabien und Russland. Russland will dabei den Anweisungen Riads zum Abbau der Lieferungen nicht folgen, während die USA die Position des Ölproduzenten Nummer eins in der Welt genießen.

    In den ersten zwei Monaten 2020 verdichteten sich die Anzeichen auf den globalen Finanzmärkten auf schlimme Zeiten, weil der Aktienmarkt Ende Februar bereits sechs Millionen Dollar wegen der Coronavirus-Ängste vernichtete, da der gestiegene Druck wegen eines starken Öl-Ausverkaufs die globale Weltwirtschaft ruinieren kann.

    Bezüglich der Prognosen darüber, wie der Markt sich innerhalb der nächsten Monate verhalten wird, hängt vieles davon ab, wie schnell die Wirtschaftsaktivität zur Normalität zurückkehren wird. Die Welt kämpft gegen zwei Monster – gegen die Angst vor dem Coronavirus und gegen alle ökonomischen Folgen des Coronavirus, darunter die Ölpreise.

    Wir beobachten de facto eine sehr große Wirtschaftskrise, falls die Coronavirus-Ängste bis Mitte April nicht verschwinden.

    Scott L. Montgomery – Dozent an der Jackson School of International Studies, University of Washington

    Während die Welt versucht, die neue Pandemie zu bekämpfen, ist sie ebenfalls mit einem dramatischen Ölpreisrückgang um 30 Prozent innerhalb nur weniger Tage konfrontiert. Diese zwei Ereignisse sind miteinander eng verflochten. Bezüglich der Nachfrage ist in der ganzen Welt der Verkehr massiv zurückgegangen, besonders in China. China ist das wichtigste Element in dem aktuellen Preisrückgang, weil es für 80 Prozent des Wachstums der Ölnachfrage in den vergangenen zwei Jahren verantwortlich ist. Der Wegfall dieser Nachfrage sowie der Rückgang der Transporte in anderen Nachfrage-Zentren wie Europa, USA, Südkorea und Japan, führten auf dem Weltmarkt zu einem Profizit von rund 3,5 Mio. Barrel pro Tag, was zu einem starken Preisrückgang führte. 

    Aspekt Angebot. Der Zerfall des OPEC+-Abkommens am vergangenen Freitag führte dazu, dass der Öl-Hahn geöffnet wurde. Nicht zum ersten Mal kämpfen zwei große Versorger um einen Anteil auf dem Markt. Ende der 1980er Jahre geriet die Sowjetunion mit ihren wachsenden Fördermengen in Konflikt mit den Saudis, die den Markt zur Aufrechterhaltung ihrer Position fluteten. Ihr Erfolg wurde in vielerlei Hinsicht durch den Zerfall der Sowjetunion gefördert. Doch ein viel wichtigerer Aspekt war der Beginn der Ära der niedrigen Preise – günstiges Benzin und Diesel, die zunehmende Abhängigkeit von der OPEC, die Verneinung des Klimawandels u.a.

    Wird es erneut dazu kommen? Wohl nicht, weil niedrige Preise der OPEC-Wirtschaft und Russland sowie den USA schaden werden, die jetzt in der Phase des größten Ölbooms seit Beginn des 20. Jahrhunderts sind. Die Frage lautet: Können Saudi-Arabien und Russland beim Fluten des ohnehin schon überschwemmten Marktes die USA mit ihrem Schieferöl und Ölreichtum in die Knie zwingen?  Die Antwort lautet: Nein. Als die Preise von mehr als 110 Dollar auf weniger als 50 Dollar abstürzten, fanden US-Unternehmen Wege zum Abbau der Ausgaben, zur Erhöhung der Effizienz und zur Implementierung von Innovationen, damit viele von ihnen überleben können. Das könnte wieder passieren. Die Geschichte zeigt, dass die US-Industrie das richtige Gespür für solche Situationen hat.

    Saudi-Arabien und Russland werden die „besten Feinde“ bleiben. Bislang ist unklar, wie lange sie dem Markt mit dem sehr niedrigen Preis (weniger als 40 Dollar) Widerstand leisten können. Gewöhnlich wird gesagt, dass niedrige Rohstoffpreise für die Wirtschaft der importierenden Länder und für die USA gut sind. Billiges Öl wird anscheinend ein Hindernis bei Handlungen für den Klimawandel, bei der Verbesserung der Rohstoffeinsparung und ein Gegner des Marktes von energiesparenden Fahrzeugen sein.

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    Tags:
    aktienmarkt, Coronavirus, Crash, OPEC, Ölpreise