17:54 02 Juni 2020
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    Schwarzer Tag für Börsianer: Überall auf der Welt sind am Montag die Kurse in den Keller gerauscht. Was ist genau passiert und wieso sind die Kurse gefallen? Wie geht es jetzt weiter? Der Börsenanalyst Folker Hellmeyer sieht einen „massiven Qualitätsunterschied“ zur Finanzkrise von 2008 und erklärt, was Anleger jetzt am besten beachten sollten.

    Der Chefanalyst der Solvecon Invest GmbH, Folker Hellmeyer, legt Wert darauf, dass es sich bei dem Coronavirus um einen „exogenen“, also von außen wirkend, Effekt auf die Börsen handele, aufgrund den eine Neubewertung an den Finanzmärkten eingeleitet wurde. Der Volkswirt betont, dass eine Vergleichbarkeit mit „endogenen Krisen“, Krisen die sich aus der Gesamtlage der Finanzstrukturen oder der Ökonomie herleiten, „nicht zulässig“ sei. Aus diesem Grund gebe es einen massiven Qualitätsunterschied zur globalen Finanzkrise nach 2007.

    Entspannung in China

    Hellmyer erklärt:

    „Diese exogene Krise führt im Moment zu einer Neubewertung, weil keiner mit diesem Covid-19-Virus so richtig umgehen kann. Es gibt kein Wissen hierzu. Aber es gibt Erfahrungen aus China: Nach einer circa sechswöchigen Zunahme der Krise gibt es hier eine Entspannung, die deutlich ist. Wir sehen es bei den Neuinfektionen und der Zahl der Genesungen. Das darf man durchaus auch für den Rest der Welt adaptieren.“

    Natürlich nur mit einer zeitlichen Verzögerung. Chefanalyst Hellmeyer rechnet mit Entspannungsmerkmalen wie Gesundungen in den nächsten sieben Tagen, darauf würden dann auch die Märkte aller Voraussicht nach dementsprechend reagieren. In China habe man bereits am  am 4. März Jahreshöchstkurse beim Marktindex „CSI 300“ oder auch beim Leitindex „Shanghai Composite“ sehen können.

    Aktien halten

    Vom Abverkauf von Aktien, die Dividendenrenditen zwischen vier bis sieben Prozent bei konservativen Geschäftsmodellen haben, rät Hellmeyer ab. Grund dafür sind für ihn die verfügbaren Daten und die historische Erkenntnis über Grippeviren. Der Zins würde weltweit gesenkt, und dass sei der „Diskontierungsfaktor“ (Mithilfe des Diskontierungsfaktors – auch Abzinsungsfaktor genannt – wird der zukünftige Wert eines Kapitals als Barwert auf den Stichtag abgezinst. Anm.d.Red.) für alle anderen Anlageklassen. Selten gebe es eine eine solche Situation wie derzeit, bei der der Anlagenotstand perspektivisch weiter dynamisch zunimmt. Für Hellmeyer heißt das, dass man aktuell Aktien auf jeden Fall halten sollte. Er fügt hinzu:

    „Wir sehen, dass jetzt weltweit Konjunktur und andere Maßnahmenpakete aufgemacht werden. Diese Maßnahmenpakete zielen einmal darauf ab die gesunden Strukturen zu erhalten, indem man Kreditgarantien vonseiten des Staates gibt, oder Überbrückungskredite von Förderbanken. Das ist auch richtig. Darüber hinaus gibt es auch Konjunkturmaßnahmen, die mittelfristig wirken. Also über den Grippeeffekt, den wir derzeit in der Welt haben, hinaus. Dann gibt es absehbare Aufholeffekte, aufgrund dessen, was jetzt im Rahmen der weltwirtschaftlichen Produktion verloren worden ist. Das wird in großen Teilen in den Folgemonaten, Richtung zweites Halbjahr 2020 und auch 2021 aufgeholt werden. Das heißt, dass konjunkturelle Bild, dass jetzt durch diese Krise eingeschränkt ist, wird sich perspektivisch spätestens ab dem zweiten Halbjahr deutlich aufhellen. Dann aber mit den verminderten Zinsniveaus und das ist grundsätzlich eine positive Gesamtlage für Aktieninvestments.“

    Attraktive Zeiten für Neuinvestoren

    Auch aus diesen Gründen hält Hellmeyer das aktuelle Niveau für Investoren, die eine mittelfristige Investitionsplanung haben, für extrem attraktiv. Ein gutes Beispiel ist Russland. Der russische Aktienmarkt sei aggressiv abverkauft worden, auch wegen dem Konflikt mit Saudi-Arabien über den Ölpreis. Der RTS-Index (russischer Aktienindex) sei von über 1600 Punkten auf 1100 Punkten gefallen und man habe in Russland Kurs-Gewinn-Verhältnisse (eine häufig gebrauchte ökonomische Kennzahl zur Beurteilung von Aktien. Anm.d.Red.) im Bereich von fünf – das Kurs-Buch-Verhältnis, das heißt der innere Wert der Unternehmen, wird mit 70 Prozent bewertet. Dividendenrenditen beträgen neun Prozent. Vor diesem Hintergrund hält der Ökonom im Moment Einkäufe in diese Märkte für Investoren „absolut zielführend“. Spekulanten wiederum warnt er vor dem hohen Maß an Unsicherheit: Die nächste Meldung könne die nächsten paar hundert Punkte an den Märkten bestimmen. Die Einstiegskurse für Investoren mit einem Zeitfenster von einem Jahr oder darüber, seien aktuell extrem attraktiv. Er betont:

    „Im Januar hatten wir historische Höchstkurse. Da freute man sich, wenn man bei 13.000 investiert war und der Index, hier der DAX, lag bei 13.700. Jetzt können Sie bei 11.000 einkaufen und die Leute scheuen sich. Die Welt dreht sich weiter, auch nach dem Coronavirus. China ist schon drüber hinweg. Die Gesundungszahlen liegen drastisch höher als die Neuinfektionszahlen. 7,7 Milliarden Menschen müssen grundversorgt werden. Die Welt geht am Coronavirus nicht unter. Gestern hätte man ja beinahe so ein Gefühl bekommen können an den Aktienmärkten.“

    Es werde aber auch veränderte Verhaltensweisen geben. Deswegen würde der Bereich Touristik, Messe und Mobilität, zum Beispiel Lufthansa, erstmal „weiter unterproportional performen“, so Hellmeyer. Wegen der niedrigen Kerosinkosten sei es immer noch durchaus attraktiv sich Lufthansa anzuschauen, aber diese Branchen seien am stärksten betroffen. Der Chefanalyst sieht deswegen größere Potentiale im Bereich Investitionsgüter, Industrie und anderer zyklischer Werte:

    „Dort ist meines Erachtens kurzfristig auf jeden Fall mehr Potential gegeben, als in den Branchen die voraussichtlich auch noch auf Sicht ein stückweit in ihrer Geschäftstätigkeit durch die Krise beeinträchtigt sind.“

    Das komplette Interview mit Folker Hellmeyer zum Nachhören:

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    Tags:
    aktienmarkt, Finanzkrise, Coronavirus