10:17 04 Dezember 2020
SNA Radio
    Wirtschaft
    Zum Kurzlink
    Von
    16498
    Abonnieren

    Der sogenannte Ifo-Geschäftsklima-Index ist im März wegen der Coronakrise eingebrochen. Die deutsche Wirtschaft fällt nach Einschätzung von Wirtschaftsinstituten in die Rezession. Das DIW sieht zwei Szenarien für die künftige konjunkturelle Entwicklung.

    Wie schwer die wirtschaftlichen Auswirkungen der Coronakrise ausfallen werden, sei mit „extrem hohen Unsicherheiten“ behaftet, sagte der Präsident des „Instituts für Wirtschaftsforschung“ (Ifo) Clemens Fuest am Donnerstag in München. Das Ifo-Geschäftsklima ist im März wegen der Coronakrise eingebrochen. Im März sei der Indexwert auf 87,7 Punkte gefallen, nach 96,0 Punkten im Monat zuvor, teilte das Ifo-Institut am Donnerstag nach vorläufigen Berechnungen in München mit. Dies sei der stärkste Rückgang des wichtigsten deutschen Konjunkturbarometers seit 1991 und der niedrigste Wert seit August 2009, hieß es weiter.

    Der Ifo-Index gilt als einer der zuverlässigsten Frühindikatoren für den weiteren Konjunkturverlauf in Deutschland. Das Institut hatte die Veröffentlichung der Daten vorgezogen. Insbesondere die Konjunkturwartungen der Unternehmen haben sich stark verschlechtert. „Die deutsche Wirtschaft stürzt in die Rezession“, kommentierte Ifo-Präsident Clemens Fuest die Daten. Es wäre der erste Rückgang der deutschen Wirtschaftsleistung seit 2009, als alle großen Volkswirtschaften infolge der globalen Finanzkrise in eine Rezession stürzten.

    Sofern der Höhepunkt der Pandemie schnell überschritten wird und die Wirtschaft ab Mai wieder in Gang kommt, rechnen die Münchner Ökonomen damit, dass die Wirtschaftsleistung in diesem Jahr um 1,5 Prozent schrumpft. Sollte die Pandemie länger dauern und es mehrmonatige Produktionsstillstände in der Industrie geben, halten Fuest und seine Kollegen auch ein Minus von sechs Prozent für möglich.

    Das wäre ein größerer Einbruch als während der internationalen Finanzkrise im Jahr 2009. Damals war die deutsche Wirtschaft um 5,7 Prozent geschrumpft. „Die Unsicherheiten sind groß, und auch die Abwärtsrisiken sind groß“, sagte Fuest zu den beiden Szenarien. „Man kann auch nicht ausschließen, dass es deutlich schlimmer wird.“

    DIW hofft auf ein „V“-Szenario

    Auch nach Einschätzung des „Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung“ (DIW) werde die Wirtschaftsleistung in diesem Jahr erstmals seit der Finanzkrise 2009 schrumpfen. Das Institut senkte am Donnerstag seine Jahresprognose für das Bruttoinlandsprodukt von einem Plus von 1,2 Prozent auf ein Minus von mindestens 0,1 Prozent. Doch auch das sei ein sehr optimistisches Szenario, stellte Institutspräsident Marcel Fratzscher klar. Bei diesem „Szenario V“ gehen die Forscher von einer schnellen Normalisierung der Lage um die Pandemie aus. Aber auch hierbei würde die deutsche Wirtschaft mindestens in den kommenden beiden Quartalen erheblich in Mitleidenschaft gezogen werden. „Ein Szenario, das einen ähnlichen Verlauf der Virusausbreitung unterstellt wie bei vergangenen Epidemien, etwa der Schweinegrippe, SARS oder der Vogelgrippe, ähnelt einem ‚V‘: Nachdem es steil bergab ging, normalisieren sich nach erfolgreicher Eindämmung des Virus die Produktion und der Konsum relativ bald, im aktuellen Fall in der zweiten Jahreshälfte. Die Corona-Krise würde in diesem Fall ein um rund 1,3 Prozentpunkte geringeres Wachstum nach sich ziehen“, heißt es in der „DIW“-Mitteilung.

    Szenario L

    Das Virus könnte allerdings zeitlich und räumlich noch weitaus größere Kreise ziehen, bemerken die Wirtschaftsexperten: „Weitere Länder sehen sich womöglich zu weitgehenden Maßnahmen veranlasst, die in vielen Fällen die exportorientierte und offene Volkswirtschaft Deutschlands träfen – selbst, wenn der Höhepunkt der Epidemie hierzulande irgendwann überschritten sein sollte. Die Haushalte und Unternehmen sind nachhaltig verunsichert und stellen Anschaffungen weiter zurück. Dies würde die Abwärtsdynamik noch beschleunigen und eine wirtschaftliche Erholung verzögern. Der Verlauf in diesem Szenario entspräche einem ‚L‘: Es geht steil bergab, Produktion und Konsum normalisieren sich nicht, sondern verharren auf dem geringeren Niveau. Die Rezession würde dann erheblich schwerer ausfallen.“

    Politik gefragt

    Europaweit müsse die Finanzpolitik noch mehr tun, um eine Pleitewelle zu verhindern, sind sich die Forscher einig. Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte in der Nacht zu Donnerstag ein Notkaufprogramm für Anleihen in Höhe von 750 Milliarden Euro angekündigt. „Die EZB hat ein sehr klares Signal gesetzt“, erkannte der Ökonom an. Aber eine Zentralbank allein könne es nicht stemmen. Stärkere europäische Antworten seien notwendig, etwa europäische Staatsanleihen. „Ziel ist es, dass dieser Schock sich nicht in eine Finanzkrise verwandelt“, warnte Fratzscher. Italien könne der erste Dominostein sein, der kippe. Wie in den USA könnte aus Sicht des DIW auch Deutschland seinen Bürgern Geld geben, damit der Konsum nicht einbricht. Die US-Regierung erwägt einen solchen Schritt. „Auch das ist eine Option, damit vor allem die, die es besonders hart trifft, ihren Lebensstandard bestreiten können.“ Für Deutschland sei das „stemmbar“, so der DIW-Präsident.

    Auch der Ifo-Experte Fuest fordert ein „massives Gegensteuern der Bundesregierung“ sowie auf europäischer Ebene: „Wir müssen sehen, dass derzeit das Risiko, dass die Staatsschuldenkrise wieder ausbricht, sehr groß ist.“ Aktuell helfen nach Einschätzung der Münchner Wirtschaftsforscher jedoch die Ankündigungen der EZB, der EU und der Bundesregierung zur Stützung der Wirtschaft. „So lange man auf diesem Weg geht, wird es keine Staatsschuldenkrise geben“, meinte Fuest.

    Fuest und seine Kollegen sehen darüber hinaus in der in den vergangenen Jahren stark angestiegenen Unternehmensverschuldung ein Problem. Das sei vor allem in den USA der Fall, sagte Fuest. Dort hätten viele Unternehmen Anleihen ausgegeben, die Anschlussfinanzierungen seien schwierig. „Das kann Unternehmen im Extremfall in die Insolvenz treiben.”

    Anmerkung der Redaktion: Sowohl das Ifo als auch das DIW erhalten den überwiegenden Anteil ihrer Geldmittel aus öffentlichen Quellen von Bund und Ländern.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren

    Zum Thema:

    Sieben mögliche Raketen-Pannen verhindert – Roskosmos
    Journalisten von Sputnik und Baltnews in Lettland festgenommen – Moskau kritisiert scharf
    Nato 2030 – Neue Strategie gegen ein “anhaltend aggressives Russland“
    Tags:
    Coronavirus, Schuldenkrise, Energiekrise, Krisenlösung, Finanzkrise, Krise, US-Wirtschaft, Wirtschaft, Börse, Münchner Ifo-Institut, ifo-Institut, Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW)