11:00 09 April 2020
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    Sicher, Russland ist als Volkswirtschaft resistenter geworden gegen Schocks und Stöße von außen. Doch die Holländische Krankheit hat das Land noch nicht auskuriert, sagt ein Experte im Sputnik-Gespräch – und fügt ein „Jedoch“ hinzu.

    Wenn der Ölsektor boomt und das produzierende Gewerbe dadurch bremst, ist eine Volkswirtschaft erkrankt – an der Holländischen Krankheit, im Englischen „Dutch Disease“ (DD). Dann bestimmt der Öl- und Gassektor das wirtschaftliche Leben, den staatlichen Haushalt, die nationale Währung. Eben daran krankt Russland noch immer, sagt der Analyst Ilgis Baimuratow vom Finanzdienstleister FinExpertiza im Sputnik-Gespräch.

    Um die Abhängigkeit der russischen Wirtschaft und Währung vom Ölpreis zu verringern, hat sich Russland eine bestimmte Haushaltsregel auferlegt, erklärt der Experte: „Bei hohen Öl- und Gaspreisen investiert das russische Finanzministerium die Überschüsse aus dem Rohstoffhandel in Währungsreserven, die anschließend im Nationalen Wohlstandsfonds angelegt werden. Das verhindert nebenher eine Überbewertung des Rubels. Sinken die Ölpreise, werden die Währungsreserven verkauft und der Rubel gestützt.“

    An dieser Stelle stutzt man aber, denn eigentlich ist der Rubel vor unseren Augen gerade mit dem Ölpreis zusammen eingebrochen.

    „Genau. Aber der Kurssturz hätte schlimmer sein können, würde es die Haushaltsregel nicht geben“, erwidert Baimuratow. „Vergessen wir auch nicht, dass der Rubel deutlich moderater reagiert hat, als noch bei der Krise davor.“

    Die russische Zentralbank hat am vergangenen Donnerstag Zusatzmaßnahmen zur Finanzstabilität angekündigt. Die Bank Rossii will bei einem Ölpreisrückgang auf unter 25 Dollar je Barrel die Devisen einlösen, die sie vom Finanzministerium aus dem Nationalen Wohlstandsfonds für den Verkauf der russischen Sberbank erhält. Die Devisenspritze erfolgt parallel zum Devisenverkauf, der in der Haushaltsregel vorgesehen ist. „Damit versucht der Finanzregulator die Lage zu stabilisieren, ohne den Haushalt zu belasten, was für Russlands internationale Ratings wichtig ist“, erklärt der Finanzmarktexperte Baimuratow.

    Man komme indes nicht umhin, auch dies zu sagen, so der Analyst: „Zwar hat Russland seine Wirtschaft bis zu einem bestimmten Grad immunisiert, aber die Holländische Krankheit hat das Land noch nicht auskuriert. Die Wirtschaft und die Währung sind weiterhin stark abhängig vom Ölpreis, wenn auch nicht mehr so stark wie vor fünf Jahren.“

    Stellungskrieg am Ölmarkt

    Unterdessen droht der Preis-Battle am Ölmarkt zu einem andauernden Stellungskrieg zu werden. „Die Lage kann sich noch verschlechtern. Weitere Preissenkungen sind nicht ausgeschlossen“, sagt Marktanalyst Stanislaw Mitrachowitsch vom Fonds für die Nationale Energiesicherheit im Sputnik-Gespräch. Zu viele X-Faktoren spielten in die Situation hinein: „Wir wissen nicht, ob es eine neue OPEC+-Vereinbarung geben wird. Wir wissen nicht, wie es mit dem Coronavirus weitergehen wird. Deshalb schwankt der Ölpreis zwischen Anstieg und Einbruch.“

    Vom Coronavirus befallen lahmt die Konjunktur weltweit – die Ölpreise fallen entsprechend. Dass die OPEC+ sich dazu noch auf weitere Förderkürzungen nicht einigen konnte, hat einen Preissturz im Ölsektor ausgelöst. Anfang 2017 hatten sich OPEC-Mitglieder und andere ölproduzierende Länder auf Kürzungen der Ölfördermengen geeignet. Dieser Deal wurde seitdem mehrfach zu unterschiedlichen Bedingungen verlängert.

    Für das Jahresanfangsquartal 2020 einigten sich Teilnehmer von OPEC+ auf eine Förderkürzung um weitere 1,7 Millionen Barrel pro Tag zum Förderumfang vom Oktober 2018. Saudi-Arabien bestand jedoch auf weiteren Kürzungen, während Russland das Förderniveau beizubehalten beabsichtigte. Eine Einigung haben die beiden Seiten nicht erzielen können, weshalb sie ab dem kommenden April nicht mehr an den OPEC+-Deal gebunden sind.

    Daraufhin hat Saudi-Arabien erklärt, seine Ölförderung steigern, die Ölpreise senken und den Abnehmern in Europa größere Liefermengen zu besseren Preiskonditionen anbieten zu wollen. Mit dieser Erklärung brachen die Preise am Ölmarkt abermals ein. Insgesamt hat der Ölhandel seit Jahresanfang die Hälfte seines Werts verloren. Teils erholten sich die Ölpreise leicht: Ein Barrel der Ölsorte Brent legte um 16, ein Barrel WTI-Öl um 30 Prozent zu – auf 29 bzw. 26 Dollar.

    Hinzu kommen - für Russland erschwerend – die USA: Washington droht Moskau mit weiteren Sanktionen, die für den russischen Wohlstandsfonds zu einem Keil werden können. Das „Wall Street Journal“ schreibt, die US-Regierung denke an neue Sanktionen gegen Russland, „um den Ölmarkt zu stabilisieren“. Die Vereinigten Staaten werden sich in den Markt „zur richtigen Zeit“ einmischen, hatte Präsident Trump vorher angekündigt.

    Jetzt droht die Ankündigung wahr zu werden. Es gehe Washington darum, den Druck auf Russland und seinen Wohlstandsfonds zu erhöhen, sagt der Politologe Alexander Assafow im Sputnik-Gespräch.

    „Russland hat sich eine robuste Stabilitätsreserve aufgebaut, um Krisen unerschüttert durchzustehen. Washington will dagegen keilen.“

    So oder so: „Russland hat allen Anlass, seine Wirtschaft zu diversifizieren und den Nicht-Rohstoff-Sektor auszubauen“, erklärt Finanzexperte Baimuratow. „Da sind Anstrengungen nötig, die keine so schnelle Rendite abwerfen wie der Ölsektor. Aber nur diese bittere Pille kann Russland als Volkswirtschaft weiter stärken.“

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    Tags:
    Ölpreis, Finanzkrise, Dollar, Russland