16:45 22 September 2020
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    Der türkische Ökonom Ümit Akçay, Professor an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin, hat sich im Sputnik-Interview zur aktuell schwierigen wirtschaftlichen Lage in der Welt angesichts der Corona-Pandemie geäußert.

    Dem Experten zufolge ist die durch die Epidemie verursachte Krise in einer Zeit ausgebrochen, in der die Welt noch immer die Folgen und den negativen Effekt der Krise im Jahr 2008 zu verarbeiten hat. Die nach 2008 ergriffenen Maßnahmen verschärften die Krise, und ihre negativen Folgen vertieften die soziale Spaltung. Das kapitalistische System befindet sich im Zuge der Corona-Pandemie in einer noch nie dagewesenen Situation.

    „Zur Analyse der wirtschaftlichen Folgen durch die Corona-Ausbreitung muss verstanden werden, dass wir aus der Sicht der Weltwirtschaft bis heute im Zustand der Konjunktur der globalen Wirtschaftskrise nach 2008 sind. Nach der Krise 2008, vor allem in den USA, weiter in Europa und in Schwellenländern, nach 2013 wurde eine Wirtschaftsrezession, ein Rückgang des Tempos und der Quantität der Produktion erlebt. Als Antwort darauf wurden nach gemeinsamen Initiativen und Anstrengungen der Fed und der Europäischen Zentralbank die Krisenerscheinungen in der Wirtschaft verschoben – der Wert von Aktiva stieg, die Werte an den Börsen gingen nach oben. Es schien, dass die Situation normalisiert wurde. Doch der negative Effekt kam in einer größeren sozialen Spaltung zum Ausdruck, weil ein Anstieg der Werte der Aktiva ein Wachstum der Einnahmen der reichsten Bevölkerungsschichten bedeutet.

    Damit war die wirtschaftliche und soziale Konjunktur, bei der die Corona-Epidemie ausbrach, bereits äußerst fragil und instabil. So begann die Fed 2009 mit der Senkung der Zinssätze wegen der Verwundbarkeit der Weltwirtschaft. Und als die Länder damit begannen, Notmaßnahmen im Kampf gegen die Epidemie zu ergreifen – Quarantäne, Einstellung von Lieferketten, Einschränkung der Bewegung der Menschen und vor allem des Handels, stieß die Welt de facto auf eine einmalige Situation in der Geschichte des Kapitalismus. Die Krise von 2008 traf am stärksten Amerika. In den 2010er-Jahren waren die Probleme in der EU lokal, waren also begrenzt.

    Nun beobachten wir fast in allen Ländern gleichzeitig, wie die Wirtschaft lahmgelegt wird. Die Folgen des Wirtschaftsstillstandes sind offensichtlich.

    Jetzt kommen Informationen zu den ökonomischen Kennzahlen in den von der Epidemie am stärksten betroffenen Regionen. So ist der Rückgang des Tempos des Industriewachstums in China im Februar viel größer, als angenommen wurde. Darüber hinaus kamen Daten zur Lage in der US-Industrie. Während der Industrieindex der Fed im vergangenen Monat bei zwölf Prozent lag, sank er in diesem Monat auf minus 21 Prozent. Die Wirtschaft auf drei Kontinenten kam faktisch zum Erliegen – Europa, Amerika und Asien“, so der Experte.

    Der Experte betonte ebenfalls, dass in der ersten Hälfte 2020 eine sehr starke Rezession zu erkennen sein werde. Sollte demnächst ein Impfstoff gegen Corona entwickelt werden, könnte sich die Situation in der zweiten Jahreshälfte erholen. Doch es sei schwer zu sagen, welche politischen Folgen diese Krise nach sich ziehen könne.

    „In der ersten Hälfte 2020 ist eine sehr starke Rezession zu erwarten, doch nachdem Impfstoff entwickelt und umfassend angewendet wird, wird die Situation unter Kontrolle geraten, zur zweiten Hälfte 2020 könnte die wirtschaftliche Erholung beginnen. Das bedeutet aber nicht, dass in der Weltwirtschaft alles wie früher sein wird. Jetzt ist es sehr schwer und sehr früh darüber zu sprechen, wohin die Krise führen wird, wie die politischen und wirtschaftlichen Folgen davon aussehen werden. Ihr Höhepunkt entfiel auf Ende Februar bzw. Anfang März. Doch selbst wenn die Situation nicht zur Schließung der Grenzen und zu Quarantäne geführt hätte, wäre es in der Weltwirtschaft trotzdem zur Deflation wegen des starken Rückgangs des Ölpreises gekommen. So bestand das Problem der Wirtschaft Europas und Amerikas lange darin, dass sie eine Inflation nicht provozieren konnten und am Rande einer Deflation standen. Nur hohe Ölpreise hielten sie vor einer Deflation zurück, zumindest auf dem Papier. Nun wird die ganze Weltwirtschaft bei solchen niedrigen Preisen unvermeidlich auf wirtschaftliche Schwierigkeiten stoßen“, so Akçay.

    Anmerkung der Redaktion: dieses Interview ist zuerst bei Sputnik Türkiye erschienen.

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    Tags:
    Weltfinanzkrise, Kapitalismus, Coronavirus