10:53 09 April 2020
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    Corona-Pandemie breitet sich weiter aus – alle Entwicklungen (334)
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    Die wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise scheinen überwältigend zu sein. Zentralbanken pumpen deshalb hunderte Milliarden in ihre Volkswirtschaften. Doch die Maßnahmen sind umstritten und werden unter den Experten kontrovers diskutiert.

    Im Kampf gegen die wirtschaftlichen Folgen der Coronavirus-Pandemie hat die Europäische Zentralbank (EZB) ein Notkaufprogramm für Anleihen in Höhe von 750 Milliarden Euro angekündigt. Auch andere Zentralbanken – wie die US-Notenbank Federal Reserve (FED) – stemmen sich mit Zinssenkungen, milliardenschweren Anleihekäufen und sogenannten Helikoptergeldern gegen die grassierende Wirtschaftskrise. Die Finanzmärkte ließen sich dadurch allerdings kaum beruhigen.

    Etwa vor einer Woche hatte EZB-Präsidentin Christine Lagarde noch betont, in der aktuellen Krise seien in vorderster Linie die Nationalstaaten in der Pflicht. Sie wolle kein „Whatever it takes 2.0“, sagte sie in Anspielung auf ihren Vorgänger Mario Draghi. Im Sommer 2012 hatte der Italiener mit wenigen Worten die Eurozone in ihrer bis dato tiefsten Krise stabilisiert: „Die EZB wird alles tun, um den Euro zu retten“ („Whatever it takes“ - Anm. d. Red.).

    ​Für den „Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raffeisenbanken“ (BVR) ist das neue EZB-Kaufprogramm ein „weiterer wichtiger Baustein“ zur Bekämpfung der wirtschaftlichen Folgen der Pandemie. Auch deutsche Sparkassen werteten die Entschlossenheit der EZB als gutes Zeichen: „Ich glaube, dass es notwendig ist, dass man zeigt, dass finanzielle Kraft da ist“, sagte Sparkassen-Präsident Helmut Schleweis der Deutschen Presse-Agentur (DPA) zufolge.

    Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) sagte im „Deutschlandfunk“, er hoffe, das EZB-Notprogramm werde zur Vertrauensbildung beitragen. Dabei müsse verhindert werden, dass der Euroraum insgesamt in Schieflage gerate.

    „Problem Italiens europäisieren“

    Der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Theocharis Grigoriadis von der Freien Universität Berlin zeigt sich mit den angekündigten Maßnahmen der deutschen Wirtschaftspolitik zufrieden. Gleichzeitig müsse man das Problem in einer europäischen Dimension „in Richtung Italien“ betrachten, rät der Ökonom im Sputnik-Interview. Das sei derzeit das Wichtigste.

    „Wenn das Gesundheitssystem Italiens weiter unter Druck kommt, kann es langfristige Konsequenzen für die Eurozone haben. Es geht um die Lombardei. Es ist das Herz der europäischen Wirtschaft. Dasselbe gilt auch für Nordrhein-Westfalen. Die beiden Regionen sind am meisten betroffen von dem Coronavirus. Wir können uns das nicht leisten, dass solche Regionen in eine solche Situation kommen.“

    Die Zeit als Faktor sei hierbei entscheidend, erklärt der Volkswirt: „Man muss jetzt das Problem Italiens auf der Ebene der Eurozone europäisieren lassen. Und danach sollte die EZB eingreifen und zusätzliche Liquiditätsmaßnahmen der italienischen Wirtschaft anbieten.“ Den Umgang mit Griechenland in der Eurokrise und die sogenannten unkonventionellen geldpolitischen Maßnahmen der EZB bezeichnet Grigoriadis als sehr großen Erfolg. Doch die wirtschaftlichen Auswirkungen auf die Coronavirus-Pandemie seien zurzeit nicht so akut, wie bei der Euro-Krise 2010. „Aber ich denke, es könnte ein Problem sein in der Schlüsselrolle Italiens im europäischen Sinne. Deswegen halte ich für absolut notwendig, dass die EZB das Vertrauen der internationalen Kreditmärkte bewahrt“, so der Experte. Neben den fiskalpolitischen Maßnahmen, wie dem Kauf von Staatsanleihen, fordert er die „Koordination der Gesundheitssysteme auf der europäischen Ebene“.

    „Der Euro wird zerbrechen, wenn …“

    Der Finanzexperte und Bestsellerautor Marc Friedrich sieht die Maßnahmen kritisch und spricht von einer „weltweiten Panik der Notenbanken“: „Umso mehr Geld ins System gepumpt wird, umso wertloser wird der Euro in ihrem Portemonnaie. Wir werden sehen, wenn die drittgrößte und viertgrößte Volkswirtschaft im absoluten Quarantänemodus ist, da wird spätestens der Euro zerbrechen“, warnt der Ökonom vom Beratungsunternehmen „Friedrich und Weik Vermögenssicherung“ auf seinem Youtube-Kanal.

    ​Die Realität werde allen Notenbanken auf die Füße fallen, ist Friedrich überzeugt. „Sie werden merken, sie können die Mathematik nicht überlisten. Sie sind keine Tausendsassa, keine David Copperfields, die aus dem Nichts Wohlstand und Geld generieren können oder den Klimawandel stoppen können – oder sogar ein Virus stoppen können. Es wird nicht funktionieren.“ Seiner Einschätzung zufolge muss die EZB, „um die Deflation einigermaßen einzudämmen, mit 15 bis 30 Billionen Euro in das System reingrätschen“. Dann würde Europa eine „Hyperinflation“ sehen, die er in seinem Buch „Der größte Crash aller Zeiten“ prognostiziert. Der Krisenverlauf sei wegen der Corona-Pandemie um ein bis zwei Jahre vorgezogen, merkt Friedrich an.

    Schulden - kein Problem?

    „Das Kreditsystem wird nicht implodieren“, versichert wiederum der Professor für Volkswirtschaftslehre Grigoriadis. Deutschland sei groß genug, um sich die staatlichen Hilfen und Kredite bei den Zentralbanken leisten zu können. So fordert er eine „konsequente Unterstützung der Schwächeren“, aber auch die Unterstützung von strategisch wichtigen Unternehmen, wie Lufthansa.

    Für den Buchautor und Ökonom Paul Steinhardt belegt die Ankündigung der EZB, „dass man an einer Fiktion festhalten will, in der die Finanzierung der Staatshaushalte über den Kapitalmarkt erfolgt“ und dass eine Zentralbank Geldsummen durchaus akquirieren kann. Das hätten die Erfahrungen mit der sogenannten „unkonventionellen Geldpolitik“ belegt. „Freilich braucht es eines solchen Belegs nicht, wenn man weiß, dass eine Zentralbank unbegrenzt Geld schöpfen und so den Zinssatz eines jeden beliebigen Wertpapiers auf jedes beliebige Niveau senken kann“, äußert der Volkswirt in seinemKommentar im Wirtschafts-Fachmagazin „Makroskop“.

    ​Beim EZB-Kauf von Unternehmensanleihen im großen Stil handelt es sich seiner Einschätzung nach um eine „nicht zu rechtfertigende Privilegierung von größeren Unternehmen, die über die Fähigkeit verfügen, Unternehmensanleihen zu emittieren“. Darüber hinaus würden damit die Inhaber solcher Papiere gegenüber kreditvergebenden Banken und anderen Geldvermögensbesitzern bevorzugt. „Es wird an dieser Stelle bereits deutlich, es ist – wie schon in der Finanzkrise 2008 – mit Maßnahmen nach dem Motto zu rechnen: ‚Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen‘“, bemängelt der Wirtschaftsexperte.

    Seit Jahren befindet sich die EZB im Krisenmodus: Der Leitzins im Euroraum liegt seit Jahren auf dem Rekordtief von null Prozent. Negativzinsen auf Einlagen sollen außerdem Banken dazu bewegen, mehr Kredite zu vergeben.

    Weltweit stemmen sich Notenbanken und Regierungen gegen die wirtschaftlichen Folgen der Corona- und Erdölpreiskrise. Die FED senkte ihren Leitzins von 1,75 auf fast null Prozent. Auch die FED will mit einem 700 Milliarden Dollar schweren Anleihekaufprogramm die Wirtschaft ankurbeln und Banken vorübergehend Notfallkredite gewähren, wie sie es bereits nach der großen Finanzkrise 2008 getan hatte.

    Am Donnerstag zog die japanische Notenbank nach: Die Bank of Japan (BoJ) bietet Banken weitere vier Billionen Yen (rund 34 Milliarden Euro) Liquidität an und weitet ihr Anleihekaufprogramm um 1,3 Billionen Yen aus. Auch die australische Notenbank Reserve Bank of Australia (RBA) senkte ihren Leitzins auf das Rekordtief von 0,25 Prozent, steigt in den Kauf von Staatsanleihen ein und legt ein Kreditprogramm für Banken auf.

    Das Interview mit Prof. Dr. Theocharis Grigoriadis zum Nachhören:

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    Tags:
    Europäische Zentralbank (EZB), Finanzkrise, Eurozone, Weltwirtschaft, Coronavirus