07:04 12 August 2020
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    Die chinesische Zentralbank hat die Länder zur koordinierten makroökonomischen Politik zum Wiederaufbau der Weltwirtschaft wegen der Corona-Pandemie aufgerufen. Sputnik sprach mit einem Experten zu den Aussichten für eine solche Initiative.

    Zuvor hatte der stellvertretende Chef der Volksbank Chinas, Chen Yulu, mitgeteilt, dass die chinesische Zentralbank die Frage über den Wiederaufbau der Weltwirtschaft mit den Chefs der US-Notenbank Fed und des Internationalen Währungsfonds (IWF) besprechen werde. Ihm zufolge muss nun die Handels-, Fiskal- und monetäre Politik in den Fokus rücken.

    Laut den von Bloomberg befragten Experten könnte die Wirtschaft Chinas in diesem Jahr nur um 2,9 Prozent wachsen. So soll im Laufe der Einstellung der Geschäftsaktivität im Januar bis Februar wegen der Corona-Epidemie das chinesische BIP nach dem ersten Quartal mindestens um sechs Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sinken, meinen 17 der von Bloomberg befragten Banken, darunter Barclays, Oxford Economics, Nomura und S&P. Die Einzelverkaufszahlen der wichtigsten Waren (außer Lebensmittel) sanken innerhalb zweier Monate um 17,6 Prozent. Die Investitionen ins Stammkapital gingen um 24,5 Prozent zurück. Die Industrieproduktion verringerte sich um 13,5 Prozent.

    Auch in anderen Ländern sieht die Wirtschaftssituation kaum besser aus. 31 von 41 Wirtschaftsexperten, die von Reuters befragt wurden, sprachen vom Beginn einer weltweiten Rezession. Ihre Median-Prognose zum BIP-Wachstum für das Jahr 2020 liegt bei 1,6 Prozent. Dabei stuft der IWF als globale Rezession ein Weltwirtschaftswachstum unter 2,5 Prozent ein. Laut Einschätzung von Morgan Stanley wird die US-Wirtschaft im zweiten Quartal um 30 Prozent einbrechen, was einen Anstieg der Arbeitslosenquote im Land auf 12,8 Prozent nach sich ziehen kann. Die Bank of America prognostiziert einen Wirtschaftsrückgang in den USA und der EU für dieses Jahr. Falls in den USA sich das Szenario abspielen sollte, dasderzeit von Analysten vorhergesagt wird, würde das der stärkste Rückgang seit 1958 sein. Selbst während der Finanzkrise von 2008 lief es glimpflicher ab.

    Bei der vorherigen Krise waren vor allem die Banken betroffen. Viele pleite gegangene Kreditnehmer verloren ihre Häuser, die bei den Banken als Pfand hinterlegt worden waren. Viele Mitarbeiter der Investitionsbanken verloren ihren Job. Doch im Ganzen beeinflusste die Krise von 2008 nur indirekt das Leben der einfachen Menschen. Nun ist die Situation eine völlig andere – die Krise trifft nicht nur den Finanz-,sondern auch den realen Wirtschaftssektor, die Industrieproduktion. Deswegen schlage China nun vor, die Anstrengungen aller Länder zu koordinieren, um die Krise schneller zu bewältigen, so der Experte von der Chinesischen Volksuniversität, Bian Yongzu.

    „Die Länder müssen ihre Geld- und Fiskalpolitik aktiver gestalten. Allgemein bekannt ist, dass China eine aktive Fiskalpolitik durchführt; dazu gehören das Senken der Steuern, der Ausbau der Investitionen u.a. Das unterstützt nicht nur die Realwirtschaft, sondern sorgt auch für Sicherheit bei den Investoren bezüglich der wirtschaftlichen Aussichten. Allerdings reichen Chinas Anstrengungen allein nicht aus.“

    Der Einfluss der aktuellen Krise auf die Weltwirtschaft sei viel größer als bei der Finanzkrise von 2008. Jetzt sei nicht nur der Finanzsektor, sondern auch der reale Sektor der Wirtschaft betroffen, ist sich der Experte sicher.

    „Die USA ergriffen zwar gewisse fiskalische Maßnahmen, darunter die Ausweitung des Maßnahmenpakets zur Bekämpfung der Folgen der Covid-Epidemie von 1,2 auf zwei Billionen Dollar. Aber es ist noch nicht bekannt, ob der Kongress diese Maßnahmen billigen wird. Die EU-Länder ergreifen derzeit keine aktiven fiskalischen Maßnahmen. Deshalb denke ich, dass sie die Anstrengungen über Koordinierung der Fiskal- und Geldpolitik intensivieren müssen. Die jüngste Erklärung der USA darüber, dass sie die Politik der quantitativenLockerung unbegrenzt durchführen werden, ist präzedenzlos. Doch eine solche Geldpolitik schadet oft anderen Ländern wegen der Situation um den Dollar in der Weltwirtschaft. Wir hoffen, dass die Wirtschaften aller Länder sich gut entwickeln werden. Und dass niemand auf fremde Kosten davon profitieren wird. Weil das nicht nur falsch ist, sondern auch die Wiederherstellung der Realwirtschaft verhindert“, so der Experte.

    Wie die Volksbank Chinas kürzlich erklärte, werde sie die Liquiditätsmenge sowie das Wachstum des Geldaggregats M2 rationell aufrechterhalten, soziale Transfers ausweitenund ein mäßiges Wachstum der Kreditmasse aufrechterhalten, um das Wirtschaftswachstum zu sichern. Laut dem stellvertretenden Chef der chinesischen Volksbank wird das erste Quartal mit einem absteigenden Trend enden, doch im zweiten Quartal wird es zur Wiederherstellung des Wachstums kommen. Nach Ansicht des Experten Yongzu ist China nicht zu sehr auf monetäre Maßnahmen fokussiert, wendet aber zugleich aktiv fiskalische Maßnahmen, darunter Subventionen und Präferenzen für Banken an. Monetäre Maßnahmen wie quantitative Lockerung könnten die Wirtschaft eines Landes unterstützen, doch als Nebeneffekt anderen Ländern schaden. Deswegen sollte der Schwerpunkt auf fiskalischeMaßnahmen gelegt werden, so der Experte.

    „Ich denke, dass die Fiskalpolitik den bedeutendsten Einfluss auf die Wirtschaft ausüben wird. Industrieländer haben sich daran gewöhnt, die Wirtschaft mit monetären Maßnahmen zu unterstützen. Die Wirtschaft wuchs kurze Zeit, doch eine solche Politik neutralisierte wirtschaftliche Erfolge anderer Länder, also langfristig war sie ungünstig. Nun sagen Wirtschaftsexperten vieler Länder, dass eine unbegrenzte quantitative Lockerung das Vertrauen zum Dollar untergraben und zugleich das Chaos und die Kontroversen im internationalen Handel verschlimmern werde. Nun wird der Geldpolitik die größte Aufmerksamkeit gewidmet. In Zukunft sollte der Schwerpunkt auf fiskalische Maßnahmen gelegt werden, darunter umfassende Steuerkürzungen und Subventionen für Arme. In den vergangenen Jahren ist die Kluft bei den Einnahmen zu groß geworden, weshalb wir uns Gedanken über die Umverteilung der Subventionen für Menschen aus der Mittelschicht und für Ärmere machen sollten, um deren Konsum anzukurbeln. Denn das ist ein wichtiger Antrieb des Wirtschaftswachstums. Zudem müssen die Forschungsprojekte und Entwicklungen, die Investitionen in die neuen Technologien ausgebaut werden. Das ist die Grundlage für eine künftige Entwicklung in der Weltwirtschaft und das fügt nicht Volatilität auf Finanzmärkten hinzu. China hat viel Erfahrung in diesem Bereich gesammelt. Und ich denke, dass viele Länder aus Chinas Erfahrung lernen können“, so der Experte.

    China traf keine Maßnahmen zur direkten Förderung und beschloss, fiskalische Maßnahmen zur Unterstützung der Bevölkerung und der Unternehmen zu festigen. Die Norm für obligatorische Reserven für die Banken wurde gesenkt, damit sie mehr Kredite an Klein- und mittelständische Unternehmen vergeben können. Zudem wurden für Unternehmen, die von Quarantäne-Maßnahmen betroffen wurden, Kredit-Ferien bis Juni eingeführt. Zur Unterstützung der Klein- und mittelständischen Unternehmen, die in den von der Epidemie am stärksten betroffenen Regionen tätig sind, beschlossen die Behörden zeitweilig eine Verschiebung der Zahlungen für Strom. Die Volksbank Chinas senkte Anfang des Jahres den Jahreszins für Kredite der erstklassigen Kreditnehmer um 10 Basispunkte, und den fünfjährigen Zinssatz – um 5 Basispunkte. Die Volksbank senkte auch die Zinssätze bei mittelfristigen Krediten.

    Laut Reuters könnte den lokalen Verwaltungen erlaubt werden, spezielle Staatsanleihen herauszugeben, die für Investitionen in den Bau der Infrastruktur bestimmt sind – im Wert von 2,5-2,8 Billionen Yuan. Besondere Aufmerksamkeit soll neben strategischen Infrastrukturprojekten zur Verbesserung des Gesundheitssystems, der Zustellung von Mitteln zur Bekämpfung von Notständen, der Errichtung von 5G-Netzen und der Entwicklung von Data-Zentren gewidmet werden. Die Obergrenze des Haushaltsdefizits 2020 kann auf 3,5 Prozent gegenüber 2,8 Prozent in diesem Jahr angehoben werden, die anvisierten Kennzahlen des Wirtschaftswachstums im gesamten Jahr können heruntergestuft werden. Allerdings sollten diese Beschlüsse nach zwei Sitzungen bekanntgegeben werden, die in diesem Jahr noch nicht stattgefunden haben.

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    Tags:
    Rezession, Weltwirtschaft, Coronavirus, China