14:36 09 Juli 2020
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    Die Welt steckt eh schon mitten in der schwersten Energiekrise der neueren Geschichte. Doch der Tiefpunkt soll erst im zweiten Jahresquartal kommen, sagt ein Rohstoffexperte der Ratingagentur Fitch.

    Der Ölmarkt muss einen Doppelhieb einstecken: Die Corona-Pandemie und den möglichen Preiskrieg zwischen Saudi-Arabien und Russland nach dem Scheitern der OPEC+. Aber damit, dass der Ölpreis innerhalb von nur einem Monat um die Hälfte gefallen ist (und seit Jahresanfang um 60 Prozent), ist die Talsohle noch nicht erreicht, sagt Dmitri Marintschenko, Direktor Rohstoff und Ressourcen bei Fitch Ratings.

    „Das zweite Quartal wird das schwerste: Die Nachfrage geht auch dann weiter zurück, wegen der Quarantäne, die immer mehr Länder erfasst. Zusätzlich wird die Lage durch Fördersteigerungen in Saudi-Arabien und anderen OPEC-Ländern belastet. Riad zeigt sich entschlossen, seinen Marktanteil auszuweiten“, erklärt der Analyst.

    Gerade sei die „größte Energiekrise der neueren Geschichte“ im Gange: „Wegen massiver Überproduktion sind die Öllager überall auf der Welt bald schon randvoll. Irgendjemand wird die Förderung wohl oder übel drosseln müssen.“

    Mit einer Markterholung ist laut dem Experten frühestens im dritten Jahresviertel zu rechnen – vorausgesetzt die Epidemie lässt dann nach. Bis dahin wird der Preisverfall auf dem Ölmarkt anhalten. Doch selbst damit ist die laufende Krise noch nicht überwunden: „Das nächste Jahr wird auch nicht leicht. Selbst wenn die Nachfrage wieder anzieht, werden die Überschüsse in den Öllagern, die sich momentan anhäufen, auf die Preise drücken“, so Fitch-Analyst.

    Werden Abnehmer es verkraften?

    Teilnehmerländer der Vereinbarung OPEC+ haben sich auf weitere Förderkürzungen nicht einigen können, was einen Preissturz im Ölsektor ausgelöst hat. Saudi-Arabien bestand auf zusätzlichen Kürzungen, während Russland das Förderniveau beizubehalten beabsichtigte. Eine Einigung haben die beiden Seiten nicht erzielen können, weshalb sie ab dem kommenden April an den OPEC+-Deal nicht mehr gebunden sind. Daraufhin hat Saudi-Arabien erklärt, seine Ölförderung steigern, die Ölpreise senken und den Abnehmern in Europa größere Liefermengen zu besseren Preiskonditionen anbieten zu wollen. Mit dieser Erklärung brachen die Preise am Ölmarkt nochmal ein.

    Fracking-Raffinerie in Monterey Shale (Archivbild)
    © AFP 2020 / Getty Images / David McNew
    Und jetzt auch noch Norwegen: Ungeachtet der tiefen Ölpreise will der skandinavische Ölproduzent noch mehr Rohöl auf den Weltmarkt bringen, schreibt die Agentur „Bloomberg“. Staatskonzern Equinor ASA plant demnach, schon im Mai seine Förderung in der Nordsee auf bis zu 470 000 Barrel pro Tag zu erhöhen. Das sind 30 000 Barrel mehr, und sie kommen einen Monat früher als bisher prognostiziert.

    Die Ausweitung der norwegischen Produktion ist auf den ersten Blick zwar gering – erst recht im Vergleich mit den 3 Mio. Barrel, die Saudi-Arabien angekündigt hat. „Aber die Frage ist: Wird der Markt die Zusatzmengen verdauen können“, sagt Energieexperte Igor Juschkow von der Stiftung Nationale Energiesicherheit.

    Mehr Öl brauche gerade niemand: „Schon jetzt ist es so, dass Ölraffinerien in Europa nicht nur auf zusätzliche Öllieferungen verzichten, sondern die Verarbeitung herunterfahren, weil Ölprodukte in Europa wegen der Quarantäne nicht benötigt werden. Binnen eines Monats sind alle Tanklager voll, dann beginnt der echte Rückgang bei der Ölnachfrage – nicht nur beim Verbrauch. Dann wird Europa auf Öllieferungen komplett verzichten. Die große Frage ist deshalb, wem die Norweger ihre zusätzlichen Ölmengen dann noch verkaufen wollen.“

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    Tags:
    OPEC, Ölmarkt, Russland, Saudi-Arabien, Norwegen, Ölförderung, Ölpreis