11:23 05 August 2020
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    Die Corona-Pandemie hat mit einer unglaublichen Wucht die globalen Märkte getroffen. Plötzlich ist kein Geld mehr zu schade, um die Weltwirtschaft zu retten. Einige Finanzexperten warnen deswegen vor einer schweren Euro-Krise und einer sogenannten „Hyperinflation“. „Grandioser Unsinn“, sagt Ex-Staatssekretär Heiner Flassbeck im Sputnik-Interview.

    Die Corona-Krise verleitet die Zentralbanken zu einem noch nie dagewesenen Aktionismus. So bricht auch die Europäische Zentralbank (EZB) mit all ihren Tabus und lässt einen wahren Geldregen auf die europäischen Volkswirtschaften niederprasseln. „Außergewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliche Maßnahmen“, twitterte die Präsidentin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde. Damit blickt sie auf das neue Anleihen-Programm „PEPP“ im Umfang von 750 Milliarden Euro, das die EZB im Kampf gegen die wirtschaftlichen Folgen der Coronavirus-Krise beschlossen hat. Dabei verzichtet die Zentralbank bei ihren neuen Käufen erstmals auf eine selbst gesetzte Grenze: Nun soll die bisherige Regel, dass die Notenbank maximal ein Drittel aller Staatsanleihen eines Eurolandes aufkaufen darf, nicht mehr für die neuen Käufe gelten. Das geht aus einem veröffentlichten Dokument der Zentralbank hervor.

    Die Mittel seien „absolut unproblematisch und vollkommen richtig“, meint der Wirtschaftswissenschafter Heiner Flassbeck im Sputnik-Interview. Im Gegenteil: Die Zentralbank müsse noch viel deutlicher werden: „Der Staat muss jetzt einfach seine Verschuldung erhöhen. Er muss zusätzliches Geld haben. Er muss dafür sorgen, dass die Unternehmen gestützt werden, dass Arbeitnehmer gestützt werden, die wegbrechende Einnahmen haben“, fordert der Ökonom. Flassbeck war von 1998 bis 1999 Staatssekretär im Bundesministerium der Finanzen und von Januar 2003 bis Ende 2012 Chef-Volkswirt bei der UNO-Organisation für Welthandel und Entwicklung in Genf.

    Liquidität in Krisenzeiten

    Doch wie können Staaten ihre Liquidität in Krisenzeiten gewährleisten? „In der Europäischen Union nehmen sie Finanzmittel an Kapitalmarkt auf“, erklärt Flassbeck. Gleichzeitig bestehe jederzeit die Möglichkeit, dass die EZB diese Anleihen direkt am Markt kauft. Damit steige die Nachfrage für diese Anleihen, die der Staat ausgibt. Das Geld komme dabei direkt von der Zentralbank - „oder indirekt“, bemerkt der Volkswirt.

    Denn: „Das Zentralbankgeld kommt aus dem Nichts. Das Geld wird geschaffen. Es wird gedruckt. Dafür braucht man keine Deckung oder sonst etwas, sondern das wird einfach hergestellt von der Zentralbank“, behauptet der Honorarprofessor an der Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik.

    Doch einige Experten sehen in der lockeren Geldpolitik der EZB massive Probleme und rechnen bereits mit einer Hyperinflation. So auch der Finanzexperte und Bestsellerautor Marc Friedrich. Er sieht die Maßnahmen kritisch und spricht von einer „weltweiten Panik der Notenbanken“: „Je mehr Geld ins System gepumpt wird, umso wertloser wird der Euro in ihrem Portemonnaie. Wir werden sehen, wenn die drittgrößte und viertgrößte Volkswirtschaft im absoluten Quarantänemodus ist, da wird spätestens der Euro zerbrechen“, sagt der Ökonom vom Beratungsunternehmen „Friedrich und Weik Vermögenssicherung“.

    Sinn kritisiert „großangelegte Vergemeinschaftungsaktion“

    Auch der ehemalige Chef des Instituts für Wirtschaftsforschung (Ifo), Hans-Werner Sinn, warnt vor vermehrten Anleihekäufen der EZB: „Das hat sie schon in den letzten zehn Jahren im Übermaß getan. Wir schwimmen im Geld. Es ist viel zu viel Geld im Umlauf“, glaubt Sinn. Ein neues „Asset-Kaufprogramm“ der EZB, „um die neuen Schulden zu sozialisieren sei hochgefährlich, weil es entweder Inflation oder Enteignung der Vermögen durch Negativzinsen provoziert“, so der Volkswirt in einem Youtube-Video des „Wirtschaftsbeirats Bayern“.

    „Wenn die Inflation stattfindet, dann sind die Schuldner ihre Schulden los. Und wenn keine Inflation stattfindet, wird es andere Möglichkeiten geben, um diesen Geldüberhang zu beseitigen und der ist nicht so schön: Es ist bereits die Rede davon, auf Bargeld Negativzinsen zu führen. Damit die Leute nicht ins Bargeld flüchten wollen, soll das Bargeld gegenüber dem elektronischen Zentralbankgeld abgewertet werden – und das jedes Jahr. Das ist fast dasselbe wie eine Vernichtung von Vermögens- und Geldwerten durch eine Inflation.“

    Solche politischen Prozesse seien die Konsequenz einer „großangelegten Vergemeinschaftungsaktion über Eurobonds“ (als „Eurobond“ oder EU-Anleihe wird eine bislang nicht realisierte, aber kontrovers diskutierte Art von Staatsanleihe in der Eurozone bezeichnet. Dabei sollen EU-Staaten gemeinsam Schulden am Kapitalmarkt aufnehmen, die aufgenommenen Mittel unter sich aufteilen und gesamtschuldnerisch für die Rückzahlung und Zinsen dieser Schulden haften – Anm. d. Red.). 

    Paradigmenwechsel setzt ein?

    Solchen Ansichten widerspricht Flassbeck in aller Deutlichkeit. „Das ist alles grandioser Unsinn. Das sind die gleichen Leute, die schon seit 20 Jahren behaupten, es gibt Hyperinflation, weil die Geldpolitik sehr locker ist und die Zinsen null sind. Bisher hat es keine Hyperinflation gegeben. Japan macht so eine Politik bereits seit 30 Jahren. Und es hat immer noch eine Deflation. Es gibt leider viel zu viele, die diesen Unsinn behaupten“, empört sich der Ex-Staatssekretär.

    Für den Ökonomen agiere die EZB weiterhin zu zaghaft. EZB-Chefin Lagarde müsse seiner Ansicht nach noch einen Schritt weitergehen und sagen: „Der Spread (die Differenz zwischen zwei Zinssätzen - Anm. d. Red.) zwischen Italien und Deutschland ist für die EZB ganz entscheidend und wir werden dafür sorgen, dass es keine großen Spreads zwischen diesen beiden Ländern gibt. Und dann weiß jeder Marktteilnehmer, dass er die Finger davon zu lassen hat, weil er keine Chance gegen die europäische Notenbank hat.“ Die Mittel, mit denen die EZB ausgestattet ist, seien unendlich groß – „damit immer größer als die der Marktteilnehmer.“

    Flassbeck erklärt die aus seiner Sicht zögerlichen Maßnahmen der Zentralbank mit „ideologischen Hindernissen“. „Man sieht es in Deutschland: Es gibt ideologische Blockaden. Deutschland ist das Land, was darauf beharrt, dass die Märkte da eine Rolle zu spielen haben und das ist ein grandioser Fehler.“ Diese Erkenntnis setze sich in Europa nur allmählich durch. Doch die Krise werde für ein Umdenken sorgen, ist der Wirtschaftsexperte überzeugt.

    Komplettes Interview mit Prof. Dr. Heiner Flassbeck zum Nachhören:

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    Wirtschaftsschaden, Wirtschaftspolitik, Wirtschaftskrise, Marktwirtschaft, Volkswirtschaft, Wirtschaftsraum, Weltwirtschaft, Wirtschaft, Covid-19, Coronavirus, US-Staatsanleihen, Staatsanleihen, Staatsanleihe, Eurobond, Eurobonds, Marc Friedrich, Hans-Werner Sinn, Heiner Flassbeck, Christine Lagarde, Cristine Lagarde, Europäische Zentralbank (EZB)