23:45 06 Juli 2020
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    Krankenhäuser und medizinische Einrichtungen in Deutschland und Europa haben nicht erst seit der Corona-Pandemie ihr Limit erreicht. „Management-Fehler und Klinik-Übernahmen durch Investoren sind nur einige der Probleme“, so das Urteil des Wirtschaftsexperten Werner Rügemer im Sputnik-Gespräch. Tiefere Ursachen der Krise liegen im Finanzsystem.

    Einen kleinen Skandal, der schon seit Jahren bekannt ist und jetzt in der Krise um SARS-CoV 2 (Covid-19) besonders deutlich wird, nannte Werner Rügemer im Sputnik-Interview:

    „Hunderttausende billige Ärzte, Pflegerinnen und auch Haushaltsbetreuerinnen für alte Menschen und Demente werden schon seit Jahren aus Osteuropa – beispielsweise aus Polen oder dem Kosovo – herangezogen, um diese Leistung billiger anbieten und so unseren Notstand mehr oder minder aufrechterhalten“, sagte der kritische Wirtschafts-Analytiker aus dem Rheinland, der internationale Vorträge hält.

    Das geschilderte Problem erfolge auch aufgrund der „Abwerbung westlicher Ärzte beispielsweise hin zu reinen Privat-Kliniken. Medizinisches Fachpersonal, das dann praktisch aus Westeuropas öffentlichem Gesundheitssystem 'abgezogen' wird und in Deutschland durch mehr Ärzte aus Osteuropa und dem Balkan ersetzt werden muss – was wiederum dazu führt, dass in diesen Ländern dann wieder Mediziner fehlen.“ Zudem haben in den letzten Jahren einige Kliniken und Krankenhäuser in Deutschland Beatmungs-Plätze „aus Kostengründen“ abgeschafft, weil diese angeblich nicht mehr rentabel waren. Das rächt sich jetzt in der Corona-Krise, weil solche Krankenplätze dringend fehlen.

    Ein internes Dokument aus dem Innenministerium, das der Sputnik-Redaktion vorliegt, warnt davor, dass die derzeit in Deutschland zur Verfügung stehenden Intensivbetten „eventuell nicht ausreichen könnten“.

    Nicht erst seit Corona: „Profit-Gier auf Kosten der Patienten“

    Darauf macht auch Rügemer aufmerksam. Der Finanz-Experte, Publizist und Buchautor aus Köln – der sich auch in wirtschaftsrechtlichen und medizinrechtlichen Fragen bestens auskennt – sieht sich als Anwalt für globale und soziale Menschenrechte. Er verfolgt seit Jahren kritisch die Vorgänge in der Weltwirtschaft, der deutschen sowie europäischen Wirtschaft.

    Krankenhäuser in Deutschland und Europa würden seit Jahrzehnten durch gewisse Anteilseigner im Gesundheitssystem „nur noch auf den reinen Profit“ getrimmt und das Wort „Gesundheitsfürsorge“ sei zum bloßen Marketing-Begriff verkommen, kritisiert er schon lange. Nicht erst seit der momentanen Problemlage.

    Privatisierte Krankenhäuser und „vergessene Patienten“

    „In der ganzen westlichen Welt sind nach dem Vorbild der USA die Gesundheitssysteme seit ungefähr 20 Jahren 'gewinnträchtig' zugerichtet worden“, erklärte er. „In Deutschland gruppiert sich das um den Begriff der Fall-Pauschale. Das heißt, es werden vor allem große Operationen gemacht, die aber möglichst schnell durchgezogen werden sollen. Ganz viele Krankenhäuser sind privatisiert und zu großen, von Investoren kontrollierten Ketten, zusammengeschoben worden. Entsprechend sind zehntausende von Arbeitsplätzen abgebaut worden. Es sind die üblichen Instrumente eingesetzt worden: Viele Leiharbeiter, Kurzzeit, befristete Arbeitsplätze.“

    Aufgrund der starken Fokussierung auf Covid-19 würden derzeit andere Krankheiten fast vergessen. „Das bedeutet, dass andere Patienten rausfallen oder herausgedrängt werden. Es kann passieren, dass vereinbarte Operationen oder Therapien deshalb abgesagt werden.“ Davon betroffen beispielsweise Krebs-, Herz- oder andere Lungen-Patienten. Auch die Isolation älterer Menschen in den Pflege- und Altersheimen sei derzeit ein großes volkswirtschaftliches und sozial-psychologisches Problem. Ebenso die teilweise fehlende Gesundheitsabsicherung für osteuropäische oder ostdeutsche Bauarbeiter, die in Deutschland auf Baustellen „derzeit immer noch arbeiten“. Oder die Tatsache, dass Obdachlose „jetzt in viele Notunterkünfte gar nicht mehr rein dürfen.“

    Vor allem die momentan stark geforderten Krankenhaus- und Gesundheitssysteme der europäischen EU-Länder Italien, Spanien, aber auch Großbritannien, hat er im Blick. Deutschlands Krankenhäuser werden ebenso unter kritisch die Lupe genommen.

    Deutschland: „Was Spahn weiß, aber nicht sagt ...“

    „Das deutsche Gesundheits-Management (u. a. unter Gesundheitsminister Jens Spahn, Anm. d. Red.) ist doch kein selbständiges“, kritisierte der Kölner Finanz-Experte mit Blick auf die Corona-Maßnahmen der Bundesrepublik. „Man sieht das daran, dass die Zahlen der Johns-Hopkins-Universität (in den USA, Anm. d. Red.) meist höher sind als die Zahlen für Deutschland, die das Robert-Koch-Institut veröffentlicht. Die US-Universität betreibt ein riesiges Institut für 'Globale Gesundheit' ('Global Health Security') und erfasst für 195 Staaten gleichzeitig die Situation mit Corona. Die hat da ganz andere Ressourcen, Tausende von Beschäftigten und kann sich auf viel mehr Quellen, auch in Deutschland, berufen. Die Uni verfolgt auch Mitteilungen einzelner Krankenhäuser, Erklärungen von Ärzten oder Twitter-Accounts.“ Außerdem handle die Johns-Hopkins-University laut ihm als „private, unternehmens-, militär- und regierungsnahe Universität im nationalen Interesse der USA.“

    Im Gegensatz dazu „hat das Robert-Koch-Institut gerade einmal 450 Wissenschaftler und Mitarbeiter – das ist doch ein Zwerg. Das heißt also für Deutschland: Die Datenerfassung und die Datenauswertung ist vereinfacht gesagt ganz in US-amerikanischer Hand.“ Insofern sei das Krisenmanagement Deutschlands durch diese inoffiziellen „Vorgaben“ aus Übersee geprägt. „Der Begriff 'Social Distancing' stammt ja direkt von der Johns-Hopkins-Universität.“ Dies zeige die große US-amerikanische Abhängigkeit Deutschlands in der Corona-Krise.

    „Was Technologie- und Privatisierungsfreund Spahn wohl kennt, aber öffentlich nicht darüber spricht“, spitzte Rügemer zu: „Auch Testlabors, Altenheime, Rehakliniken werden von Heuschrecken-Investoren auf Privatgewinne zugerichtet.“

    Deutsche Kliniken: Aufnahme-Stopp für Patienten

    Aktuelles Beispiel Niedersachsen: Das Klinikum in Wolfsburg hat seit Ende März ein Aufnahmestopp verhängt. „Bis auf wenige Ausnahmen werden in dem Klinikum keine neuen Patienten mehr aufgenommen“, heißt es. Zuvor wurden „Mitarbeiter des Klinikums Wolfsburg positiv auf das neuartige Coronavirus getestet. Auch das Besuchsverbot wurde ausgeweitet.“ Nach Angaben des „NDR“ reagierte „Niedersachsens Gesundheitsministerin Carola Reimann (...) und hat angeordnet, dass 22 niedersächsische Reha-Einrichtungen umgehend Patienten aus Krankenhäusern übernehmen sollen.“

    Stellvertretend für die deutschen Krankenhäuser berichtete die „Süddeutsche Zeitung“ am Donnerstag „über das Geheimnis guter Krankenhäuser – und warum Deutschland nicht genug davon hat.“

    Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) sprach am Freitag laut der „Tagesschau“ davon, dass „einige Krankenhäuser kaputtgespart“ würden. „Wir müssen einfach darauf reagieren, dass Gesundheit kein rein marktwirtschaftliches Gut sein kann“, wurde er zitiert.

    Italien: Lombardei war schon vor Corona in Not

    Die Lombardei in Nord-Italien ist eine der am härtesten getroffenen Regionen der Welt, was Covid-19 angeht. „Mailands Mediziner berichten von der dramatischen Situation in den überfüllten Krankenhäusern im Norden von Italien“, meldeten internationale Medien bereits Mitte März. „Mehr als 1600 Ärzte und Pfleger sind mit dem Coronavirus infiziert.“

    Russlands Hilfe für Italien
    © Sputnik / Verteidigungsministerium Russlands / Handout

    Dabei ist das Problem für das südeuropäische Land nicht neu, wie ein Blick in die italienische Presselandschaft der letzten Jahre verrät. Denn in der Millionenmetropole Mailand kam es bereits Anfang 2018 zu einer Überlastung des dortigen Gesundheitssystems, als 48 Menschen an Influenza-Viren erkrankten. „Die Probleme überschneiden sich: Schwierigkeiten bei der Aufnahme neuer Patienten, Verschiebung geplanter chirurgischer Eingriffe und Operationen sowie die Aussetzung der Reservierungen für Krankenbetten. Außergewöhnliche und meist unbezahlte Überstunden und Schichten für Ärzte und Krankenschwestern, die aus den Ferien zurückgerufen wurden. Schon kleine Grippewellen führen zu Bildern von überfüllten Krankenhäusern.“ Das berichtete eine der größten Zeitungen Italiens, „Corriere della Sera“, bereits vor zwei Jahren. Die Meldung könnte aus der Gegenwart stammen. 

    Die EU „muss sich widerstrebend gefallen lassen, dass einzelne EU-Mitgliedsstaaten wie Italien jetzt China um Hilfe bitten oder dass Russland seine Gesundheitsexperten, Atemmasken und Beatmungsgeräte nach Italien schafft und in weitere EU-Länder, die eben keine Reserven haben“, kommentierte Rügemer.

    Spanien: „Chaos in Madrid“

    Auch Spanien ist mit aktuell über 112.000 Covid-19-Infizierten eines der am stärksten betroffenen Länder in der EU und weltweit. Spanische Medien berichteten die letzten Tage über „Chaos im neuen Not-Krankenhaus“ in Madrid.

    „Es ist wahrscheinlicher, sich hier anzustecken, als geheilt zu werden“, wurde ein Arzt im Not-Klinikum in der Hauptstadt Spaniens zitiert.

    „Wir erleben keinen Zusammenbruch der westlichen Wirtschaft, sondern eine Umorganisation“, erklärte Rügemer mit Blick auf die spanische Corona-Krise. „Die westlichen Staaten haben ja ein Hilfsprogramm für private Unternehmen aufgelegt, die es in der Geschichte des Kapitalismus noch nie gegeben hat. Darunter auch Frankreich oder Spanien.“ Der Preis: Die sowieso schon hohe Verschuldung der Zentralbanken wird somit noch weiter nach oben getrieben. „Die Staaten können sich jetzt praktisch grenzenlos nach oben hin verschulden.“

    Großbritannien: Nach dem „Brexit“ die nächste große Krise?

    Die Ausreden von Premier Boris Johnson könnten dem Land „teuer zu stehen kommen“, berichtete die „Deutsche Welle“ vor wenigen Tagen. „Ärzte und Pflegekräfte haben gedroht, ihre Arbeit niederzulegen, da sie nicht genug Schutzausrüstung haben. (...) Diese Krise wird dauerhafte Spuren in der britischen Gesellschaft“ und dem Gesundheitssystem im Vereinigten Königreich hinterlassen.

    „Die führenden kapitalistischen Staaten (in der Weltwirtschaft, Anm. d. Red.) wie die USA oder Großbritannien sind auch führend in der kapitalistischen Zurichtung der Gesundheitssysteme“, ordnete Rügemer ein. „In diesen Ländern werden Krankenhäuser wie Unternehmen angesehen und geführt. Sie sollen ihren Eigentümern möglichst viel Gewinn einbringen. Das wurde im Vereinigten Königreich unter Margaret Thatcher begonnen und fortgeführt unter 'New Labour'. Ein wenig später hat mit diesen Methoden auch die Bundesrepublik Deutschland begonnen.“

    Der in London ansässige Private-Equity-Investor Bridgepoint habe beispielsweise „340 Dialyse-Zentren mit 10.000 Beschäftigten in 20 Staaten aufgekauft und in der Luxemburger Holding Diaverum S.a.r.l. zusammengefasst.“ Der Finanz-Experte nannte einen aufschlussreichen Nebenaspekt: „Die Europäische Union hat dann dieses Vorgehen in den neuen EU-Mitgliedsstaaten in Osteuropa und in Ex-Jugoslawien forciert, weil man ja dort das Ganze neu und noch massiver aufziehen konnte. Überbleibsel aus sozialistischer Zeit im öffentlichen Gesundheitssystem sind besonders unterfinanziert.“

    Das marode Gesundheitssystem der USA betrachtet Rügemer in einem aktuellen Beitrag für die „NachDenkSeiten“.

    „Am Limit der Leistungsfähigkeit angelangt“

    Krankenhäuser, medizinische Einrichtungen und die Gesundheitssysteme in Deutschland und Europa sind demnach nicht erst seit der welt- und bundesweiten Corona-Pandemie am Limit, also an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angelangt. Die Gründe dafür sind vielfältig, allerdings auch auf dem Finanzparkett zu finden.

    Ärzte und Krankenschwestern versuchen derweil ihr Menschenmöglichstes, um Covid-19-Patienten und anderweitig erkrankte und verletzte Menschen zu retten – in solch einer Notlage wie im Moment ohnehin kein einfacher Job. Aber wenn es an Geldern mangelt, es an einer veralteten Ausstattung hapert, bereits eingeplante Krankenbetten und Intensivbetten dann doch fehlen und am Ende die Gesundheitsfürsorge für Menschen obendrein noch durch Fehl-Spekulationen von oberen „Entscheidern“ sprichwörtlich aufs Leben gesetzt wird – dann können auch die besten Mediziner nicht ihr Bestes geben.

    „Weiterverkauf von Kliniken an den nächsten Investor“

    „Die westlichen Regierungen, die EU und Investoren haben die Gesundheitssysteme auf Profite getrimmt, privatisiert, verknappt: Zulasten des überforderten Personals und zulasten der Patienten selbst“, schrieb der Finanz-Experte Mitte März für die „NachDenkSeiten“. „Zum Beispiel hat der niederländische Private-Equity-Investor Waterland seit dem Jahr 2011 über 120 Reha-Kliniken zusammengekauft und daraus die größte private Reha-Kette unter dem Namen Median gebildet. Der von McKinsey inspirierte Konzern lässt sich Billigpfleger aus Albanien, Montenegro, Serbien und der Ukraine heranschaffen.“ Es sei immer der Heuschrecken-übliche Exit geplant: „Börsengang oder Weiterverkauf an den nächsten Investor.“

    Schon der „Normal“-Betrieb in Krankenhäusern „ist eine Katastrophe. Zudem machen heute nicht nur prekäre, sondern auch 'normale' Arbeitsverhältnisse zusätzlich krank – von Arbeitslosigkeit ganz abgesehen. Die seelische und körperliche Gesundheit der Mehrheitsbevölkerung ist für Bundeskanzlerin Merkel, Gesundheitsminister Spahn, Bayerns Ministerpräsident Söder und die Unternehmerlobby kein verbindlicher Wert: Ihr System lebt von und mit der Krankheit.“

    In Krankenhäusern werden laut Rügemer möglichst viele Tätigkeiten ausgelagert: „Reinigung, Catering, Labortests, Bettentransport, Fahrdienste, Medikamentenversorgung, Wäscherei usw. Subunternehmerketten übernehmen das mit Billiglöhnern, holen sich Personal von der Leiharbeitsfirma. Das ist zudem keine Gewähr für konsequente Hygiene, im Gegenteil.“ Das neue SARS-Virus (Covid-19) treffe „im Westen auf kranke Gesundheitssysteme. (...) Das System ist auf profitable Großkrankheiten und Operationen mit möglichst kurzen Krankenhausaufenthalten getrimmt. Schon für wiederkehrende Grippewellen, für Geburten – keine Reserven. So fehlt es am Einfachsten, selbst am Billigsten: Atemmasken, Schutzkleidung und Test-Kits, die nur ein paar Euro kosten.“

    Jetzt in der aktuellen Krise um SARS-CoV 2 (Covid-19) offenbare sich, in welch schlechtem Zustand sich die Krankenhäuser und allgemeinen medizinischen Einrichtungen in Deutschland und ganz Europa wirklich befinden, betont er. Auch das aus menschlicher Sicht miserable Finanz-Management solcher Institutionen werde nun für alle sichtbar, so Rügemer in seiner Analyse.

    Die Investoren-Lobby treibe „die Schließung und Privatisierung von Krankenhäusern voran“, kritisiert er. „Die immer größeren Häuser, zusammengefasst in immer größeren Konzernen wie Asklepios, Ameos, die Rhön-Kliniken, Fresenius mit FMC sowie Helios, werden technologisch aufgerüstet und personell abgerüstet.“ Das zu geringe medizinische Personal sei ausgepowert und „wird selbst häufig krank“.

    Das Radio-Interview mit Dr. Werner Rügemer zum Nachhören:

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