17:22 18 September 2020
SNA Radio
    Wirtschaft
    Zum Kurzlink
    41038
    Abonnieren

    Die chinesische Zentralbank hat vor einer möglichen Krise in der Größenordnung der Großen Depression gewarnt. Doch eine gemeinsame Lösung ist laut dem Leiter des Asien-Programms des Moskauer Carnegie-Zentrums, Alexander Gabujew, wegen der sich zugespitzten Konkurrenz zwischen den Großmächten kaum möglich.

    Wie der bei der chinesischen Zentralbank zuständige Leiter für internationale Zusammenarbeit, Zhu Jun, äußerte, wird die Wiederherstellung der Wirtschaft weitaus mehr Kraft kosten, wenn die Ausbreitung der Pandemie nicht bald unter Kontrolle bekommen werde. Dazu seien koordinierte Handlungen aller Länder erforderlich. Allerdings sind Experten der Meinung, dass dies kaum möglich ist.

    Zhu Jun kritisierte außerdem, dass die aktiven Handlungen der Zentralbanken der Industrieländer nur Maßnahmen der monetären Stimulierung umfassen würden. Dies sei für eine schnellere Bekämpfung der Ursache der Krise und Kontrolle der epidemiologischen Lage nicht förderlich. Im Unterschied zu früheren Krisen, die in der Regel im Finanzsektor entstanden seien, komme die jetzige Krise aus der Realwirtschaft. Die Überhitzung der Börsenmärkte (besonders in den westlichen Ländern) berge zusätzliche unsichtbare Finanzrisiken in sich. Da die Kapitalisierung der Unternehmen sehr schnell wachse, könnte es bei einer Panik eine starke Neuordnung des Marktes und als Folge einen umfassenden Rückgang der Aktienwerte geben. Die lange Zeit des spekulativen Wachstums der Börsenindexe könnte schnell durch eine Spirale der Schuldendeflation abgelöst werden.

    Allerdings sei das nur eine Folge und nicht die Ursache. Die jetzige Krise sei durch den Stopp des realen Sektors der Wirtschaften verschiedener Länder ausgelöst worden, weil man zur Verhinderung der Corona-Ausbreitung die Produktionsbetriebe schließen und Ausgangssperren verhängen gemusst habe. Das sorge für einen Domino-Effekt in fast allen Branchen der Realwirtschaft. Wie der Sprecher des russischen Präsidenten, Dmitri Peskow, vor wenigen Tagen bezüglich des arbeitsfreien Aprils in Russland sagte, ist das eine enorme Belastung für die Unternehmen und die Wirtschaft im Ganzen. Dennoch sei dies beschlossen worden, weil das Wichtigste während der Pandemie das Leben und die Gesundheit der Menschen sei.  Peskow zufolge wird sich die durch die Pandemie verursachte globale Wirtschaftskrise noch zeigen, darauf sollte man gefasst sein. Es werde eine Koordinierung der Handlungen, Antikrisenmaßnahmen seitens vieler Staaten erforderlich sein, so Peskow.

    Die russische und die chinesische Position zur Bekämpfung der wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie sind ähnlich. Der Vize-Chef der chinesischen Zentralbank, Chen Yulu, sagte außerdem, dass zusammen mit Fed und IWF gemeinsame Herangehensweisen zur Krisenlösung erörtert würden. Zudem rief er dazu auf, die Handels-, Geld- und Fiskalpolitik mehr in den Fokus zu rücken. Beim jüngsten G20-Sondergipfel rief China auch zu einer koordinierten makroökonomischen Politik zur Wiederherstellung der Weltwirtschaft angesichts der Covid-19-Epidemie auf. Im Unterschied zur Situation während der letzten Krise 2008 werde China eine aktivere Rolle beim Wiederaufbau der Weltwirtschaft spielen.

    Jedenfalls meistere China die Folgen der Epidemie am besten, sagt der Leiter des Asien-Programms des Moskauer Carnegie-Zentrums, Alexander Gabujew, gegenüber Sputnik.

    „China kann die Verluste im Zuge der Wiederherstellung schnellstmöglich minimieren, weil es schnell Quarantänen verhängte, und damit die menschlichen Verluste minimiert wurden. Zugleich kann China mithilfe von aktiven staatlichen Unterstützungsmaßnahmen die Wiederherstellung der Wirtschaft 2021-2022 beschleunigen“.

    Während in China 90 Prozent der Großunternehmen bereits ihre Arbeit wieder aufgenommen haben, der Purchasing Managers Index – PMI den Februar-Tiefpunkt von 35,7 hinter sich ließ und in die Wachstumszone von mehr als 50 zurückkehrte, erleben die westlichen Börsen einen wahren Kollaps. S&P verlor 20 Prozent, Dow Jones Industrial Average und der britische FTSE 100 erlebten den stärksten Absturz seit 1987, wobei rund ein Viertel verloren ging. Der MSCI AC World sank seit Jahresanfang um 21,27 Prozent. Im Jahr 2008 waren es übrigens 22,77 Prozent.

    Vor dem Hintergrund der durch die Corona-Pandemie ausgelösten weltweiten Rezession sei ein Herangehen zur gemeinsamen Lösung der Probleme und Ausarbeitung einer gemeinsamen Strategie wohl logisch. Allerdings sei es kaum wahrscheinlich, dass eine gemeinsame Problemlösung gefunden werde, selbst ungeachtet der Tatsache, dass die Epidemie ziemlich lange anhalten könne. Der Grund seien geopolitische Kontroversen, so Gabujew.

    „Die Krisenüberwindung hängt direkt von der epidemiologischen Situation ab. Eine langfristige Lösung wie ein Impfstoff wird frühestens im Sommer 2021 gefunden. In diesem Fall hat China bessere Bedingungen, weil es den ‚Brand‘ in der Wirtschaft mit seinen Finanzreserven löschen kann. Doch eine gemeinsame Lösung ist wegen der sich zugespitzten Konkurrenz zwischen den Großmächten kaum möglich. In dieser Situation wird derjenige gewinnen, der die geringsten Verluste hat. China ist der erste Kandidat dafür“, so der Experte.

    Die USA wollen ihre Politik nicht mit anderen Ländern koordinieren, selbst wenn sie selbst darunter leiden und die entstandene Situation nicht im Alleingang lösen können. Als Beispiel könnte der Absturz der Ölpreise genannt werden, der nicht nur durch die Covid-19-Pandemie, sondern auch den fehlenden Wunsch mehrerer Länder, insbesondere der USA, bestimmte Ölfördermengen zu vereinbaren, ausgelöst wurde. Russlands Präsident Wladimir Putin hatte zuvor zum Ausdruck gebracht, dass die Teilnehmer des OPEC-plus-Deals die Ölförderung um zehn Mio. Barrel pro Tag vom Niveau des ersten Quartals 2020 senken könnten, um die Ölpreise zu unterstützen. Dennoch ist Saudi-Arabien für einen Deal erst bereit, wenn sich dem Deal auch die USA anschließen werden. Die US-Schieferölproduzenten sind zwar zu allem bereit, denn sie leiden am stärksten unter den niedrigen Ölpreisen wegen der kostspieligen Erschließung von Frackingvorkommen, doch die Ölindustrielobby in den US-Machtstrukturen ist kategorisch gegen jede Begrenzung der Fördermengen.

    Ähnlich stur zeigt sich Washington auch beim Kampf gegen Covid-19. Beim jüngsten G20-Sondergipfel rief China zur Aufhebung der Handelsbarrieren und Liberalisierung des Welthandels zur Erleichterung der Wiederherstellung der Weltwirtschaft auf. Zudem forderte Peking die Koordinierung der Quarantäne-Maßnahmen zwischen den Ländern, um die Geschwindigkeit der Ausbreitung der Epidemie gemeinsam zu verlangsamen. Die USA unternehmen bislang keine entgegenkommenden Schritte. Viele Politiker stellen sogar die Frage, ob zu drastische Quarantäne-Maßnahmen gerechtfertigt seien. Die USA haben derweil China bei der Zahl der Covid-19-Infizierten längst überholt.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren

    Zum Thema:

    Fall Nawalny: Deutsche Eliten und „Ausdruck eines Niedergangs“ – Experte Fischer knallhart
    Fall Nawalny: Deutschland und OPCW weichen Antworten auf Russlands Fragen aus – Lawrow
    Belarus kann dem Weg des Baltikums folgen – Expertenmeinung
    Nord Stream 2: Versorgungsschiff „Iwan Sidorenko“ kehrt nach Kaliningrad zurück
    Tags:
    Weltwirtschaft, Rezession, Weltfinanzkrise, Finanzkrise, Coronavirus, Russland, China