12:22 03 Juni 2020
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    In Russland startet am 1. Juli die digitale Kennzeichnungspflicht für Schuhe auch für deutsche Hersteller und Händler auf dem russischen Markt. Nicht nur wegen der Coronakrise sollte die Markierungspflicht wieder aufgehoben werden, so der Schuhverband: Wegen Datenschutz-Bedenken stelle sich die Frage, ob dem System generell vertraut werden kann.

    Russland hat dem Schwarzmarkt und Produktfälschungen den Kampf angesagt, doch der mag womöglich ungewollte „Kollateralschäden“ nach sich ziehen.

    Anti Piraterie mit DataMatrix-Code

    Im Rahmen der Anti-Piraterie-Initiative dürfen ab 1. Juli 2020 im russischen Einzelhandel zum Beispiel nur noch Schuhe verkauft werden, die einen sogenannten DataMatrix-Code tragen. Das flächendeckende Projekt digitaler Kennzeichnung von Warengruppen begann bereits im vergangenen Jahr. Produkte sollen auf ihrem Weg von der Herstellung bis zum Endverbraucher lückenlos rückverfolgt werden können.

    „Ehrensiegel“: Lückenlose Zurückverfolgbarkeit

    Inlandshersteller und Importeure müssen alle in Verkehr gebrachten Produkte mit einem 2D-Code bedrucken. Diese Digitalcodes enthalten fast alle Informationen zum Produkt: Ort, Datum und Uhrzeit der Herstellung, Haltbarkeit, Informationen zum Warenumlauf, Datum und Ort des Verkaufs. Die Umsetzung des „Tschestny SNAK" oder „Honest SIGN" als „Ehrensiegel“ genannten Systems erfolgt schrittweise.

    Im Fokus: Die Schuhbranche ist „dringend aufgefordert“

    Der ursprüngliche Starttermin der Kennzeichnungspflicht für die Schuhbranche wurde wegen des Coronavirus um vier Monate nach hinten verschoben. Spätestens bis zum 1. September 2020 müssten aber laut Plan alle Lagerbestände digital markiert sein.

    „Heute verzeichnen wir einen Anstieg der Auftragszahlen für Kennzeichnungscodes, was auf die aktive Beteiligung der Unternehmen an dem Projekt hinweist“, so der stellvertretende Leiter des Ministeriums für Industrie und Handel, Viktor Jewtuchow, im Magazin „RusslandInsider“. Das Ministerium fordere die Unternehmen „dringend“ auf, die Umsetzung der Vorschriften „nicht auf den letzten Tag zu verschieben“, sondern sich bereits jetzt aktiv auf die Einführung vorzubereiten, heißt es weiter. Wichtig sei: Die gesamte Umlaufware muss vollständig gekennzeichnet sein.

    Deutsche Händler und Hersteller betroffen

    Der russische Markt sei von besonderer Bedeutung für die deutschen Schuhhersteller, heißt es vom Bundesverband der Schuh- und Lederwarenindustrie (HDS/L). Das Image der deutschen Marken in Russland sei sehr positiv, da sie mit hoher Qualität und modischem Chic verbunden würden. Das Traditionshaus Salamander gehört zum Beispiel dazu, aber auch Deichmann ist in Russland aktiv.

    Exportvolumen rückläufig

    Doch der Bundesverband der Schuh- und Lederwarenindustrie HDS/L gab noch im vergangenen September anlässlich der Moskauer Schuhmesse „MosShoes“ zu bedenken, dass der Exportmarkt Russland viele Unwägbarkeiten offenbare. Die aktuellen Export-Zahlen bestätigten eine schwierige Wirtschaftslage: In 2019 gingen 0,8 Prozent aller aus Deutschland ausgeführten Schuhe nach Russland. In 2009 betrug dieser Anteil noch 2,7 Prozent. So wurden im ersten Halbjahr 2019 rund 1,8 Millionen Paar Schuhe von Deutschland nach Russland exportiert, mit einem Wert von rund 55 Millionen Euro. Im Vorjahr 2018 waren es noch rund 66 Millionen Euro. Aus heutiger Sicht bedeuten die 2019 exportierten insgesamt 2,5 Millionen Paar Schuhe de facto einen Rückgang von nahezu einem Drittel.  

    Stagnierende Marktsituation und sinkende Netto-Einkommen

    Diese Entwicklung spiegele eine stagnierende Marktsituation in Russland wider, so der Schuhverband: Während in 2017 in Russland die Inlandsverfügungsmenge an Schuhen noch 394 Millionen Paar betragen habe, wurden in 2018 nur noch 361 Millionen Paar angeboten. Dies entspricht einem Rückgang von rund 8 Prozent, und sei auch im Zusammenhang mit dem sinkenden verfügbaren Einkommen der russischen Bevölkerung zu betrachten. Laut der Deutsch-Russischen Außenhandelskammer (AHK) verharrten im Jahr 2019 die real verfügbaren Geldeinkommen der Russen mit einem Plus von 0,8 Prozent auf Jahresbasis auf niedrigem Niveau.

    Von den höheren Geldzuwendungen im Rahmen des von Präsident Wladimir Putin angekündigten Sozialpakets wurde zu Jahresbeginn erwartet, dass sie 2020 die schwache Binnennachfrage ankurbeln würden. Allerdings verhagelte die Ausbreitung des Coronavirus den Russen die Konsumlaune – mit Ausnahme von Vorratskäufen für die Quarantänezeit, so der Verband.

    Enorme Anforderungen, hohe Kosten: Markierungspflicht als Handelshemmnis

    Würde die digitale Markierungspflicht für Schuhe für den russischen Markt eingeführt, so würde nach aktuellem Stand das geplante System hohe Anforderungen und Kosten an die gesamte Lieferkette vorsehen: Angefangen von der Produktion, IT bis hin zur Logistik. 

    „Aufgrund der enormen Anforderungen ist der Eintritt, aber auch Verbleib für kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) im russischen Markt besonders schwer. Aus unserer Sicht ist die geplante digitale Markierungspflicht ein nicht-tarifäres Handelshemmnis von Seiten der russischen Regierung“, so Dr. Claudia Schulz, Pressesprecherin des HDS/L und des Deutschen Schuhinstituts (DSI) gegenüber Sputnik. 

    Datensicherheit - Verkauf von Daten und Vertrauensfrage 

    Mit der Umsetzung des Projekts ist das „Zentrum zur Entwicklung aussichtsreicher Technologien“ (ZRPT) beauftragt. Diese halbstaatliche Einrichtung sei für das Erreichen wichtiger Digitalisierungsziele Russlands zuständig, erläutert die Gesellschaft für Außenwirtschaft des Bundes, German Trade und Invest (GTAI). Die ZRPT soll sich im Rahmen der Kennzeichnungspflicht um die Datenerfassung und -speicherung kümmern. 

    „Höchst bedenklich ist ...der Punkt der Datensicherheit des Datenoperators. Dies ist ein Privatunternehmen, welches höchst sensible Informationen über die Produkte und die Handelsbeziehungen der Unternehmen erhält“, so Schulz vom HDS/L.

    „Der Datenoperator hat öffentlich bekanntgegeben, dass er beabsichtigt, die empfangenen Daten an andere zu verkaufen, ohne eine Einverständniserklärung des betroffenen Unternehmens einzuholen. Weiterhin ist nach aktuellem Stand der Datenoperator nicht haftbar/verantwortlich für Datenlecks und Sicherheitsbrüche beim Datenoperator gegenüber dem (deutschen) Schuhimporteur. Kann ein Unternehmen einem solchen System vertrauen?“, fragt die deutsche Schuhlobby.

    Doppelbelastung: Schuhlobby erwartet Rückzug vom russischen Markt

    In Deutschland gäbe es viele Schuhhersteller, die sich zum russischen Markt bekennen würden und auch in einer schwierigen Zeit dort aktiv blieben und investierten. Doch im Zusammenhang mit der gesunkenen Konsumlaune des russischen Verbrauchers sei zu erwarten, dass sich viele Hersteller, deutsche und internationale, nun aufgrund der digitalen Markierungspflicht vom russischen Markt zurückziehen würden, gibt der HDS/L zu Bedenken. Dies würde sich dann für die Konsumenten bemerkbar machen, mit einer deutlich geringeren Vielfalt im Angebot an Marken und Produkten.

    Coronakrise berücksichtigen - Markierungspflicht aufheben

    „Die Coronakrise beeinflusst nicht nur die Konsumenten in Deutschland und Russland, sondern auch die deutschen Schuhhersteller und deren Partner in Russland. Die Unternehmen benötigen jede Ressource und jeden Mitarbeiter, um die Folgen der Krise zu bekämpfen. Wir hoffen, dass die russische Regierung die Coronakrise berücksichtigt und die Einführung der geplanten digitalen Markierungspflicht verschiebt oder ganz aufhebt“, so die Pressesprecherin des deutschen Schuhverbandes.

    Der Kreml plant, bis 2024 ein einheitliches nationales System zur Kennzeichnung von Waren in allen Industriezweigen aufzubauen.

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    Tags:
    Produktion, Handel, Protektionismus, Digitalisierung, Schuhe, Deutschland, Russland