02:46 19 September 2020
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    Immer mehr Läden dürfen nach der Corona-Schließung in dieser Woche wieder öffnen. Die Gastronomie gehört jedoch nicht dazu: Bars, Lokale, Wirtshäuser und Biergärten müssen weiterhin geschlossen bleiben. Die Branche befürchtet eine massive Pleitewelle und sogar ein „Wirtshaussterben nie gekannten Ausmaßes“. Doch die Politik bleibt hart - vorerst.

    Für die Gastronomie geht es um nicht weniger, als das blanke Überleben. Laut dem deutschen Hotel- und Gaststättengewerbe beispielsweise droht wegen der Corona-Krise etwa jedem dritten Betrieb die Pleite. Rund 70. 000 Hotel- und Gastronomie-Betriebe stünden vor der Insolvenz, warnte der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband Dehoga. Ein besonders lauter Hilferuf kommt nun aus dem Freistaat Bayern.

    ​Der „Verein zum Erhalt der Bayrischen Wirtshauskultur“  erklärt, unzählige Gastronomen stünden durch die harten Corona-Einschränkungen unmittelbar vor dem Aus. Die Forderung des Vereins lautet deshalb unmissverständlich, die Gastronomie bis spätestens zum 1. Mai mit entsprechenden Hygienemaßnahmen wieder zu öffnen. Andernfalls befürchtet der Verein ein „Wirtshaussterben nie gekannten Ausmaßes“. Der VEBWK-Vorsitzende Franz Bergmüller, Mitglied der AfD-Fraktion im Bayerischen Landtag, erläutert:

    „Wir sprechen hier nicht von einzelnen Gasthäusern, die um ihre Existenz bangen. Und steht ein landesweites Wirtshaussterben bevor, wie wir es bisher noch nicht erlebt haben.“

    Die Umsätze seien von einem auf den anderen Tag weggebrochen. Fixkosten für Energie, Gebühren, laufende Finanzierungen, Pacht und Mitarbeiter liefen hingegen weiter, so Bergmüller, der selbst Betreiber eines Wirtshauses mit angeschlossenem Biergarten ist.

    Nein heißt nein…

    Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hatte zuletzt mitgeteilt, die Schließung der Gastronomie werde in dem Freistaat noch bis mindestens Pfingsten anhalten. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel warnte vor einer verfrühten Öffnung. Wirtschaftsminister Peter Altmaier sieht die Gastronomie sogar weit am Ende von gelockerten Maßnahmen, da der Konsum von Alkohol gleichzeitig zu einer weniger aufmerksamen Hygienebeachtung der Gäste führe. Franz Bergmüller hält dagegen:

    „Es ist ein Irrsinn, dass unsere verantwortlichen Politiker die gesamte Branche, ohne mit der Wimper zu zucken, an die Wand fahren lassen.“

    Es sei absolut unverständlich, warum immer mehr Läden und Dienstleister unter entsprechenden Sicherheitsvorschriften in diesen Wochen wieder öffnen dürften, diese Maßnahmen in der Gastronomie aber nicht greifen würden. Gerade im Freien in Biergärten dürfte das Infektionsrisiko bei Einhalten der Hygieneschutzmaßnahmen noch weniger wahrscheinlich sein, als beispielsweise in Supermärkten, so Bergmüller.

    Viel zu wenig Hilfe?

    Die Hilfen des Staats hält Bergmüller für „einen Tropfen auf den heißen Stein“. Die Gelder seien meist schon nach der ersten Kurzarbeitergeldauszahlung aufgebraucht. Dabei sei auch anzumerken, dass die Soforthilfen nicht gezielt, sondern „nach dem Gießkannenprinzip“ ausgebracht würden: Viele Betriebe aus anderen Branchen hätten ebenso Geld erhalten, obwohl sie weiterhin arbeiten konnten:

    „Die Politik möchte die Branche jetzt mit Versprechen von zusätzlichen Zuschüssen besänftigen. Auch die angekündigte Senkung des MwSt.-Satzes für die Gastronomie soll für die weitere Zeit der Schließung entschädigen. Diese Maßnahmen müssen kommen, um den Schaden, den die Regierung angerichtet hat, auch nur annähernd zu begleichen.“

    Eine Verlängerung der Schließung rechtfertige das nach den Aussagen Bergmüllers aber nicht. Man werde mit Corona leben müssen, es sei deshalb die Pflicht der Politik, Wege für das Überleben der Wirtschaft zu finden. Die Gastronomie vor das Aus zu stellen, sei allerdings definitiv keine Lösung.

    Es sieht düster aus…

    Bundesfinanzminister Olaf Scholz hatte der Branche zuletzt finanzielle Hilfe in Aussicht gestellt. Die Regierung habe vor allem jene Branchen im Blick, für die es noch nicht so schnell wieder losgehe, das Hotel- und Gaststättengewerbe gehöre dazu. CSU-Chef Söder setzt sich außerdem dafür ein, die Mehrwertsteuer für den Bereich Hotels und Gastronomie bundesweit von derzeit 19 auf sieben Prozent zu senken. Seitens der SPD sind ähnliche Pläne zu vernehmen. Laut Hotel- und Gaststättenverband wird der Branche bis Ende April rund zehn Milliarden Euro Umsatz verloren gehen. In Hotels und Gaststätten arbeiten normalerweise rund 2,4 Millionen Beschäftigte, es ist einer der am stärksten betroffenen Wirtschaftszweige in Deutschland.

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    Tags:
    Finanzkrise, Insolvenz, Gastronomie, Coronavirus, Deutschland