10:12 03 Dezember 2020
SNA Radio
    Wirtschaft
    Zum Kurzlink
    Von
    146317
    Abonnieren

    Joseph Stiglitz, einer der weltweit führenden Ökonomen, vergleicht Donald Trumps verpatzten Umgang mit der Covid-19-Krise mit der eines unterentwickelten Landes der „Dritten Welt“ und habe sie auf den Weg zu einer zweiten ‚Großen Depression‘ gebracht.

    Im Interview mit der britischen Tageszeitung „The Guardian“ warnte Joseph Stiglitz, Millionen von Menschen in den USA müssten sich nun an kostenlose Essensausgaben wenden, wegen mangelnden Krankengeldes zur Arbeit erscheinen und wegen eines ungerechten Gesundheitssystems sterben.

    „Die Ungleichheit in den USA ist so groß“

    Der Ökonom und Wirtschaftsnobelpreisträger sagte:

    „Die Zahlen derer, die sich an kostenlose Tafeln wenden, sind einfach enorm und übersteigen deren Lieferkapazität. Es ist wie in einem Land der Dritten Welt. Das öffentliche soziale Sicherheitsnetz funktioniert nicht.“

    Stiglitz ist ein langjähriger Kritiker von Trump. Er sagte, 14 Prozent der Bevölkerung seien von Lebensmittelmarken abhängig und prognostizierte, dass die soziale Infrastruktur eine Arbeitslosenquote von 30 Prozent in den kommenden Monaten nicht bewältigen könne.

    „Wir haben ein unzureichendes Sicherheitsnetz. Die Ungleichheit in den USA ist so groß. Diese Krankheit hat diejenigen mit der schlechtesten Gesundheit ins Visier genommen. In der entwickelten Welt sind die USA eines der Länder mit der schlechtesten Gesundheit insgesamt und der größten gesundheitlichen Ungleichheit.“

    Infizierte müssen weiterarbeiten

    Laut Stiglitz hätten die Republikaner Pläne abgelehnt, vom Coronavirus Infizierten zehn Tage Krankheitstage zu gewähren, was bedeutet, dass viele Mitarbeiter auch mit einer Infektion arbeiten würden. „Die Republikaner lehnten die Vorschläge ab, weil sie befürchteten, es würde einen schlechten Präzedenzfall schaffen. Es ist wirklich unglaublich.“

    Er fügte hinzu: „Das Sicherheitsnetz reicht nicht aus und verbreitet so die Krankheit. Es gibt eine sehr schlechte Arbeitslosenversicherung. Die Leute haben kein Vertrauen darin."

    Weltwirtschaftskrise wird Schuld der Republikaner sein

    Auf die Frage ob die USA auf eine zweite Weltwirtschaftskrise zusteuern könnten antwortete Stieglitz:

    „Die kurze Antwort: Ja! Wenn Sie es Donald Trump und Mitch McConnell (Mehrheitsführer der Republikaner im US-Senat, Anm.d.Red.) überlassen, werden wir eine Weltwirtschaftskrise haben. Wenn wir die richtige politische Struktur hätten, könnten wir sie leicht vermeiden. “

    Das für Pandemien zuständige Büro des Weißen Hauses habe geschlossen. Grund dafür sei das Missmanagement von Präsident Trump, der die Mittel für die Zentren für die Kontrolle und Prävention von Krankheiten gekürzt habe und deswegen die USA ohne ausreichende Testkits, Masken und Schutzmaßnahmen in die Krise geraten seien. Von Trump ermutigt, seien Teile der USA entschlossen, den Shutdown zu beenden. Das würde die Übertragung der Krankheit befördern und zu einem erneuten Ausbruch führen würde, fügte er hinzu.

    Definition einer ‚Großen Depression‘

    „Unter diesen Umständen wird nicht die Regierung die Sperrung durchsetzen, es wird die Angst der Leute sein. Es gibt Grund zur Sorge, dass die Menschen ihr Geld für nichts anderes als Nahrungsmittel ausgeben werden, und das ist die Definition einer ‚Großen Depression‘.“

    Als „Große Depression“ bezeichnet man die schwere Wirtschaftskrise in den USA, die am 24. Oktober 1929 mit dem „Schwarzen Donnerstag“ begann und die 1930er Jahre dominierte. Sie war Ursprung der Weltwirtschaftskrise, die Ende der zwanziger Jahre die Industrie-Nationen ins Chaos stürzte..

    „Wir waren unvorbereitet, aber trotzdem hat vor allem Trumps Entscheidung, die Krise eher mit Politik als mit Wissenschaft zu regeln, dazu geführt, dass wir noch schlechter reagiert haben.“

    Republikaner kämpfen „schmutzig“

    Stiglitz sagte, wenn Trump im November beim Präsidentschaftswettbewerb besiegt werden würde und die Demokraten die Kontrolle über beide Häuser des Kongresses übernähmen, bestehe die Möglichkeit, dass sich die USA in eine progressivere Richtung bewegen, aber er warnte die Republikaner würden „schmutzig“ kämpfen, um sich an der Macht zu klammern.

    „Es gibt Wählerunterdrückung und ‚Gerrymandering‘. Die Republikanische Partei weiß, dass es sich um eine Minderheitspartei handelt, und es gibt einen uneingeschränkten Kampf, um sicherzustellen, dass diese Minderheitspartei die USA regiert.“

    „Gerrymandering“ bezeichnet die Manipulation von Wahlkreisgrenzen in einem Mehrheitswahlsystem, um die eigenen Erfolgsaussichten zu maximieren.

    Multilateralismus wichtiger denn je

    Stiglitz erwartet, dass die aktuelle Krise die Länder dazu zwingen wird, sich weniger angreifbar zu machen. Dies würde zu kürzeren Lieferketten und mehr Selbstversorgung in Bezug auf Nahrungsmittel und Energie führen.

    Er fügte hinzu:

    „Die Bekämpfung globaler Pandemien und des Klimawandels erfordert globale Zusammenarbeit. Es ist nur so, dass der Präsident der Vereinigten Staaten das nicht versteht."

    Der Ökonom hofft, dass die Welt aus der aktuellen Krise mit der Perspektive hervorgehen wird, dass Multilateralismus noch wichtiger sei als gedacht wurde. Die Globalisierung dürfe nicht nur unternehmensgetrieben sein. „Wir müssen sie widerstandsfähiger machen.“

    Joseph Stiglitz ist ein US-amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler und Professor an der Columbia University. Er war von 1997 bis 2000 Chefökonom der Weltbank und von 2011 bis 2014 Präsident der International Economic Association.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren

    Zum Thema:

    Manipulation und Betrug: Trump äußert sich in 46 Minuten langem Video zu Wahlergebnissen
    Wie Verbrecher behandelt? Quarantäne-Schreiben wegen harter Wortwahl in Kritik – Sputnik hakt nach
    Russischer Impfstoff darf dran, so Kommission von der Leyens - aber „nirgendwo in EU außer Ungarn“
    Teil-Lockdown in Deutschland bis zum 10. Januar – Hoffen auf baldige Impfungen
    Tags:
    Vereinigte Staaten, USA, Republikaner, Wirtschaftskrise, Weltwirtschaft, Große Depression, Covid-19, Coronavirus, Donald Trump, Joseph Stiglitz, US-Wirtschaft, Wirtschaft, Nobelpreis, Nobelpreisträger