06:03 21 September 2020
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    Ladenschließungen und das Ausbleiben der Touristen haben den Handel in der deutschen Hauptstadt schwer mitgenommen. Auch jetzt, da Geschäfte teilweise wieder öffnen dürfen, sei die Corona-Krise spürbar und die eigentliche Durststrecke stehe erst noch bevor, sagt Niels Busch-Petersen vom Handelsverband Berlin-Brandenburg.

    Über die aktuellen Probleme des Handels, den Sinn einzelner Maßnahmen und mögliche Wege aus der Krise sprach Sputnik mit Niels Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Berlin-Brandenburg.

    Dass die Läden zum Teil wieder öffnen durften, sei kein echter Befreiungsschlag, so Busch-Petersen. Die Bevölkerung sei vorsichtig, und bezüglich Umsatz, Ertrag und grundlegenden Frequenzen sei man weit unter Normalität. Der Handel stelle sich trotz der Öffnung auf eine Durststrecke ein.

    „Wir wissen, dass die Arbeitslosigkeit steigen wird. Das sind die entscheidenden Rahmenbedingungen für den privaten Konsum. Wenn sich diese negativ gestalten, dann weiß auch der Handel aus bitteren Erfahrungen, dass sich seine Umsatzentwicklung negativ verhält. In Berlin verstärkt dadurch, dass Berlin in den letzten Jahrzehnten im Wesentlichen im Handel seine Umsätze durch den Tourismus gerettet hat. 20 bis 25 Prozent unserer Gäste sind Touristen – die sind jetzt nahezu vollständig fort, und werden auf mittlere Sicht national und auf längere Sicht international auch nicht wiederkommen. Damit ist schon mal ein großer Teil des möglichen Umsatzes verloren.“

    Bundesweit seien es in den letzten Monaten im Nicht-Lebensmittelhandel täglich eine Milliarde Euro Umsatz gewesen, die dem Handel verlorengegangen sind. Da, wo Touristen eine Rolle spielten, treffe es alle: Den Kiosk, das Souvenirgeschäft Unter den Linden, genauso wie das Luxuswarengeschäft. Alle seien betroffen, weil ja auch die Touristen sehr bunt zusammengewürfelt sind.

    „Wir hatten sie alle und jetzt haben wir sie nicht, bis mindestens ins nächste Jahr hinein. Wir können Signale deuten. Wenn die Corona-Klinik auf dem Messegelände gebaut wird, dann  ahnen wir, was das im Hinblick auf große Messen heißt, die wichtig waren für Berlin: Die werden wir auch nicht mehr sehen. Das ist eine sehr schwierige Situation. Es bleibt uns nur das, was Berlin immer gemacht hat: Berlin ist immer wieder aufgestanden. Wir müssen uns auf unsere Kunden besinnen, auf unsere lokalen Kräfte. Es reicht zwar nicht, wenn wir einander die Haare scheren, aber wir müssen sehen, dass wir so viel wie möglich miteinander kooperieren und unsere Wirtschaft erhalten.“

    Auch in der kontroversen Debatte um Mietstundungen für große Handelsketten wie Adidas mahnt der Fachmann zu Kooperation und dem Erhalt guter Mietbeziehungen. Der Vermieter wolle, wenn die Geschäfte wieder hochfahren, auch eine vernünftige Mietbeziehung mit seinem Mieter. Das sollte unbelastet sein durch einseitige Problemverlagerungen.

    „Wir müssen in jedem einzelnen Fall einen kooperativen Ansatz finden, eine Lösung, bei der der Schaden, der für beide Seiten entsteht, vernünftig geteilt wird. Denn was nützt es dem Vermieter, vielleicht noch drei Mieten reinzukriegen und dann den Mieter verloren zu haben?“

    Für die Regelung, dass nur Geschäfte mit einer Fläche von weniger als 800 Quadratmetern wieder öffnen dürfen, hat Busch-Petersen kein Verständnis. Die Annahme, dass dann die Innenstädte sofort vor Menschen wimmeln würden, sei Quatsch, und die Begrenzung völlig willkürlich. Gerade das Management der Kundenströme, die Überwachung einer großflächigen Handelseinrichtung, die Umsetzung hygienischer Standards würden nämlich viel besser in großen Geschäften funktionieren, als in einem kleinen, verwinkelten Einzelgeschäft. Auch die unterschiedlichen Regelungen von Bundesland zu Bundesland seien nicht nachvollziehbar.

    All das habe man der Politik seitens des Handels immer wieder mitgeteilt, so Busch-Petersen.

    „Für mich eine Katastrophe, weil hier viele systemrelevante Häuser der Innenstadt ganz klar ins Aus gesteuert werden. Die Politik muss diese merkwürdige Grenze fallen lassen und wir werden verantwortungsbewusst damit umgehen. Diese Form der diskriminierenden Öffnung ist nicht hinnehmbar!“

    Hinter den teils merkwürdigen Regelungen sieht der Fachmann den Einfluss von Lobbygruppen. Wie anders sei es zu erklären, dass Autohäuser wieder aufmachen dürften, Möbelhäuser aber nicht?

    „Ich nehme auch viele Handelnde nicht in Schutz, denn wir haben uns in den letzten Jahren viel zu wenig mit solchen Krisensituationen befasst. Wir haben es sträflich nicht trainiert, und jetzt befinden wir uns in einer Situation, die einfach beispiellos ist, und die noch keiner geübt hat. Da werden Fehler gemacht. Aber wenn man Fehler erkennt, wie bei den 800 Quadratmetern, dann muss man sie schnell abstellen und nicht aus Glaubensgründen warten.“

    Einen Grund für teils nicht nachvollziehbare und oft verspätete Entscheidungen der Politik sieht Niels Busch-Petersen in der Angst, etwas falsch zu machen. Diese sitze immer am Verhandlungstisch mit und lähme die Entscheidungsträger. Dass Gastronomen und Ladenbetreiber, denen es durch die Schließungen inzwischen an die Existenz geht, trotzdem die Füße stillhalten und nicht vor dem Brandenburger Tor demonstrieren, begründet er damit, dass in Deutschland trotz allem die Staatsraison regiert. Wenn Proteste aus medizinischen Gründen nicht zulässig seien, würde der deutsche Bürger lieber verhungern, als auf die Straße zu gehen. Busch-Petersen ist überzeugt: Was es jetzt vor allen Dingen braucht, ist ein vernünftiger Dialog.

    „Ich möchte nach wie vor nicht vor dem Roten Rathaus Sterbelieder auf meine Branche singen, sondern im Roten Rathaus mit den Verantwortlichen darüber reden, wie wir die Bedingungen gestalten. Und es gibt ja viele vernünftige Dinge, einzelne Schritte. Gerade Kleinstbetriebe, die wir mit der Soforthilfe durchgekriegt haben. Wir haben ein paar Ansätze, und da müssen wir auch weitermachen.“

    Die nun bundesweit eingeführte Maskenpflicht im Einzelhandel begrüßt der Fachmann. Wenn Kunden mit Atemschutzmasken oder Schals in die Geschäfte kämen, sei das auch ein positives Signal an die Mitarbeiter. Für diese wiederum seien die handelsüblichen Masken nicht sinnvoll – da verlasse sich der Handel auf eigene Maßnahmen.

    „Wer in einem Plexiglaskasten sitzt, muss nicht selbst auch noch eine Maske aufsetzen. Wir haben teilweise Visiere im Einsatz, die für körperlich härter arbeitende Menschen einfach besser sind, weil, wenn Sie acht Stunden lang eine Palette nach der anderen abstapeln, kollabieren Sie unter einer normalen Stoffmaske.“

    Für den Schutz von Mitarbeitern und Kunden seien die Tresen im Bedienbereich teilweise so eingerichtet, dass wirklich zwei Meter Abstand gewährleistet sind.

    Einkaufsgutscheine, die dabei helfen sollen, notleidende Geschäfte über die Krise zu bringen, hält Busch-Petersen für eine gute Idee.

    „Wenn wir wollen, dass das große 'Orchester Stadt' wieder richtig gut spielt, dann brauchen wir auch künftig alle Akteure. Wir brauchen die Streicher, die Bläser und die Perkussionisten – also den Handel, die Hotellerie, die Gastronomie. Ein solches Programm, wie es von verschiedenen Seiten vorgeschlagen wird, würde ja dem Kunden die Möglichkeit geben, das Geld dort, wo er möchte, auszugeben – möglichst lokal. Vieles landet in Gastronomie und Handel vor Ort und würde insgesamt die Konjunktur ein bisschen ankurbeln. Aber dabei können wir es nicht bewenden lassen. Wir müssen weiter nachdenken über konjunkturfördernde Maßnahmen, Investitionszulagen etc. Wir müssen alles dafür tun, dass wir diesen Einbruch so schnell wie möglich kreativ ausgleichen.“

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