07:39 01 Dezember 2020
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    Edelmetalle wie Gold spielen nicht nur in der jetzigen Wirtschaftskrise eine wichtige Rolle. Die Nachfrage vor allem nach Gold-Münzen ist laut Anbietern in Corona-Zeiten enorm gestiegen. Manche Goldhändler melden leere Lager. Im Sputnik-Interview schätzen Verantwortliche bei „Degussa“, dem Marktführer im deutschen Goldhandel, die aktuelle Lage ein.

    „Mittel- bis langfristig sehe ich den Goldpreis deutlich und stark ansteigen“, sagte Finanz-Experte Markus Krall, CEO und Geschäftsführer bei „Degussa Goldhandel“, im Sputnik-Interview. „Kurzfristig ist es fast unmöglich, vernünftige Prognosen abzugeben, weil zu viele einzelne Faktoren die Volatilität (Schwankungen an den Finanzmärkten, Anm. d. Red.) bestimmen. Die Nachrichtenlage ändert sich ja stündlich in so einer Krise. Aber was wir sagen können, ist: Die extrem steigende Geldmenge (unter anderem die milliardenschweren 'Corona'-Rettungspakete der Staaten, Anm. d. Red.) trifft auf ein fallendes Produkt-Angebot (hervorgerufen durch den Wirtschafts-Lockdown, Anm. d. Red.).“

    Diese Entwicklung treffe auch den deutschen Goldmarkt. Einer der führenden Goldhänder in Deutschland ist die „Degussa“ mit Sitz in Frankfurt am Main. Der Goldpreis scheine „derzeit nur eine Richtung zu kennen: nach oben“. Das berichtete der Nachrichtensender „n-tv“ vor wenigen Tagen. „In Euro gerechnet ist das Edelmetall so teuer wie noch nie.“ Medien und weitere Goldanbieter wie „Pro Aurum“ melden leere Lager und lange Wartezeiten. Der Preis beim begehrten Edelmetall liegt aktuell je Feinunze bei etwa 1570 Euro.

    „Die Deutschen besitzen mehr Gold als man denkt“

    Krall kommentierte die langen Menschenschlangen vor den „Degussa“-Filialen, die es noch vor dem Shutdown gab und erklärte den aktuellen „Run“ der Deutschen aufs Gold:

    „Es ist natürlich so, dass in solch einer Krise die Nachfrage nach Gold immer stark steigt. Viele Menschen haben sich mit Gold eingedeckt. Ich würde behaupten, dass dies kein völlig neues Phänomen in Deutschland ist. Der Goldbesitz hat in Deutschland eine lange Tradition.“

    Den meisten Menschen sei nicht bewusst, wieviel Gold die Deutschen tatsächlich besitzen. Es gebe nicht nur „das Gold der deutschen Bundesbank von 3400 Tonnen, das ja später quasi der Schatz ist, auf dem man dann nach der Krise wahrscheinlich neu aufbauen kann. Die Privatpersonen in Deutschland verfügen über einen relativ großen Goldschatz von etwa 9000 Tonnen. Das sind etwa fünf Prozent des weltweiten Goldbestandes. Diese Neigung der Deutschen, relativ viel Gold zu halten, ist durchaus nichts Neues.“

    Es gebe natürlich andere Länder „insbesondere im Mittleren Osten, in Ost- in Südasien (zum Beispiel Indien, Anm. d. Red.), wo der Bezug zum Gold noch viel intensiver ist als bei uns.“

    „Gold hat in Corona-Krise alle Turbulenzen überstanden“

    Die Degussa-Geschäfte in Deutschland sind aktuell wieder geöffnet und konnten bereits nach wenigen Tagen „die Warenversorgung sicherstellen. Wir haben jetzt eine leicht erhöhte Nachfrage, weil immer noch sehr viele Kunden über unseren Webshop nachfragen. Wir sehen immer noch einen Nachfrageüberhang, der sich bemerkbar macht und sowohl uns als auch unsere Wettbewerber und Kollegen an die Grenze der logistischen Leistungsfähigkeit geführt hat.“

    In der aktuellen Dramatik – hervorgerufen durch die Corona-Krise, die sich mittlerweile zu einer Weltwirtschafts-Krise ausgeweitet hat – „hat sich insbesondere das Gold wieder sehr positiv gezeigt“. Das sagte Thorsten Polleit, Chefvolkswirt bei „Degussa“, im Sputnik-Interview. Das Edelmetall „hat in US-Dollar gerechnet um zwölf Prozent zugelegt seit Jahresanfang. Und das über die Turbulenzen der Börsen hinweg. In Euro gab es einen Wertzuwachs beim Goldpreis von etwa 16 Prozent. Insofern hat das Gold hier tatsächlich seine Portfolio- und Sicherungs-Funktion deutlich zur Schau gestellt.“

    Bei einer Gold-Investition „muss man sich darüber im Klaren sein, was Gold eigentlich überhaupt in meinem Portfolio bedeutet. Da gibt es verschiedene Auffassungen. Die einen Experten sagen, Gold sei so etwas wie ein Rohstoff und im Investitions-Korb gewissermaßen dem Öl und den Nahrungsmitteln ähnlich. Und dann gibt es andere, die meinen: Gold ist eine Währung und steht damit in direktem Wettbewerb zum Euro, zum US-Dollar oder zu Schweizer Franken. Dieser Interpretation gehöre ich an.“

    Wie ist die Versorgungslage?: Edelmetalle aus Südafrika und Kanada

    Deutsche Goldhändler müssen beispielsweise Krugerrand-Goldmünzen aus Südafrika oder Mapleleaf-Münzen aus Kanada importieren. „Da sind gewisse Distanzen zu überwinden“, erklärte Degussa-CEO Krall zur aktuellen Versorgungslage auf dem deutschen Goldmarkt. „Das allein ist in unserer heutigen Krisenzeit ein gewisses logistisches Problem. Es ist bewältigbar, aber nur mit einer gewissen Anstrengung.“

    Bei anderen Produkten wie Goldbarren „liegt die Produktion geografisch sehr viel näher an uns. Da sind die Distanzen kürzer. Es hängt auch davon ab, ob in den betroffenen Ländern die Goldproduktion jetzt wieder hochgefahren wird.“ Degussa lässt sein Gold in der Schweiz prägen. „Die Schweiz hat 70 Prozent Weltmarktanteil am Gießen und Prägen von Goldbarren. Das konzentriert sich alles im schönen Tessin an der Grenze zu Italien. Dort war der Lockdown etwas stärker ausgeprägt als im Rest der Schweiz. Die Goldraffinerien mussten komplett schließen.“

    Die Angst der Menschen vor der staatlichen Enteignung

    „Gold wird jetzt wieder system-relevant“, zeigte er sich überzeugt. Auch bedingt durch „die Angst der Menschen vor der staatlichen Enteignung“. In der Vergangenheit gab es immer wieder Krisen und Fälle, in denen Staaten das private Gold der Bürger für sich beanspruchten. „Das Goldverbot hat das Ziel, durch Enteignung die fiskalische Gier des Staates zu befriedigen. Da habe ich durchaus Verständnis für Menschen, die sagen: 'Das muss natürlich jetzt nicht sein, dass der Staat sich einfach an meinem Vermögen, das ich verdient und versteuert habe, vergreift.' Und dann gibt es noch die ganz große Frage: Was passiert eigentlich mit unserer Währung?“

    Gold sei eben der „Schutz des eigenen Vermögens. Es inflationiert nun einmal nicht (also verliert nicht an Wert, Anm. d. Red.) und darauf gibt es auch keine Negativzinsen. Und wenn es wieder ein funktionsfähiges Währungssystem nach der Krise geben sollte, dann kann das nur auf den Goldreserven der europäischen Zentralbanken aufgebaut werden. In anderen Worten: Dass die neue Währung goldgebunden sein wird. So dass Gold als neues Zahlungsmittel wieder der Standard wird.“

    Experten-Tipps für Anleger: Gold oder Aktien?

    „Ich würde einen gewissen Teil meines Portfolios in Gold anlegen, etwa 20 Prozent“, empfahl Krall Anlegern. „Ich würde aber in der Tat Aktien halten. Und zwar in anti-zyklischen Branchen, die in der Krise besonders gut performen.“ Darunter beispielsweise die Pharma-Industrie, die Lebensmittelbranche oder auch die Unterhaltungsindustrie. „In schlechten Zeiten wollen die Menschen mehr Entertainment. Das war schon in den 1930er Jahren so.“ Er rate jedoch auch dazu, eine gewisse Menge an Bargeld vorrätig zu haben.

    „Das Gold ist in der letzten Konsequenz Geld“, betonte Degussa-Chefvolkswirt Polleit. „Dr. Krall sagte das schon richtigerweise: Seit mehr als 5000 Jahren ist das Gold ein Wertaufbewahrungsmittel, und ich bin der Meinung, die Menschheit hat bisher noch kein besseres Geld als Gold gehabt. Ein Teil des liquiden Vermögens in Gold zu halten – das sollte der Anleger in jedem Falle tun.“ Jeder Anleger könne und sollte deshalb darüber nachdenken, liquide Teile seines Portfolios mit „Gold-Geld“ zu bestücken. „Man rufe sich nur die Preisentwicklung des Goldes in den letzten 20 Jahren in Erinnerung. Wer bei Einführung des Euro sich dazu entschieden hat, Gold zu kaufen, der hat einen Wertzuwachs von etwa knapp neun Prozent pro Jahr erzielt. Damit hat er letztlich die Performance des DAX geschlagen.“

    „Wer überzeugt ist, dass das Währungssystem zusammenbricht und eine große Depression droht, der ist nicht gut beraten, in Aktien zu investieren. Wer allerdings die Chance sieht, dass die Volkswirtschaften doch in den nächsten Jahren auch mit Inflationsschüben und Produktionsausfällen die weltweite Produktivität wieder herstellen können, der ist gut beraten, zumindest ein Teil seines Vermögens in Produktiv-Kapitel zu investieren.“

    Wenn die Geschichte eines lehre, „dann ist es die Erkenntnis, dass das ungedeckte Papiergeld seine Kaufkraft im Zeitablauf einbüßt. Das Gold kann nie entwertet werden und es trägt anders als Bankeinlagen keine Zahlungsausfallrisiken.“

    Das Radio-Interview mit den Gold-Experten Dr. Markus Krall und Dr. Thorsten Polleit zum Nachhören:

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