19:24 28 Oktober 2020
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    Die deutsche Wirtschaft sieht sich in der Corona-Krise nicht nur mit Massenarbeitslosigkeit, einer riesigen Zahl von Kurzarbeitern und einem überschuldeten Staatshaushalt konfrontiert. „Der Lockdown schadet unserer Wirtschaft massiv“, warnt Thorsten Polleit, Chefvolkswirt bei „Degussa“. Im Sputnik-Interview nennt er auch positive Entwicklungen.

    Schon seit Wochen ist es eines der Themen in der deutschen Wirtschaft: Die aktuelle Zahl der Kurzarbeiter. Nach Medienmeldungen sind das über zehn Millionen Menschen, die aktuell in der Krise notgedrungen in Kurzarbeit sind. „Die Corona-Krise schlägt voll auf den Arbeitsmarkt durch“, berichtete die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) bereits Ende April. „So viele Beschäftigte wie noch nie dürften derzeit in Kurzarbeit sein“. Auch die Anzahl der Arbeitslosen steige kräftig.

    „Das ist eine dramatische Zahl“, erklärte Finanz- und Wirtschafts-Experte Thorsten Polleit im Sputnik-Interview. Der Ökonom ist Chefvolkswirt bei „Degussa Goldhandel“ mit Sitz in Frankfurt/Main, dem größten Goldhändler in Deutschland sowie Honorarprofessor an der Universität zu Bayreuth.

    „Die Zahl spiegelt wieder, wie stark der politisch verordnete Lockdown der deutschen Wirtschaft schadet. Wir haben in Deutschland mittlerweile über 725.000 Betriebe, die Kurzarbeit angemeldet haben. Im Mai 2009 (nach der Finanzkrise 2008, Anm. d. Red.) waren es im Vergleich nur etwa 1,4 Millionen Menschen, die in Kurzarbeit gehen mussten. Die Kurzarbeit ist jetzt auf zehn Millionen Menschen angestiegen. Das ist dramatisch. Wir haben derzeit eine Arbeitslosenquote von de facto 22 Prozent – wenn man als Grundlage die Erwerbstätigen zu Grunde legt. Das zeigt, wie schädlich sich der Lockdown auf die deutsche Wirtschaft auswirkt.“

    „Bund wird sich massiv verschulden“

    Die momentane Krise treffe zudem auch Selbständige, Freiberufler, Freischaffende und Künstler. „Diese Krise trifft viele Menschen. Die Dramatik kann man gar nicht deutlich genug hervorbringen, wie problematisch sich dieser Lockdown auswirkt." Es sei zu befürchten:

    „Je länger dieser Lockdown andauert, desto größer ist die Gefahr, dass sich die Probleme nicht nur linear fortschreiben, sondern dass sie exponentiell werden. Deshalb ist zu hoffen, dass es der deutschen Volkswirtschaft möglichst bald gelingt, sich aus diesem Lockdown zu befreien.“

    Es ist laut Polleit damit zu rechnen, dass in naher Zukunft die Bundesrepublik ihre finanziellen Ausgaben zur Bekämpfung der Krise drastisch ausweiten wird. „Die Kreditaufnahme des Bundes wird massiv anschwellen. Die aufgenommenen Gelder werden als Subventionen, Kredite oder Kurzarbeiter-Geld weitergereicht. Die Sozialkassen allein können das nicht bewältigen. Der Bund wird einspringen und so wird letztlich die Verschuldung weiter in die Höhe getrieben. Das ist natürlich eine heftige Hypothek, die die Lockdown-Periode der deutschen Volkswirtschaft auferlegt.“

    Droht die Depression?

    „Eine Depression bedeutet eine starke Kontraktion (also eine Verminderung der in einer Volkswirtschaft vorhandenen Geld- und Kreditmenge, Anm. d. Red.) des Wirtschaftsgeschehens. Da geht nicht nur die Produktion zurück, sondern das Arbeitsangebot schrumpft. Auch die Arbeitsmärkte kollabieren, es kommt zu Massenarbeitslosigkeit.“ All diese Merkmale seien aktuell in ihrer Entstehung erkennbar.

    „Die Industrieunternehmen der Eurozone (darunter Deutschland, Anm. d. Red.) haben ihre Produktion infolge der Corona-Krise massiv eingeschränkt“, meldete der „Deutschlandfunk“ am Mittwoch unter Berufung auf das europäische Statistikamt „Eurostat“ mit Sitz in Luxemburg. Demnach „lag die gesamte Herstellung im März um 11,3 Prozent niedriger als im Februar. (...) In allen 27 Ländern der Europäischen Union brach die industrielle Fertigung ein, im Jahresvergleich um 11,8 Prozent. Besonders stark betroffen sind sowohl in der Eurozone als auch in der EU die Hersteller von Gebrauchs- und Investitionsgütern.“

    Inflation oder Deflation?: „Zentralbanken weiten Geldmenge massiv aus“

    „Wenn die Wirtschaft in einer Depression zurück schrumpft, dann kommt es häufig auch dazu, dass es Abverkäufe an den Produktmärkten gibt und die Güterpreise fallen.“ Dies könne daher aktuell auch zu einer Deflation führen, also zu fallenden Preisen. Andere Experten – darunter „Degussa“-Geschäftsführer Markus Krall – warnen allerdings vor einer Inflation, also vor steigenden Preisen.

    „Degussa“-Chefvolkswirt Polleit nannte einen historischen Zeitraum, in dem Ähnliches geschah: „Entscheidend ist letztlich die Entwicklung der Geldmenge in der Volkswirtschaft. Von 1929 bis 1933 hatte man eine Weltwirtschaftskrise. Damals schrumpfte die Geldmenge. Das hatte ganz entscheidend dazu beigetragen, dass Preise, Aktienkurse, Güterpreise fielen.“

    In der aktuellen Corona-Wirtschaftskrise „stehen die Dinge etwas anders. Die Notenbanken und Zentralbanken haben die elektronische Notenpresse angeworfen und finanzieren im Grunde den Einkommensausfall mit neu gedrucktem (und erschaffenem, Anm. d. Red.) Geld. Das Geldangebot schwillt an. In den USA steigt schon die Geldmenge M1 um etwa 26 Prozent. Das ist der Bargeldbestand plus die Guthaben der Bürger bei den Banken. Das zeigt an, wie stark die Geldmenge jetzt ausgeweitet wird, um den Einkommensausfall zu kompensieren. Ich tendiere dazu, dass das in längerer Frist die Preise natürlich in die Höhe treiben wird.“

    Allerdings: In welchen Wirtschaftsfeldern und Branchen sich diese Preiserhöhung bemerkbar machen wird, sei bisher noch unklar. „Ob das auf der Ebene der Konsumgüter, auf der Produktionspreis-Ebene oder in den Vermögensmärkten passiert, das ist jetzt noch unsicher.“

    Was Hoffnung macht: „Investoren vertrauen wieder“

    „Die Entwicklung war ja dramatisch“, sagte Polleit mit Blick auf die deutschen Börsen und den Aktienindex DAX. Dieser „erreichte am 18. März einen Tiefpunkt mit einem Wertverlust von etwa 39 Prozent gegenüber dem Höchststand im Februar.“

    Dennoch gebe es bei allen Krisensymptomen auch Lichtblicke in der aktuellen Zeit. Laut dem Wirtschafts-Analytiker ist der deutsche Aktienindex seitdem „wieder angestiegen. Und zwar merklich um 32 Prozent.“ Damit bleibe er zwar im Minus in einer „zwar dramatischen Entwicklung. Aber: Dieser letzte Anstieg der Aktienkurse spiegelt offensichtlich wieder, dass es ein gewisses Vertrauen bei den Investoren gibt. Dass die Zentralbanken diesen Systemzusammenbruch doch abwenden können.“

    Aktuell melden auch Wirtschaftsnachrichten ähnliche Lichtblicke. „Trotz der deutlichen Verluste dürfte es vorerst zu keinem neuen Crash kommen“, berichtete das „Handelsblatt“ am Donnerstag. Der deutsche Aktienmarkt bleibe zwar in einer schwachen Verfassung. Aber „trotz der deutlichen Verluste am gestrigen Mittwoch ist der Markt in einer guten Verfassung und bietet weiterhin gute Aussichten für höhere Kurse.“ Diese Einschätzung lieferte demnach ein Experte der Börse Frankfurt/Main. Er nahm Bezug auf eine sogenannte Sentimentumfrage, bei der sowohl institutionelle Investoren als auch Privatanleger befragt wurden. „Sollte der deutsche Leitindex allerdings die Marke von 11.000 Zählern überwinden, müssten die Investoren diesen Kursgewinnen hinterherlaufen. Dann könnte der Dax rasant weitersteigen.“

    Das Radio-Interview mit den Finanz-Experten Dr. Thorsten Polleit und Dr. Markus Krall zum Nachhören:

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    Tags:
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