21:45 03 Dezember 2020
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    Laut einer Umfrage der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK) sind die deutschen Unternehmen mit dem Krisenmanagement in Russland zufrieden, obwohl sie wegen der Corona-Krise Verluste in dreistelliger Euro-Millionenhöhe erleiden, nicht aber mit den staatlichen Hilfen für die russische Wirtschaft.

    Das geht aus der Umfrage unter den mehr als 900 Mitgliedern im April 2020 hervor, die von der AHK Russland veröffentlicht wurde. Die Anti-Corona-Maßnahmen haben bei zwei Drittel der Firmen zum teilweisen (48 Prozent) oder vollständigen Produktionsstopp (18 Prozent) geführt. Das große Volkswagen-Werk in Kaluga beispielsweise, eines der deutschen Leuchtturmprojekte in Russland, stand seit dem 30. März still. Erst Ende April nahm es die Produktion wieder auf.

    Trotz dieser Einbußen halte eine klare Mehrheit der über 4200 in Russland tätigen deutschen Unternehmen die Quarantäne-Maßnahmen sowohl in Deutschland als auch in Russland für angemessen, so der AHK-Vorstandschef Matthias Schepp.

    „Die Regierungen stehen vor der schwierigen Herausforderung, dafür zu sorgen, dass die Folgen der Anti-Corona-Maßnahmen nicht schlimmer sind als das Virus selbst. Sie müssen die Wirtschaft stützen, den sozialen Zusammenhalt gewährleisten und Exit-Strategien entwickeln, um einer tiefen und langen Wirtschaftskrise mit Pleitewellen und Massenarbeitslosigkeit entgegenzuwirken.“

    Forderungen der deutschen Wirtschaft in Russland

    Präsident Putin hatte wegen des Virus zunächst den gesamten April zum arbeitsfreien Monat erklärt, zahlreiche Unternehmen mussten ihren Betrieb einstellen. 85 Prozent deutscher Firmen halten die Maßnahmen zur Stützung der russischen Wirtschaft für unzureichend, wie die AHK Russland in ihrem Newsletter schreibt. 68 Prozent wünschen sich eine Vereinfachung des Steuerrechts in Bezug auf Abgabefristen von Steuererklärungen und Haftungsregelungen, 58 Prozent hoffen auf mehr Subventionen und Kredite insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen (KMU).

    41 Prozent der befragten Firmen wollen eine Aufhebung der Einreisebeschränkungen für hochqualifizierte Ausländer. Weitere Vorschläge sind u. a. Steuerentlastungen, Senkung von Sozialabgaben oder Kompensationen für Gehaltszahlungen. Übrigens haben sieben Prozent der deutschen Firmen bereits Coronavirus-Erkrankte. 59 Prozent der Top-Manager halten das Virus für „sehr gefährlich“, 41 Prozent jedoch für „nicht gefährlicher als eine Grippe“.

    Der Staat müsse mehr Eigenverantwortung zulassen, so Schepp. „Die Unternehmen sind in der Lage, ihre Mitarbeiter mit entsprechenden Hygienemaßnahmen gut zu schützen, letztlich besser als der Staat. In Zukunft sind wir auch bereit, als Partner der einzelnen Ministerien zu fungieren, um zur weiteren Schwächung des Isolationsregimes beizutragen. Die Hauptsache ist, dass die wirtschaftlichen und sozialen Folgen von Anticoronavirus-Beschränkungen minimiert werden.“

    Zuvor hatte die AHK eine Kampagne gestartet, um der deutschen Wirtschaft in Russland Gesichtsmasken zur Verfügung zu stellen. Und für Angestellte und ihre Familien kaufte die Kammer 6.000 Schutzmasken.

    „Die meisten unserer Mitarbeiter arbeiten weiterhin von zu Hause aus“, so der AHK-Chef, „aber nicht alle Unternehmen können die Arbeit ihrer Mitarbeiter im Home-Office organisieren. Und je schneller die meisten Unternehmen wieder arbeiten werden, desto geringer wird der Verlust für die Wirtschaft."

    Etwas von Deutschland lernen und übernehmen

    Der Vize-Direktor des Moskauer Europa-Instituts, Wladislaw Below, kommentierte die Umfrage im Sputnik-Gespräch wie folgt: Sie wurde Anfang April durchgeführt. Seitdem hat die russische Regierung genug zusätzliche Maßnahmen beschlossen, die den Wünschen der Geschäftswelt entgegenkommen. Allerdings hat die deutsche Regierung wesentlich mehr finanzielle Kapazitäten zur Unterstützung der kleinen und mittleren Unternehmen. Russlands Möglichkeiten sind in dieser Hinsicht bescheidener.“

    „Darüber hinaus stellen die an der Umfrage beteiligten deutschen Unternehmen nur 3,5 Prozent aller in Russland angesiedelten Firmen dar, deren Zahl seit 2013 um knapp 2.000 geschrumpft ist“, so der Deutschland-Forscher. „Dabei umfasste die Studie 149 von den 900 zur Handelskammer gehörenden Unternehmen. Das sind gerade 3,5 Prozent. Trotzdem ist das Ergebnis durchaus repräsentativ.“

    Die wichtigsten Wünsche der Deutschen seien dieselben, wie die der russischen Geschäftsleute, fährt der Experte fort. „Sie beinhalten eine Lockerung der Forderungen an die Steuerdaten-Übermittlung, eine Mäßigung der Steuerlast vor dem Hintergrund der Corona-Krise und eine umfassendere finanzielle Unterstützung der KMU. Überraschenderweise haben die Teilnehmer der Umfrage vom April die Reaktion der Regierungen während der Corona-Krise ungefähr gleich bewertet.“

    Below merkt an: „Videokonferenzen zeigen, dass Präsident Putin wie Premier Mischustin an den Banken, einschließlich der größten von allen, Sberbank, Kritik üben, die zinslose Darlehen nur ungern gewähren. Ungeachtet dessen lassen sich die Banken Zeit damit, ihr Verhalten zu ändern. Die Lage bewegt sich zwar nach und nach vom Fleck, aber nur mit Mühe, dabei wird die Hilfe jetzt, nicht in einem oder zwei Monaten benötigt. Dagegen wurde die Gewährung unentgeltlicher Zuschüsse von 4.000 bis 15.000 Euro in Deutschland entbürokratisiert. Die kleinen Unternehmen sind von der Berichterstattung über die Verwendung dieser Mittel befreit worden. Bei uns ist dies nicht möglich.“

    Der Deutschland-Experte bezeichnet jedoch das Bestreben der russischen Regierung, mit der Geschäftswelt im Dialog zu bleiben, als positiv, meint aber, Deutschland sei auch in diesem Bereich „uns deutlich voraus. Dort reagiert die Regierung schneller auf die Forderungen der Geschäftswelt. Davon können wir sicher etwas lernen und übernehmen.“

    Lockerungsphase der Anti-Corona-Maßnahmen in Sicht

    Inzwischen hat Präsident Wladimir Putin die wegen des Coronavirus verhängen „arbeitsfreien Tage“ für beendet erklärt. Nun beginnt auch in Russland die erste Lockerungsphase der Anti-Corona-Maßnahmen. Unternehmen aus zahlreichen Branchen dürften ihren Betrieb ab dem 12. Mai wieder aufnehmen, darunter Energie-, Bau-, Bergbau-, Landwirtschafts- sowie produzierende Unternehmen. Darüber hinaus hat Putin eine Reihe von Unterstützungsmaßnahmen für die Wirtschaft angekündigt, unter anderem: ein spezielles Kreditprogramm für bestimmte Branchen mit einem Zinssatz von zwei Prozent zur Auszahlung von Gehältern, Abschreibung aller Steuerzahlungen für Einzelunternehmen und KMU mit Ausnahme der Mehrwertsteuer im zweiten Quartal 2020 und Rückzahlung von 2019 gezahlten Steuern für alle Selbstständigen.

    VW-Werk in Kaluga (Archivbild)
    © Sputnik / Michail Fomitschew (ARCHIVFOTO)
    Die Regionen Russlands dürfen jedoch individuell entscheiden, welche Beschränkungen und zu welchem Zeitpunkt aufgehoben werden. In Moskau und St. Petersburg bleibt das Regime der „Selbstisolation“ bis Ende Mai in Kraft. Somit bleiben Restaurants, Schönheitssalons, Nicht-Lebensmittelläden und Parks weiterhin geschlossen. Bis Ende Mai sind auch die „digitalen Laufscheine“, Atemschutzmasken und Handschuhe zur Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel in Moskau obligatorisch.

    Lockdown-Lockerungen stießen bei den meisten Russen (80 Prozent) auf Zustimmung, wie eine Studie des Meinungsforschungsinstituts WZIOM zeigt. Etwa 89 Prozent der Befragten stimmten dem Wiederhochfahren der wichtigsten Industriezweige zu. Der Kampf gegen das Virus sei jedoch noch nicht beendet, so Wladimir Putin. Alle Unternehmen müssten sicherstellen, dass Sicherheitsvorkehrungen wie Mindestabstand und Maskenpflicht eingehalten werden. Massenveranstaltungen bleiben weiterhin verboten. Für Personen über 65 Jahre sowie chronisch Kranke bleiben alle Einschränkungen bestehen. 

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